ArchivDeutsches Ärzteblatt21/2002105. Deutscher Ärztetag: Für Zündstoff ist gesorgt

POLITIK

105. Deutscher Ärztetag: Für Zündstoff ist gesorgt

Dtsch Arztebl 2002; 99(21): A-1405 / B-1171 / C-1095

Korzilius, Heike;

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LNSLNS Vom 28. bis 31. Mai werden sich die Delegierten in Rostock neben
der aktuellen Gesundheitspolitik unter anderem mit der Weichenstellung
für die Zukunft der hausärztlichen Versorgung befassen.

Die Politik ist beim diesjährigen 105. Deutschen Ärztetag hochkarätig vertreten. Gleich zwei Ministerinnen werden erwartet: Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt wird im Rahmen der Eröffnungsveranstaltung erneut ihre Vorstellungen für eine Gesundheitsreform nach der Bundestagswahl im September darlegen, die Bundesministerin für Bildung und Forschung, Edelgard Bulmahn, wird sich unter anderem über Karrierechancen von Ärztinnen an den medizinischen Hochschulen äußern. Für Konfliktstoff dürften aber diesmal vor allem innerärztliche Fragen sorgen. Denn wie schon so oft steht auch beim 105. Deutschen Ärztetag in Rostock die ärztliche Weiterbildung ganz oben auf der Tagesordnung. Diesmal geht es um eine Lösung für die sich abzeichnenden Probleme in der hausärztlichen Versorgung.
Keine leichte Aufgabe: Auch in diesem Jahr müssen die Delegierten des Deutschen Ärztetages über eine Reihe komplexer Fragen der ärztlichen Berufsausübung entscheiden. Foto: Bernhard Eifrig
Keine leichte Aufgabe: Auch in diesem Jahr müssen die Delegierten des Deutschen Ärztetages über eine Reihe komplexer Fragen der ärztlichen Berufsausübung entscheiden. Foto: Bernhard Eifrig
Die Allgemeinärzte haben Nachwuchsprobleme
Zum Hintergrund: Das Gesundheitsreformgesetz schreibt vor, dass ab 2006 nur noch diejenigen Ärzte für die hausärztliche Versorgung zugelassen werden, die eine fünfjährige allgemeinmedizinische Weiterbildung absolviert haben. Trotz des Initiativprogramms zur Förderung der Weiterbildung in der Allgemeinmedizin ist es jedoch absehbar, dass der allgemeinmedizinische Nachwuchs allein nicht ausreichen wird, den Bedarf an Hausärzten neuer Prägung zu decken. Zudem ist das derzeitige Nebeneinander von Allgemeinmedizinern, fachärztlichen Internisten und Schwerpunktinternisten nach weitgehend übereinstimmender Auffassung nicht geeignet, die seit Jahren schwelenden innerärztlichen Streitigkeiten dauerhaft beizulegen. Unzufrieden sind vor allem die Internisten ohne Schwerpunkt, die der Gesetzgeber im Rahmen der Gesundheitsreform 2000 gezwungen hat, sich für eine Tätigkeit im haus- oder fachärztlichen Sektor zu entscheiden.
Seit gut einem Jahr fechten der Berufsverband Deutscher Internisten (BDI) und der Berufsverband der Allgemeinärzte Deutschlands (BDA) einen Kleinkrieg darüber aus, welche Berufsgruppe den besseren Hausarzt stellt. Der BDI hinterfragt grundsätzlich die „Richtigkeit der Hausarzt-Philosophie“ und wirft den Allgemeinärzten vor, sie seien weder inhaltlich noch zahlenmäßig in der Lage, ihre angestrebte Rolle als „Lotsen im Gesundheitssystem“ auszufüllen.
Ein neuer Weiterbildungsgang für die hausärztliche Versorgung soll nun die Probleme lösen. Die Bundes­ärzte­kammer wird nach monatelangen Beratungen mit den betroffenen Berufsverbänden und Fachgesellschaften den Delegierten ein Konzept vorlegen, das Allgemeinärzte und Internisten in einem einheitlichen Weiterbildungsgang zusammenführt. Danach soll es künftig einen „Facharzt für Innere und Allgemeinmedizin“ sowie einen Facharzt für Innere Medizin mit Schwerpunktbezeichnung geben. Beide absolvieren zunächst eine gemeinsame dreijährige Weiterbildung in Innerer Medizin. Daran schließen sich für die künftigen Hausärzte zwei Jahre Weiterbildung in einer hausärztlichen Praxis an. Die künftigen spezialisierten Internisten bilden sich weitere drei Jahre in ihrem jeweiligen Schwerpunkt weiter.
Sowohl der BDA als auch der Bundesverband Hausärztlicher Internisten können sich mit dem Modell der Bundes­ärzte­kammer anfreunden – zumal es den Allgemeinärzten gelungen ist, ihre Forderung nach einer zweijährigen Weiterbildungsphase in einer hausärztlichen Praxis durchzusetzen.
Der BDI hingegen lehnt das Konzept ab. Der Verband hatte im November letzten Jahres ein eigenes „Konvergenz-Modell“ vorgestellt, an dem er nach wie vor festhält. Danach steht am Ende eines fünfjährigen Weiterbildungsganges mit weitgehend internistischen Inhalten ein Facharzt, der sich für die Versorgung mit allgemeinen Leistungen der Inneren Medizin im Krankenhaus qualifiziert und die Basis für eine Schwerpunktweiterbildung oder die Niederlassung als Hausarzt erworben hat. Für BDI-Geschäftsführer Prof. Dr. med. Peter Knuth besticht das Modell seines Verbandes dadurch, dass es einen „einheitlichen Arzttyp“ für die Innere Medizin erhält. Denn auch wer als Internist mit Schwerpunktbezeichnung arbeiten will, hat zuvor eine hausärztliche Qualifikation erworben. Am Konzept der Bundes­ärzte­kammer kritisiert er, dass es einseitig die Position des BDA berücksichtige. Indem man das Fach Innere Medizin in seine Schwerpunkte zerschlage, übertrage man dem BDA faktisch das Monopol für die hausärztliche Versorgung. Verhandlungsspielraum sieht Knuth zum jetzigen Zeitpunkt nicht: „Die Internisten können nicht ihrer eigenen Abschaffung zustimmen.“ Würde sich das BDI-Modell durchsetzen, müssten dies allerdings die Allgemeinärzte tun.
Zwischen Leitlinienmedizin und Patientenorientierung
Bleibt der Internistenverband bei seiner unversöhnlichen Haltung, dürfte in Rostock für Diskussionsstoff gesorgt sein. An einer Entscheidung in dieser Frage ist vor allem den Weiterbildungsgremien der Bundes­ärzte­kammer gelegen. Sie benötigen eine Arbeitsgrundlage für die grundlegende Reform der (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung, die sie dem 106. Deutschen Ärztetag im nächsten Jahr zur Abstimmung vorlegen wollen. Über den Stand der Arbeiten wird der Vorsitzende der Weiterbildungsgremien der Bundes­ärzte­kammer und Präsident der Lan­des­ärz­te­kam­mer Bayern, Dr. med. H. Hellmut Koch, den Delegierten berichten.
Einem ebenso grundsätzlichen wie aktuellen Thema stellt sich der Ärztetag unter dem Tagesordnungspunkt „Individualisierung oder Standardisierung in der Medizin?“. Das Spannungsfeld zwischen wissenschaftlich begründeter Medizin und individuellem, patientenorientiertem ärztlichen Handeln stellen Prof. Dr. med. Friedrich-Wilhelm Kolkmann, Mitglied des Vorstandes der Bundes­ärzte­kammer und Präsident der Lan­des­ärz­te­kam­mer Baden-Württemberg, und der Präsident der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften, Prof. Dr. med. Albrecht Encke, dar.
Die Ausgangslage: Immer mehr bürokratische Vorschriften, Gesetze, Verordnungen, Richtlinien und medizinische Leitlinien sowie durch den Gesetzgeber sanktionierte standardisierte Behandlungsprogramme für chronisch Kranke können dazu führen, dass der Arzt und die medizinische Wissenschaft ihren zentralen Auftrag, nämlich eine gute und individuelle Patientenbetreuung, aus den Augen verlieren.
Der Ärztetag wird aufzeigen müssen, dass die individuelle Behandlung von Patienten und die Anwendung wissenschaftlich begründeter Leitlinien und einer evidenzbasierten Medizin sinnvoll miteinander verbunden werden können. Dazu ist es notwendig, die Entscheidungskompetenzen des Arztes zur Nutzung von Informationen über den aktuellen Stand der medizinischen Wissenschaft (Leitlinien, Qualitätsstandards) für die jeweils besondere Situation kranker und pflegebedürftiger Menschen zu stärken.
Kolkmann und Encke zeigen auf, dass evidenzbasierte medizinische Leitlinien zwar wichtige Hilfsmittel für den praktizierenden Arzt sein können. Allerdings dürften solche Informations- und Entscheidungshilfen ebenso wie pauschale Abrechnungssysteme und standardisierte Behandlungsprogramme nicht von der Politik und den Krankenkassen instrumentalisiert werden, um Patienten zu typisieren und Behandlungsabläufe zu schematisieren. Allzu schablonenhafte Standards engten die Therapie unzulässig ein und tangierten dadurch vital die Verantwortung und das berufliche Ethos des Arztes. Bürokratische Vorschriften und Leitlinien dürften nicht dazu führen, dass alle Leistungssektoren „durchökonomisiert“ werden.
Der Ärztetag soll nun zum einen darüber entscheiden, welche Rolle die wissenschaftlich-medizinischen Fachgesellschaften in diesem Konfliktfeld zu übernehmen haben. Zum anderen geht es darum zu betonen, dass es Aufgabe der ärztlichen Selbstverwaltungsorgane ist, gesundheitspolitische Fehlentscheidungen zu verhindern und dafür zu sorgen, dass der Arzt sein Erfahrungswissen und seine wissenschaftlichen Erkenntnisse in der Medizin gleichermaßen verantwortungsvoll im Dienste der Patientenversorgung nutzt.
Berufliche Chancen für Ärztinnen verbessern
Nach einem Auftrag des Deutschen Ärztetages aus dem Jahr 1998 werden sich die Delegierten außerdem mit der beruflichen Situation der Ärztinnen befassen. Frauen stellen inzwischen weit mehr als die Hälfte der Erstsemester im Fach Medizin; rund die Hälfte der Studienabsolventen ist weiblich. Dagegen sind Ärztinnen in sämtlichen Führungspositionen extrem unterrepräsentiert – so sind nur 2,8 Prozent der Lehrstühle in den klinischen Fächern von Frauen besetzt. Hier wartet man gespannt auf Vorschläge von Bundesbildungsministerin Bulmahn, wie in Zukunft ein geschlechtergerechtes Berufungsverfahren an den Hochschulen gewährleistet werden kann.
Dr. med. Astrid Bühren, Vorstandsmitglied der Bundes­ärzte­kammer und Präsidentin des Deutschen Ärztinnenbundes, sieht in einer ausgewogenen Repräsentanz beider Geschlechter in den Leitungsfunktionen auch die Chance für eine bessere medizinische Versorgung, hänge diese doch auch wesentlich vom Verständnis der Lebenswelt der Patientinnen ab. Bühren ist zuversichtlich, was die Möglichkeiten zur Verbesserung der beruflichen Rahmenbedingungen für Ärztinnen anbelangt. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sei inzwischen keine extreme Wunschvorstellung mehr, sondern entspreche dem Lebensgefühl einer ganzen Generation. Zudem biete der sich abzeichnende Ärztemangel die Chance, flexiblere Arbeitszeitmodelle für Ärztinnen durchzusetzen. Diskutiert werden müsse auf dem Deutschen Ärztetag auch über Verfahren, die eine bessere Vertretung von Ärztinnen in den Selbstverwaltungsgremien ermöglichen. Beispielhaft sei etwa die schleswig-holsteinische Regelung, nach der bei den Wahlen zur Ärztekammer Frauen mindestens entsprechend ihrem Anteil unter den Kammermitgliedern auf den Wahllisten vertreten sein müssen.
Schließlich werden sich die Ärztetagsdelegierten mit der Novellierung einzelner Vorschriften der (Muster-)Berufsordnung beschäftigen müssen. Seit April 2001 sind zahlreiche Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichtes und eine Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichtes zu berufsrechtlichen Regelungen der Werbung von Ärzten, Zahnärzten und Rechtsanwälten ergangen, die es nach Auffassung des Vorstandes der Bundes­ärzte­kammer erforderlich machen, entsprechende Vorschriften in der (Muster-)Berufsordnung zu ändern. Im Beschlussantrag des Vorstandes heißt es dazu, in der neueren Rechtsprechung sei dem Informationsbedürfnis des Patienten zunehmend breiter Raum eingeräumt worden. Dieser Entwicklung könne am besten durch generalklauselartige Regelungen zur zulässigen Information und unzulässigen Werbung Rechnung getragen werden. Detaillierte Regelungen hätten sich in der Vergangenheit nicht immer als tragfähig erwiesen.
Mehr Raum für die Information der Patienten
Die Neuregelung soll keine Differenzierung zwischen aufgedrängter und nachgefragter Werbung enthalten. Alle Werbeträger, wie zum Beispiel Schild, Briefbogen und Internetpräsentationen, sollen gleich behandelt werden. Künftig könnten neben Qualifikationen, die nach dem Weiterbildungsrecht erworben wurden, weitere Angaben wie Tätigkeitsschwerpunkte nicht nur wie bisher auf der Homepage, sondern unter anderem auch auf dem Praxisschild angekündigt werden.
Heike Korzilius/DÄ
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