ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2002Afghanistan: Medizin ist Mangelware

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Afghanistan: Medizin ist Mangelware

Dtsch Arztebl 2002; 99(20): A-1351 / B-1131 / C-1057

Kanders, Jo

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Ahmad blickt auf die von Bomben zerstörte afghanische Hauptstadt. Die Hoffnung braucht einen langen Atem. Fotos: Jo Kanders
Ahmad blickt auf die von Bomben zerstörte afghanische Hauptstadt. Die Hoffnung braucht einen langen Atem. Fotos: Jo Kanders
In der einzigen Kinderklinik Afghanistans in Kabul warten
einige der am schwersten erkrankten kleinen
Patienten auf eine Behandlungsmöglichkeit in Deutschland.

Nach Verteidigungsminister Rudolf Scharping sah sich nun auch Bundeskanzler Gerhard Schröder veranlasst, die deutschen Soldaten in Afghanistan zu besuchen. Die deutschen Politiker geben sich im Land am Hindukusch die Klinke in die Hand. Sie sind gern gesehen, und die Übergangsregierung in Kabul hofft einmal mehr auf Hilfe aus Deutschland. Von unbürokratischer Hilfe war stets die Rede. Die Milliarden-Dollar-Beträge schwirrten nur so durch die Luft. Von all dem hat das geschundene Volk bisher jedoch wenig gesehen. Kaum etwas hat sich verändert. Staatsmänner und Minister kommen und gehen, die Probleme aber bleiben.
Die Zweimillionenmetropole Kabul, einst Stolz Mittelasiens, kämpft mit unhaltbaren hygienischen Zuständen, Nährboden vieler Infektionskrankheiten. Strom und Wasser sind rationiert, tagsüber abgeschaltet. Wasser muss an wenigen öffentlichen Brunnen geschöpft werden. Mit Kesseln und Kannen stehen die Menschen Schlange. Für knapp fünf Stunden wird nachts Strom geliefert, damit die Bewohner in ihren zerstörten Häusern nicht frieren.
Medizin ist Mangelware Nummer eins, ärztliche Versorgung eine teure Rarität. Die rund zwölf Millionen Kinder, mehr als 60 Prozent der Bevölkerung, leiden am meisten. Jedes fünfte müsste behandelt werden, darunter viele, die Opfer von Antipersonenminen wurden. Das einzige Kinderkrankenhaus des Landes, das Indira-Gandhi-Hospital in Kabul mit 400 Betten, ist völlig überlaufen. Zwischen 300 und 400 Frauen mit Kindern bitten jeden Morgen an der Ambulanz um Einlass. Mit Gewehrkolbenschlägen drängen selbst ernannte Polizisten der Nordallianz sie zurück.
Gut ausgebildete Ärzte und Schwestern sind knapp. Dr. med. Willy Kemmer, ein deutscher Arzt, der im Auftrag des Hammer Forums die orthopädische Station leitet, kann ein Lied davon singen. Im Kinderhospital fehlt es an aseptischen OPs, an den einfachsten Medikamenten, an chirurgischen Instrumenten, an Verbandszeug. Die Luft im Hospital ist voll Staub, die Gänge düster ohne Licht, die Menschen hasten hin und her. Jeder, der einen weißen Kittel trägt, wird angesprochen, festgehalten, angefleht. Mütter strecken ihnen ihre Kinder entgegen. Auf dem Flur der unteren Etage erbärmliche Krankenzimmer, schmuddelig, dunkel. Kinder und Erwachsene hocken auf Betten oder Fußboden, auf kleinen Öfen brutzeln Süppchen, mit Fingern kratzen die Kleinen das letzte Reiskorn aus der Blechschüssel. Manche schreien vor Schmerzen, andere schauen apathisch. „Die Intensivstation“, erklärt Kemmer. Sie gleicht einer Abschiebestation für Sterbende. Die medizinische Betreuung beschränkt sich auf das Minimale. Jeden Tag liegen andere in den Betten. Die Toten werden in der Nacht fortgeschafft. Schlimmer kann Kinderelend kaum sein.
Kemmers Orthopädiestation in der zweiten Etage ist halbwegs sauber. Die Kinder haben ordentliche Decken, keine Lumpen als Zudecke. Viele der kleinen Patienten haben ein Bein oder einen Arm in Gips. „Osteomyelitis“, klärt Kemmer auf. „Das gibt es hier zuhauf. Eine Folge mangelnder Ernährung und schlechter Hygiene.“ Im hinteren Zimmer befinden sich drei Jungen und drei Mädchen im Alter zwischen fünf und zehn Jahren, die mittlerweile in deutschen Kliniken kostenfrei behandelt werden.
Eine Mutter wartet mit ihrem hörbehinderten Kind in der HNO-Ambulanz des Kabuler Kinderkrankenhauses.
Eine Mutter wartet mit ihrem hörbehinderten Kind in der HNO-Ambulanz des Kabuler Kinderkrankenhauses.
Marufa, das Mädchen im roten Kleid, wartet schon lange auf ihre Ausreise. Ihre Oma sitzt seit Wochen an ihrem Bett, wischt ihr den Schweiß aus der Stirn, spricht ihr Mut zu. Die 14-Jährige leidet unter einem Neurofibrom. Marufas Atem geht schwer. Der Tumor hat bereits den gesamten linken Lungenflügel erfasst. Aus der linken Schulter quillt eine faustgroße Schwellung, die auf die Atemwege drückt. Kemmer ruft nach Sauerstoff.
Dr. Willy, wie ihn die Kinder nennen, streicht Marufa über die Wange, versucht, sie zu beruhigen. „Wir können ihr hier nicht helfen“, sagt er. „Ich habe versucht, in Deutschland eine Klinik zu finden, die sie umsonst operiert. Aber die wollte es bezahlt haben.“ Geld haben die Eltern nicht, nicht für den Flug und schon gar nicht für die Operation. Die Familie stammt aus Khairkhana, gut hundert Kilometer südlich von Kabul. Der Vater ist arbeitslos. Er teilt das Schicksal von Millionen von Afghanen, die der Krieg um ihren Arbeitsplatz beraubt hat. Nur einige wenige im Süden des Landes haben im grenznahen Pakistan einen Job gefunden. Marufa hat noch sechs Schwestern und vier Brüder. Die Hoffnung ruht jetzt auf Prof. Seidenberg und dem Team der Städtischen Kinderklinik in Oldenburg, die sich um medizinische Hilfe für das Mädchen bemühen. Regelmäßig lässt das Hammer Forum Kinder ausfliegen, sind deutsche Krankenhäuser bereit, diese Kinder kostenlos zu behandeln. Inzwischen haben deutsche Ärzte erste Spenden gesammelt.
Unter denen, die ausgeflogen wurden, ist Palwasha. Die Fünfjährige aus einem Dorf 700 Kilometer südöstlich von Kabul wurde Opfer eines amerikanischen Bombenangriffs. Bombensplitter haben sich in ihren Rücken in unmittelbarer Nähe der Halswirbelsäule gebohrt, sie ist gelähmt. Das Mädchen wurde inzwischen an einer Saarbrücker Klinik operiert und ist auf dem Wege der Besserung.
Palwashas Eltern arbeiten in Pakistan, verdienen dort den spärlichen Unterhalt für die Großfamilie. Arbeit gibt es in Afghanistan so gut wie keine. Die verbliebenen Industrieanlagen sind zerbombt. Manche versuchen sich als Schuhputzer, andere als Straßenhändler oder Dieselverkäufer mit Kanistern an den Straßen. Tankstellen gibt es nicht.
Die Bomben haben Palwashas Dorf in Schutt und Asche gelegt. Das Mädchen lag im Bett, als die Bombensplitter sie trafen. Die Großmutter fand sie dort blutüberströmt. Durch das anhaltende Bombardement traute sie sich nicht aus dem Haus. Sie versuchte, das schreiende Kind zu beruhigen, verband den Rücken notdürftig mit Tüchern und wartete bis zum Morgengrauen. Erst als es still geworden war, holte sie Hilfe. Auf einem Karren brachte sie Palwasha in die Kilometer entfernte Ambulanz Rashni. Dort blieb sie mit dem Kind, bis es transportfähig war. Dann wurde Palwasha ins 700 Kilometer entfernte Kinderkrankenhaus nach Kabul gefahren.
Ein Wettlauf mit der Zeit
Die Kinder aus Kabul herauszubringen ist ein Hürdenlauf und ein Wettlauf mit der Zeit. Einen Flug von Kabul direkt nach Deutschland gibt es nicht. Zwar pendelt die UN täglich zwischen Kabul und Islamabad. Doch der Flieger bleibt Diplomaten vorbehalten. Nur wenn Plätze frei sind, können andere Passagiere gegen Zahlung von 600 US-Dollar mitfliegen. Wegen des schwer kalkulierbaren Risikos scheut Willy Kemmer den Landweg über den Khaiberpass nach Peshawar. Erst vor kurzem haben pakistanische Grenzer einen Konvoi wegen fehlender Visa zurückgeschickt. Ein Drama für Ärzte und Kinder.
Ahmad, acht Jahre alt aus Nasrtulla, hat lange mit den anderen ausharren müssen. Humayon, der gute Geist im Gästehaus des Hammer Forums, hat die Pässe für die Kinder besorgt. Im Geldbasar hat er dafür Dollars in Afghani, die Landeswährung, getauscht. Um die acht Millionen Afghani, rund 250 Euro, hat es gekostet. Der Geldbasar ist in Afghanistan derzeit die einzige Möglichkeit, Geld zu tauschen. Banken gibt es nicht – und damit auch keine Konten für internationale Hilfe.
Die Enttäuschung, zwei Anläufe zu brauchen, hat alle Beteiligten mitge-nommen. Die deutsche Botschaft in Kabul erweist sich in Sachen bürokratischer Unterstützung als nicht besonders hilfreich. Dabei könnten die Visa für Deutschland schon dort ausgestellt werden. Ein weiteres Problem: die fehlende Kommunikation. Offiziell gibt es zwar wieder Post und Telefonverbindungen. Aber bis Post und Telefonnetz halbwegs funktionieren, vergehen noch Monate. Wer es sich leisten kann, hat ein teures Satellitentelefon, kann es aber auch nur eingeschränkt nutzen. Strom und Wasser sind tagsüber noch zeitweise abgeschaltet.
Dennoch haben sich die Menschen mit den Zuständen abgefunden. Wenn nur nicht mehr geschossen und gebombt wird, hoffen sie. Darüber vergessen sie sogar ihren Unmut über die neuen Herrscher der Nordallianz. Ausgerechnet jene, die die Taliban damals vertrieben hatten, sind als neue Machthaber zurückgekehrt in eine Stadt, die sie in Schutt und Asche gelegt hatten. Auch jetzt kennen die neuen Herren kein Erbarmen.
In den Krankenzimmern des Indira-Gandhi-Hospitals in Kabul herrscht drangvolle Enge.
In den Krankenzimmern des Indira-Gandhi-Hospitals in Kabul herrscht drangvolle Enge.
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In einer Nacht, kaum 200 Meter von Willys Kemmers Haus entfernt, drangen Angehörige der neuen Sicherheitskräfte in das Haus einer britischen Hilfsorganisation ein. Als die vier Mitarbeiter den Zutritt verweigerten, wurden sie erschossen. Als Willy Kemmer nach der „Befreiung Kabuls“ durch die Nordallianz zurückkehrte, war sein Geländewagen gestohlen. Man war in sein Haus eingedrungen, hatte seinen Hausdiener krankenhausreif geschlagen und was nicht niet- und nagelfest war, mitgenommen. Es wird noch Jahre dauern, bis die Spuren aus jahrzehntelangem Krieg und Bürgerkrieg halbwegs beseitigt sind, bis sich das Leben in Afghanistan wieder normalisiert hat. Die Hoffnung braucht einen langen Atem. Jo Kanders

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