ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2002Afghanistan: Kein EKG-Papier für die Uniklinik

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Afghanistan: Kein EKG-Papier für die Uniklinik

Dtsch Arztebl 2002; 99(20): A-1353 / B-1133 / C-1059

Jelenik, Armin

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Spielplatz Kanalisation: Kinder vertreiben sich in Jalalabad neben den offenen Abwassergräben die Zeit.
Spielplatz Kanalisation: Kinder vertreiben sich in Jalalabad neben den offenen Abwassergräben die Zeit.
Im ländlichen Afghanistan ist die medizinische
Versorgung de facto nicht mehr existent.

Ningrahar University Hospital“ steht über dem Eingang des graubraunen Gebäudes – ein guter Name in Afghanistan. Jalalabad, die Hauptstadt der Provinz Ningrahar, ist neben Kabul die einzige Universitätsstadt des Landes, und wer entlang der Grenze zu Pakistan krank wird, der macht sich oft über mehrere Hundert Kilometer auf den Weg nach Jalalabad.
Doch der medizinische Ruhm ist so verblichen wie die bröckelnde Farbe in den Behandlungszimmern. „No weapons in hospital“ hat jemand auf ein Schild geschrieben, das eine Kalaschnikow, eine Handgranate und eine Bombe zeigt – ein frommer Wunsch nach 23 Jahren Krieg. Die Klinik mit ihren 500 Betten blieb zwar weitgehend unzerstört, doch erfolgreiche Therapien sind nur noch in den wenigsten Fällen möglich. „Wir haben nichts mehr und müssen bei Null beginnen“, bringt Dr. Imranullah, der Leiter des Labors der Universitätsklinik, die Situation auf den Punkt.
Was an Medikamenten da ist, stammt aus Spenden
Zumindest theoretisch könnte das Haus das gesamte Behandlungsspektrum abdecken, aber in den meisten Arztzimmern sind ein Stuhl und ein Schreibtisch die einzigen Ausrüstungsgegenstände. Medizinische Geräte sind Mangelware. „Wir haben ein Röntgengerät und ein EKG, aber keiner weiß, ob die noch funktionieren, weil es keine Filme und kein EKG-Papier gibt“, sagt Dr. Imranullah. Was die Ärzte an Medikamenten herausgeben können, stammt aus Spenden und reicht nicht, um den nötigsten Bedarf der Patienten zu decken.
Inshallah – so Allah will – wird sich daran bald etwas ändern. Die internationale Gemeinschaft hat immerhin 4,5 Milliarden Dollar an Hilfen für Afghanistan zugesagt, und die Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) will allein 2002 mehr als 128 Millionen Dollar in den dringend nötigen Aufbau der zerstörten medizinischen Infrastruktur stecken. Doch bislang ist davon außerhalb Kabuls, vor allem in den Provinzen, noch nicht viel angekommen.
Viele gut augebildete Ärzte sind ins Ausland geflüchtet
Das Internationale Rote Kreuz betreibt zwar in Jalalabad ein Orthopädiezentrum für Minenopfer, und das World-Food-Programm der Vereinten Nationen versorgt die Patienten mit dringend benötigten Lebensmitteln. Doch für regelmäßige Gehaltszahlungen an die Angestellten hat es bislang noch nicht gereicht. 20 Dollar hat Dr. Imranullah neulich bekommen – für die vergangenen acht Monate.
„Wir haben ja nicht mal Stühle“, unterbricht der junge Pharmaziestudent Syed Shamifulla den Arzt, „von Gehältern für die Lehrer ganz zu schweigen.“ 400 junge Leute – darunter erstmals seit den Taliban auch wieder 250 Frauen – bildet die Universität derzeit zu Medizinern und Pharmazeuten aus. In drei Jahren sollen sie in die Praxis entlassen werden – ein Schmalspurprogramm, für das Unterrichtsmaterialien und Laborstoffe fehlen.
Knapper Luxus: Zwei Apothekerinnen geben Medikamente an wartende Frauen im Flüchtlingslager Kachagali aus. Fotos: Armin Jelenik
Knapper Luxus: Zwei Apothekerinnen geben Medikamente an wartende Frauen im Flüchtlingslager Kachagali aus. Fotos: Armin Jelenik
Wer als Afghane über eine fundierte medizinische Ausbildung verfügt, ist heute selten jünger als 40 Jahre und mit seinem Wissen vor Krieg und religiöser Intoleranz nur allzu oft ins Ausland geflüchtet. Wie zum Beispiel Dr. Robina Azim-Rahban, die im pakistanischen Peshawar in der kleinen Basic Health Unit des Flüchtlingslagers Kachagali arbeitet. 25 bis 30 Kinder bringt die in Kabul ausgebildete Gynäkologin pro Monat zur Welt – Kinder, die die Zahl der 35 000 Flüchtlinge, die in den 9 000 Lehmhütten am Stadtrand von Peshawar leben, weiter in die Höhe treiben.
Immerhin verfügt die Ärztin über genügend Instrumente und sogar ein Ultraschallgerät, das zusammen mit rund 65 Dollar monatlichem Gehalt von der kleinen deutschen Hilfsorganisation „Kinderhilfe Afghanistan“ finanziert wird. Aber nur eine Tür weiter, beim Kinderarzt Dr. Davad Karimi, der für den roten Halbmond in dem Lager arbeitet, bestimmt wieder der Mangel die medizinische Behandlung. Ausgerüstet mit Blutdruckmessgerät und Stethoskop, versucht der afghanische Arzt, schreienden Kindern zu helfen, die sich auf den Armen ihrer mit der Burka verschleierten Mütter winden.
Fehlende Infrastruktur
Wie die meisten Flüchtlinge will auch Dr. Robina Azim-Rahban möglichst schnell wieder zurück in ihre Heimat Afghanistan. Doch wo gibt es in einem Land, in dem nach Schätzungen der WHO sechs Millionen Menschen keinen Zugang zu medizinischer Versorgung haben, eine Infrastruktur, die es Ärzten und Ärztinnen wie ihr erlaubt, wieder tätig zu werden? In den Städten wird sich vielleicht bald etwas ändern, doch die Dörfer, in denen im ländlich strukturierten Afghanistan die meisten Menschen leben, haben noch einen langen Weg vor sich.
Auch in Zawa, am Fuß der im Krieg gegen den Terror heftig umkämpften Bergfestung Tora Bora, liegt die Dorfarztstation wie in vielen anderen Gemeinden in Trümmern. Demnächst soll sie mit deutscher Hilfe wieder aufgebaut werden. Doch das dumpfe Grollen der amerikanischen Bomben, die auf Stellungen des Terrornetzwerkes Al Qaida jenseits der schneebedeckten Berge abgeworfen werden, spricht eine andere Sprache. Armin Jelenik


Daten zur medizinischen Versorgung

Durchschnittliche Lebenserwartung: 43 Jahre
Säuglingssterblichkeit: 165 auf 1 000
Kindersterblichkeit bis zum 5. Lebensjahr: 257 auf 1 000
Müttersterblichkeit: 150 auf 10 000 (16 000 Frauen starben 2001 an Komplikationen während der Schwangerschaft und der Geburt)
Zugang zur Schwangeren- und Mütterberatung: Etwa zwölf Prozent der weiblichen Bevölkerung
Tuberkulose: etwa 133 000 Fälle pro Jahr
Malaria: etwa drei bis vier Millionen Fälle pro Jahr (etwa eine halbe Million Afghanen sterben pro Jahr an den beiden Krankheiten)
Behinderte: etwa vier Prozent der Bevölkerung
Zugang zu medizinischer Versorgung: etwa ein Arzt auf 50 000 Menschen
Zugang zu sauberem Trinkwasser: 23 Prozent der Bevölkerung
Alphabetisierung: 21 Prozent der männlichen und 5,6 Prozent der weiblichen Bevölkerung

(Quelle: UN, Januar 2001)
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