ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2002La Réunion: Indische Exotik

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La Réunion: Indische Exotik

Dtsch Arztebl 2002; 99(20): A-1392 / B-1183 / C-1109

Thau, Martin

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Foto: Ahmed Mehdaouil, L’Evasion Tours
Foto: Ahmed Mehdaouil, L’Evasion Tours
Die 750 000 Bewohner von La Réunion sind Franzosen. Ein Präfekt wacht über ihren öffentlichen Dienst, in der Regionalversammlung bekämpfen sich die politischen Parteien des Festlands, es gibt drei dicke Tageszeitungen, zum Frühstück Baguette und nirgends löslichen Kaffee.
Es wird kaum gebettelt, denn wer kein Einkommen hat, dem hilft der Wohlfahrtsstaat, darunter befinden sich auch einige Deutsche, die ihre „Stütze“ lieber hier im Sonnenschein beziehen, um davon dann im nahen Madagaskar etwa sogar auf größerem Fuß zu existieren – „Europa“, seine modernen Krankenhäuser und Sozialeinrichtungen auf La Réunion sind in sicherer Nähe.
Täglich pendeln Großraumflugzeuge vom Mutterland zum Außenposten. Wenn den Besucher nach langer Luftfahrt, eventuell aus dem Winter kommend, endlich die warme, feuchte Luft der Tropen anwälzt, dann ohne die in sonst solchen Breiten üblichen Hotelvermittler, Gepäckstückträger oder Taxihaie – ganz wie zu Hause schleppt, wer will, die Koffer unbehelligt aus den Ankunftshallen zum gelben Liniendienst, der pünktlich seinen Busbahnhof im Departementhauptort anfährt.
Vulkanischer Ursprung
Von diesem weiterführend war im Anflug bereits spielzeugklein die „kostspieligste Autobahn der Welt“ zu sehen gewesen, auf dem Ozean vor einer 15 Kilometer langen grünen Steilwand schwimmend.
Réunion verdankt seine Existenz einem Hauptvulkan, der seit dem Erlöschen vor 10 000 Jahren von Wind und Wetter abgetragen wird. Dreitausend Meter ragt seine kahle Spitze noch in den Tropenhimmel, steil abfallend in drei eingestürzte Magmakammern und flankiert im Süden von einer Neugeburt, dem hochaktiven Piton de la Fournaise. Die gewaltigen Einstürze um den Gipfel tragen die Namen madagassischer Sklaven, die sich vor einem Vierteljahrhundert von den Zuckerrohrplantagen der Küsten hierein flüchteten, in zerklüftete Bergkessel mit Wasserfällen und senkrecht emporragenden Erosionsinseln; die Dörfer darauf sind noch heute manchmal nur mit Hubschraubern zu versorgen. Für den Wanderer tun sich Hochwelten von seltener Dramatik auf, erschlossen durch markierte Pfade unterschiedlichen Schwierigkeitsgrades zu gepflegten Hütten als Etappenzielen.
Zwischen den Einsturzkesseln und der Mondlandschaft des Neuvulkans im Süden ist eine Ebene hochgeschoben worden, auf der man sich zwischen Nebelwald und Weiden in Schottland glaubt – um nur wenige Kilometer nord- oder südöstlich an tropenschwüle Ufer hinabzutauchen. In Réunion wirken über mehr als 200 verschiedene Mikroklimata. Wie auch sonst nichts hier vorherrscht, auf 72 mal 51 Kilometern Strand wie Felsen, Berge, Tropenwald und Stadtlandschaften vorkommen.
Die Menschen leben hauptsächlich in modernen Orten am Küstenrand oder die äußeren Kesselhänge hinauf zwischen Zuckerrohrfeldern, den Ozean im Blick und leicht gekühlter; denn weiter unten glutet zumal Dezember bis März der Tropensommer. Das Meer heizt sich in solchen Zeiten auf, die Luft darüber wird schwer von Feuchtigkeit, bis sie die Erdballdrehung nicht mehr mitmacht, verwirbelt und in Zyklonen über der Insel tobt von einer Wucht, die Flussläufe verändern und jahrtausendelang aktive Quellen verschütten kann. Für Menschen ist es dann verboten, sich im Freien aufzuhalten, in schlimmen Jahren bis zu einer Woche. Ab April werden die Temperaturen erträglicher und verwandeln den Rest des Jahres zur luftigen, immer währenden Sommerfrische.
Moscheen und Hindutempel
Ein buntes Völkergemisch aus Afrikanern, Asiaten und Europäern bewohnt die Insel. Moscheen wetteifern mit Kirchen, Hindutempeln und chinesischen Pagoden. Zugleich ist alles in Bezirken organisiert, gehen die Kinder in dieselben Schulen, kann vor Ort in manchen Fällen sogar die Universität besucht werden. Die eigentümliche Zusammensetzung der Bevölkerung rührt aus der Geschichte Réunions: ursprünglich unbewohnt, dann Hauptexporteur von Zucker und Vanille ins Mutterland – für die Plantagen wurden Arbeiter benötigt, zunächst Sklaven aus Afrika, die nach ihrer Befreiung durch Tagelöhner aus Asien ersetzt wurden. Im Vergleich zu anderen französischen Übersee-Departements gibt es auf La Réunion kaum Rassenprobleme.
Die Insel hat weit weniger Badeplätze als Mauritius, zieht als Besucher mehr Bergwanderer an mit der Hochwelt ihrer drei Einsturzkessel und des aktiven Südvulkans. Es ist trotzdem möglich, einen Urlaub lang nicht aus dem Dunstkreis von Strand, Hotel und Diskothek zu kommen. Reisegäste sind dabei hauptsächlich Franzosen, an zweiter Stelle Deutsche und noch einige andere Europäer. Da Englisch kaum gesprochen wird, trifft man entsprechend weniger Touristen, die auf diese Sprache angewiesen sind.
Der Urlaub auf La Réunion ist etwa so teuer wie an der Côte d’Azur. Dafür handelt man sich die verhältnismäßige Sicherheit „europäischer Verhältnisse“ im Indischen Ozean ein, riskiert kein schlechtes Gewissen angesichts lokaler Armut oder Hoffnungslosigkeit. Martin Thau
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