ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2002Chirurgie: Nachwuchssorgen
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Ein Beispiel für die „digitale Revolution“ – das zentrale Thema des diesjährigen Chirurgenkongresses – im Operationsraum: Das System SIOS (Siemens) integriert sämtliche Funktionen über eine universelle Schnittstelle. Das OP-Team kann die wichtigsten Komponenten per Fernbedienung oder Spracheingabe aus dem sterilen Bereich heraus steuern. Der Operateur hat darüber hinaus Zugriff auf unterschiedliche Datenquellen, beispielsweise Videos, PACS-Befunde und Laborwerte, und kann diese am Befundmonitor einsehen. Foto: Siemens
Ein Beispiel für die „digitale Revolution“ – das zentrale Thema des diesjährigen Chirurgenkongresses – im Operationsraum: Das System SIOS (Siemens) integriert sämtliche Funktionen über eine universelle Schnittstelle. Das OP-Team kann die wichtigsten Komponenten per Fernbedienung oder Spracheingabe aus dem sterilen Bereich heraus steuern. Der Operateur hat darüber hinaus Zugriff auf unterschiedliche Datenquellen, beispielsweise Videos, PACS-Befunde und Laborwerte, und kann diese am Befundmonitor einsehen. Foto: Siemens
Die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie sieht sich mit einem Defizit an Operateuren sowie der Entwicklung neuer Trägerstrukturen im Krankenhaus konfrontiert.


Ein Mangel an Chirurgen steht vor der Tür“ war eine der zentralen Botschaften der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie anlässlich ihres Jahreskongresses in Berlin. Schon jetzt seien frei werdende Stellen nur schwer zu besetzen – insbesondere in den neuen Bundesländern. „Dies ist kein Ausbildungsproblem, denn nach wie vor ist der Zulauf zum Medizinstudium ungebrochen“, erklärte Kongresspräsident Prof. J. Rüdiger Siewert (TU München) bei seiner Eröffnungsrede: „Es ist die Konkurrenz gut dotierter und arbeitszeitfreundlicher Positionen, die auch den chirurgischen Nachwuchs von der Arbeit am Patienten abziehen – zum Beispiel bei Beraterfirmen, beim Medizinischen Dienst der Krankenkassen, bei Versicherungen und Verlagen.“
Viele junge Ärzte zögerten, die Weiterbildung zum Chirurgen anzustreben, nicht, weil sie die physische und psychische Belastung der Chirurgie fürchteten, sondern weil die beruflichen Endpositionen unattraktiv geworden seien. „Jung-Mediziner würden die Ochsentour der Weiterbildung für ein paar Jahre ja gerne auf sich nehmen, wenn letztlich die Zukunftsperspektiven stimmen würden“, so Prof. Matthias Rothmund (Marburg). Diese Entwicklung sei fatal, zumal ein Gutachten errechnet habe, dass wegen der zunehmenden Spezialisierung für das Jahr 2010 ein Mehrbedarf an Chirurgen von 39 Prozent bestehen wird“, sagte der Generalsekretär Prof. Wilhelm Hartel.
Dass sich viele junge Mediziner berufliche Alternativen „im Speckgürtel“ um die Medizin herum suchten, hänge auch damit zusammen, dass das seit 1996 gültige Arbeitszeitgesetz nicht im Alltag umgesetzt werden könne, ohne die Versorgung der Patienten zu gefährden. Hartel plädierte auch für die Einstellung von mehr Stationspersonal, um die jungen Ärzte von sinnloser Bürokratie zu entlasten. Der Nachwuchs verbringe viele Stunden mit nichtärztlichen Tätigkeiten, wie zum Beispiel dem Besorgen von Röntgenbildern oder Dokumentationen, deren Zweck oft unverständlich und unausgenutzt bleibe.
„Eine Vermehrung der Arztstellen in den Krankenhäusern, wie jetzt von Politikern und Verbänden angedacht, ist nur in Maßen sinnvoll, löst das Problem jedoch nicht“, so Rothmund. Es handele sich hier nicht um ein quantitatives, sondern um ein qualitatives Problem. Zukunftsperspektiven, akzeptable Arbeitsbedingungen in den Krankenhäusern und eine geordnete, planbare Weiterbildung würden dem Chirurgenmangel vorbeugen.
Großen Einfluss auf die chirurgische Struktur der Zukunft werde auch der sich neu entwickelnde Markt der Krankenhausträger nehmen. „Eine neue Trägerkultur zieht ein“, so Siewert. „Eine Folge davon ist, dass private Träger den staatlichen und kommunalen Häusern nicht nur junge Ärzte, sondern auch erfahrene Spezialisten mit deutlich besseren Einkommensversprechungen abwerben.“ Siewert sieht jedoch auch strukturelle Folgen: „Übernimmt ein Träger mehrere Häuser einer Region, gilt nicht mehr der Wettbewerb, sondern eine Umverteilung von Kompetenzen. Dabei werden Kernkompetenzen betont und gefördert.“
Für die Zukunft prognostiziert Siewert, dass periphere, aber flächendeckend verteilte „Diagnostikinseln“ Schwerpunktkliniken, die den regionalen Markt beherrschen, online vernetzt zuarbeiten werden. Unklar sei derzeit allerdings, wer dann die chirurgische Grundversorgung übernehmen solle. „Diese Inhalte dürfen nicht von den neuen Trägern festgelegt werden“, forderte der Kongresspräsident.
Siewert stimmte seine Kollegen in Berlin darauf ein, dass sich das Berufsbild des Chirurgen ändern werde. Der Chirurg werde nicht mehr als „charismatischer Heiler und einsamer Held“ im Zentrum der Therapieentscheidungen stehen; vielmehr müsse sich Chirurgie in Zukunft im Wettbewerb mit anderen Therapieprinzipien bewähren. Nicht das Therapieprinzip, das der zuerst behandelnde Arzt am besten beherrsche, habe zur Anwendung zu kommen, sondern das, welches dem Patienten am meisten nutze. „Das klingt selbstverständlich – ist es aber im Alltag nicht“, sagte Siewert und stellte die Frage in den Raum: „Wer von Ihnen stellt regelmäßig seine eigenen Therapieentscheidungen vorbehaltlos der Diskussion einer Expertenrunde – zum Beispiel einem Tumorboard – vor und schließt sich dann am Ende der Entscheidung des Panels an?“
Mit der Fülle an Informationen über den Patienten und der Vielfalt der Interventionsmöglichkeiten werde die Festlegung eines individuellen Therapiekonzeptes zu einem komplizierten Puzzle. „Um dieses Bild entstehen zu lassen, bedarf es organisatorischer und struktureller Voraussetzungen – eben krankheitsorientierter Zentren“, erklärte Siewert. Beste Beispiele hierfür seien die soliden Tumoren, die Gefäßkrankheiten, die Kardiologie sowie bestimmte Erkrankungen des Gastrointestinaltraktes. In der Onkologie spreche man schon jetzt von einem „chirurgischen Fenster“, in dem die Operation eine sinnvolle Therapieoption ist. Frühbefunde und metastasierte Tumoren gehörten nicht dazu. „Möglicherweise kommt es durch diese Entwicklung zu einer Reduktion der Eingriffszahlen, wie auch schon in den letzten Jahren. Die Chirurgie verschlankt, aber sie wird fitter und besser“, sagte Siewert.
Neue Entgeltsysteme
Auch das Fallpauschalengesetz bewegte den Berliner Kongress: „Wer mit klaren chirurgischen Diagnosen arbeitet, dem muss vor den DRGs nicht bange sein. Wer aber im Graubereich schwimmt, muss rechnen lernen“, erklärte Siewert. Dennoch würden bestimmte Leistungen für eindeutig stationäre, chirurgische Diagnosen nicht oder nur inadäquat in den neuen Entgeltsystemen abgebildet. Als Beispiele nannte Siewert multiviszerale Tumor-Resektionen, multimodale Therapien bei Tumoren, die Intensivmedizin und die Verbrennungsmedizin: „Hier besteht Diskussionsbedarf. Denn gute und große Chirurgie muss auch adäquat honoriert werden, sonst macht sie eines Tages keiner mehr.“
Dr. med. Vera Zylka-Menhorn
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