ArchivDeutsches Ärzteblatt21/2002Ärztliche Arbeitskraft im Krankenhaus: Ein zunehmend knappes Gut

POLITIK

Ärztliche Arbeitskraft im Krankenhaus: Ein zunehmend knappes Gut

Dtsch Arztebl 2002; 99(21): A-1411 / B-1177 / C-1101

Flintrop, Jens

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Humane Arbeitszeiten, leistungsgerechte Bezahlung, Kinderbetreuung: Der Wettbewerb um qualifizierte Ärzte hat eingesetzt.

Jahrelang mussten sich insbesondere junge Ärztinnen und Ärzte im Krankenhaus (fast) alles gefallen lassen. Wer nicht spurte, konnte nahezu mühelos ersetzt werden. Das Blatt hat sich gewendet. Abgeschreckt durch die Berichte über überlange Arbeitszeiten, strenge Hierarchien und eine miese Bezahlung in den Kliniken, entscheiden sich immer weniger Medizinstudenten dafür, den Arztberuf auch tatsächlich zu ergreifen (Grafik). Die ärztliche Arbeitskraft entpuppt sich zunehmend als ein knappes Gut im härter werdenden Wettbewerb zwischen den Häusern. Bei der Euroforum-Konferenz „Personalplanung und
-vergütung im Krankenhaus“ am 6. und 7. Mai in Düsseldorf diskutierten Vertreter von Klinikverwaltungen unter anderem, welche Möglichkeiten es gibt, den Arbeitsplatz Krankenhaus wieder attraktiver für die Ärzte zu gestalten.
AiP-Gehalt: 1 750 Euro
Die Helios Kliniken GmbH habe bereits Anfang 2001 Probleme bekommen, ihre AiP-Planstellen (AiP: Arzt im Praktikum) zu besetzen, berichtete Dr. med. Michael Liebetrau, ärztlicher Direktor der Helios Klinik Blankenhain gGmbH und Mitglied des Helios-Aufsichtsrats. Dies gelte besonders für die neuen Bundesländer. Deshalb sei konzernintern die Entscheidung gefallen, das AiP-Gehalt bundesweit in allen Helios-Kliniken auf 1 750 Euro zu erhöhen und alle Bereitschaftsdienste nach BAT-West (BAT: Bundesangestelltentarifvertrag) zu vergüten. Konkurrierende Krankenhausketten hätten bereits ähnlich auf den Nachwuchsmangel bei den Ärzten reagiert, betonte der Internist. Helios garantiert zudem allen „geeigneten“ Ärzten im Praktikum eine Weiterbildung zum Facharzt innerhalb des Konzerns.
„Der Ärztemangel kam nicht plötzlich und unerwartet“, betonte Dr. rer. oec. Christiane Neumann. Als Geschäftsführerin der Müritz-Klinikum GmbH in Waren sei sie bereits früh mit der Entwicklung konfrontiert worden, weil nur wenige Ärzte „auf der grünen Wiese“ in Mecklenburg-Vorpommern arbeiten wollten. Ihr Tipp: „Nehmen Sie lieber kurzfristig eine Überbesetzung mit Ärzten in Kauf, als dass nachher die Fachärzte fehlen.“ Die Ärzte legten unter anderem besonderen Wert auf die medizinische Ausstattung. Schon so mancher Arzt sei bereits in moderne Nachbarkliniken abgewandert. Dass die Ärzte auch mit nichtmonetären Anreizen „zu locken“ seien, meint auch Liebetrau. So liege den Ärzten zum Beispiel auch die Ausstattung ihres Arbeitszimmers auf der Station oder die Einrichtung des Bereitschaftszimmers am Herzen.
Heinz Kölking, Präsident des Verbands der Krankenhausdirektoren Deutschlands, forderte die Einführung neuer Anreizsysteme; eine Reform des BAT sei überfällig. Anstatt Anwesenheit zu belohnen und die Höhe des Gehalts in Abhängigkeit zum Alter zu stellen, müsse Leistung und Aufgabenerfüllung honoriert werden. Um im Wettbewerb um qualifizierte Mitarbeiter bestehen zu können, gelte es auch, den Arbeitsplatz attraktiver zu gestalten. Zudem habe er als Geschäftsführer des Diakoniekrankenhauses Rotenburg/ Wumme gute Erfahrungen mit regelmäßigen Mitarbeitergesprächen und speziellen Einführungstagen für neue Mitarbeiter gemacht. Dies fördere die Arbeitszufriedenheit und die Identifikation mit der Klinik. Darüber hinaus baue sein Haus Mitarbeiterwohnungen und habe einen Shuttle zum Bahnhof eingerichtet, um die Arbeitsplätze in der ländlichen Region aufzuwerten.
Dr. med. Frank Ulrich Montgomery, Vorsitzender des Marburger Bundes, appellierte an die Geschäftsführer, ihr Arbeitsangebot für Ärztinnen, die familiär eingebunden sind, zu verbessern. Mittlerweile seien mehr als die Hälfte der Absolventen des Medizinstudiums Frauen. Teilzeitmodelle und Kinderhortplätze seien die geeignete Antwort auf diese Entwicklung.
„Heilsamer Wettbewerb“
Der Marburger Bund will trotz des sich abzeichnenden Ärztemangels weiterhin Ärzte nach Großbritannien und Schweden vermitteln. Auf die Frage von Matthias Deters, Verwaltungsdirektor des Neurologischen Rehabilitationszentrums Greifswald, warum die Vertretung der Krankenhausärzte keine Ärzte nach Vorpommern vermittle – dort sei der Bedarf doch bereits sehr groß –, sagte Montgomery: „Wir als Gewerkschaft haben ein Interesse daran, dass die ärztliche Arbeitskraft in Deutschland knapp ist.“ Dies bringe die Klinikärzte in eine gute Verhandlungsposition. Auch den Krankenhausärzten, die nicht auf das Geld aus den Bereitschaftsdiensten verzichten könnten oder wollten, wenn das Arbeitszeitgesetz umgesetzt und der Bereitschaftsdienst zudem als Arbeitszeit gewertet wird („Das sind nach meiner Einschätzung etwa 80 Prozent.“), empfiehlt der Radiologe den Weg ins Ausland. Dies sei ein „heilsamer Wettbewerb“. Jens Flintrop
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