ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2002Kunst und Psyche: Bedeutungsvoller Titel

VARIA: Feuilleton

Kunst und Psyche: Bedeutungsvoller Titel

Dtsch Arztebl 2002; 99(20): A-1386 / B-1178 / C-1105

Kraft, Hartmut

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„Dornröschen“, Schwarz- Weiß-Foto auf Papier, 100 cm x 76 cm, rückseitig signiert, datiert 1993/2001 Biografie Birgit Kahle: Geboren 1957 in Köln. Als Fotokünstlerin Autodidaktin. Lebt und arbeitet in Köln und Stresa, Italien. Foto: Eberhard Hahne
„Dornröschen“, Schwarz- Weiß-Foto auf Papier, 100 cm x 76 cm, rückseitig signiert, datiert 1993/2001 Biografie Birgit Kahle: Geboren 1957 in Köln. Als Fotokünstlerin Autodidaktin. Lebt und arbeitet in Köln und Stresa, Italien. Foto: Eberhard Hahne
Ein Riss geht mitten durch das Gesicht. Zwei unterschiedliche Gesichtshälften scheinen zu einem neuen Porträt zu verschmelzen. Ein psychologisch geschulter Betrachter wird unweigerlich den Begriff „Spaltung“ assoziieren. Als einer der frühen Abwehrmechanismen gegen übergroße Leiderfahrungen des Kindes prägt dieser Begriff die Fachdiskussionen um Borderline-Erkrankungen.
Bei genauerem Hinsehen ist jedoch zu erkennen, dass auf der rechten Seite ein Kind abgebildet ist, während die linke Hälfte ein junges Mädchen oder junge Frau zeigt. Geht es möglicherweise gar nicht um Spaltung, sondern um das „Kindheits-Ich“ mit den gespeicherten Erfahrungen unserer Kindheit, wie es die Transaktionsanalytiker neben dem „Erwachsenen-Ich“ und dem „Eltern-Ich“ postulieren?
Eine weitere Ebene der Interpretation eröffnet sich, wenn man erfährt, dass Birgit Kahle ein Foto aus ihrer frühen Kindheit und eines aus der Zeit ihrer Pubertät collagiert hat – zwei sensible Stadien der Entwicklung. Sie arbeitet meist mit Fotografien des eigenen Körpers oder Gesichts. Bildtitel können eine Hilfe sein, müssen es aber nicht. Manche Künstler entlassen ihre Bilder bewusst ohne – ablenkende, die Fantasie einengende – Titel in die Öffentlichkeit, andere geben irreführende oder nichtssagende Titel, wiederum andere ergänzen das Bild durch einen Titel und geben damit eine Anregung.
Birgit Kahle nennt ihr Foto „Dornröschen“ – ein Titel, der zu einem neuen Verständnis ihrer Arbeit führen kann. Im Märchen wird Dornrös-
chen, von einem Prinzen wachgeküsst, zum Leben erweckt. In der psychologischen Interpretation wird darin am ehesten ein Sinnbild der Pubertät mit Menarche (die blutende Wunde), ängstlichem Rückzug (der Schlaf hinter der Dornenhecke) und erster Liebe (der Kuss des Prinzen) gesehen.
Will die Künstlerin das Bild einer Frau zeigen, die das Kind und die Jugendliche, die sie einmal war, als Teil ihrer selbst in sich weiß und in der Ganzheit ihrer Persönlichkeit erkannt und wachgeküsst werden möchte? Bezogen auf die Psychotherapie, allgemeiner formuliert: Es ist vor allem die ebenso achtungsvolle wie liebende Zuwendung zum Menschen in seinem einmaligen Gewordensein, die heilend wirkt. Hartmut Kraft
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