ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2002Von Dürer bis Daumier: Malerei und Skulptur im Wettstreit

VARIA: Feuilleton

Von Dürer bis Daumier: Malerei und Skulptur im Wettstreit

Merkl, Sigrid

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Giovanni Battista Moroni (1520/24–1578), Bildnis des Bildhauers Alessandro Vittoria, um 1552, Öl auf Leinwand, 82,5 cm x 64,6 cm Fotos: Haus der Kunst
Giovanni Battista Moroni (1520/24–1578), Bildnis des Bildhauers Alessandro Vittoria, um 1552, Öl auf Leinwand, 82,5 cm x 64,6 cm Fotos: Haus der Kunst
Die Reflexion über die Künste ist so alt wie diese selbst. Schon Sokrates setzte sich mit dem Wesen der Bildhauerei auseinander und mit ihrem Vermögen, die Wirklichkeit abzubilden. In der Antike galten Malerei und Skulptur gleichermaßen als Kunsthandwerk. Erst in der Renaissance sollte sich das ändern. Der Mensch als Schöpfer war nach damaligen Vorstellungen das Novum, wobei sich sein Schöpfungsakt im Begriff des „Disegno“, Grundlage sowohl von Malerei und Skulptur als auch der Architektur, am deutlichsten zu manifestieren schien. Als sein sichtbares Zeichen galt der zeichnerische Entwurf. Ein tief greifender Wandel des künstlerischen Selbstverständnisses war die Folge, und nur aus ihm heraus lässt sich der Wettstreit zwischen den Künsten überhaupt begreifen.
Immer wieder wurde für die Malerei ins Feld geführt, dass sie Dreidimensionales in der Fläche darstellt. Für die Bildhauerei sprach vor allem, dass sie mehrere Perspektiven gleichzeitig wiedergebe. Als der Wettstreit der Künste, auch Paragone genannt, anlässlich einer Meinungsumfrage des Historikers Benedetto Varchi in der Renaissance vollends entbrannte, nahmen die bedeutendsten Künstler dazu Stellung.
Immer wieder ist das Sujet des Paragone in den Werken vor allem des 16. bis 18. Jahrhunderts Thema, bespiegeln sich die Künste im Rahmen ihres Betätigungsfeldes selbst, seien es nun allegorische
Personifikationen von Malerei (Pictura) und Skulptur (Sculptura), Künstlerporträts oder gemalte Bildergalerien stolzer Sammler. Der eigentliche Wettstreit entfaltete sich zu einem Akt der Selbstvergewisserung.
Auf diesem Weg führt das komplexe Thema des Paragone mit seinen vielfältigen kunstgeschichtlichen, mythologischen und religiösen Diskursen weit hinein in die Reflexion über die Künste an sich. Sie ließe sich sogar auf die heutigen fotografischen, filmischen und elektronischen Bildmedien ausdehnen, sofern sie die Wirklichkeit in mehr oder minder legitimer Manier zu definieren versuchen.
Gleichzeitig ist das „Scheitern“ immer wieder Thema. Exemplarisch kommt es im Schicksal des Pygmalion zum Ausdruck, der zwar Schönheit im Übermaß zu erschaffen vermag, aber dem Objekt, dem unter seinen Händen entstandenen Abbild der Wirklichkeit, den letzten Funken wahren Lebens nicht einhauchen kann. Nur dem göttlichen Mitleid von Venus ist es zu verdanken, dass Pygmalion nicht vollends dem Liebeswahnsinn verfällt, indem er eine Steinfrau drückt und herzt. Venus erweckt Pygmalions Galateia zum Leben, sodass er sie heiraten und sogar eine Familie mit ihr gründen kann. Für den Paragone war das Pygmalion-Motiv insofern wichtig, als sich die Belebung der Galateia besonders gut durch die Malerei, in diesem Fall durch die Farbgebung des Inkarnats, wiedergeben ließ.
Etienne-Maurice Falconet (1716– 1791): „Pygmalion und Galateia“, 1763, Marmor, Höhe: 58 cm
Etienne-Maurice Falconet (1716– 1791): „Pygmalion und Galateia“, 1763, Marmor, Höhe: 58 cm
Unübersehbar steckt ein komisches Moment in der Geschichte, das Honoré Daumier in seiner Karikatur aus dem Jahr 1842 weidlich ausreizt. Pygmalion, zurückgeworfen auf sein Menschsein, wird nicht nur als staunender Tor dargestellt, sondern als geradezu hässlich – wie übrigens auch Galateia. Die Vorstellung, Pygmalion habe etwas Vollkommenes geschaffen, wird so ad absurdum geführt.
Vollkommen frei von Lächerlichkeit ist dagegen die Laokoon-Gruppe, entstanden um 156 v. Chr. Im Kampf des Laokoon, der sich trotz seiner immensen Kräfte vergeblich gegen das Ungeheuer wehrt, lässt sich sogar eine Parallele zur Bildhauerei erkennen. Vielleicht gilt die Laokoon-Gruppe deshalb als vollkommenste Skulptur der Antike, weil sie im Kampf des Laokoon auch ihr eigenes Ringen um getreue Wiedergabe der Natur darstellt, so, dass Bild und Wirklichkeit, Form und Inhalt zur perfekten Deckung gelangen. Sigrid Merkl
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