ArchivDeutsches Ärzteblatt21/2002Gesund­heits­förder­ung im Alter: Potenziale müssen genutzt werden

POLITIK

Gesund­heits­förder­ung im Alter: Potenziale müssen genutzt werden

Gerst, Thomas

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Die zu erwartende Zahl alter Menschen macht ein rasches Umdenken bei der Prävention erforderlich.
Die zu erwartende Zahl alter Menschen macht ein rasches Umdenken bei der Prävention erforderlich.
Angesichts der demographischen Entwicklung muss die Erhaltung der Gesundheit bis ins hohe Alter als gesamtgesellschaftliche Aufgabe begriffen werden.

Viele angeblich altersbedingte Leiden sind die Folgen eines Verzichts auf gesundheitserhaltende Maßnahmen über einen längeren Zeitraum hinweg. So können etwa Arteriosklerose, Arthrose oder Osteoporose sowohl hinsichtlich des Zeitpunkts ihres Auftretens als auch hinsichtlich ihrer Schwere und ihres Verlaufs durch gesundheitsbewusste Lebensführung in früheren Lebensabschnitten erheblich beeinflusst werden. Bei der Vorstellung des Berichts „Gesund altern – Stand der Prävention und Entwicklung ergänzender Präventionsstrategien“ in Berlin wies der Heidelberger Gerontologe Prof. Dr. Andreas Kruse auf die zentrale Bedeutung frühzeitiger Prävention für den Erhalt der Gesundheit bis ins hohe Alter hin.
Gerade angesichts der vorauszusehenden demographischen Entwicklung mit einer extremen Zunahme bei den mehr als Achtzigjährigen müssten alle verfügbaren Ressourcen genutzt werden. Den Begriff „Gesundheit“ sieht Kruse dabei im Sinne der WHO-Definition nicht auf das Fehlen von körperlichen und psychischen Störungen beschränkt, sondern er versteht darunter auch die Fähigkeit des Menschen, ein selbstständiges, sinnerfülltes und selbstverantwortliches Leben zu führen, aktiv am Leben teilzuhaben.
Kruse wies auf den inzwischen sehr hohen gerontologischen Wissensstand hin. Wissenschaftlich erwiesen sei die bis ins hohe Alter erhaltene positive Veränderbarkeit (Plastizität) der Organfunktionen und kognitiven Funktionen. Alles deute darauf hin, dass „körperliche Aktivität einen Schutz gegen den Abbau der physischen Leistungsfähigkeit, kognitive Aktivität einen Schutz gegen den Abbau der kognitiven Leistungsfähigkeit im Alter darstellt“.
Die vorhandenen Präventionspotenziale würden jedoch nicht ausreichend ausgeschöpft. Das Problem sei die Umsetzung dieser Erkenntnisse in die Praxis, die Vermittlung von Informationen über die positive Veränderungs- und Lernfähigkeit auch des alten Menschen. Kruse betonte die Notwendigkeit, den Menschen bereits sehr frühzeitig eine Lebenslaufperspektive zu vermitteln und deutlich zu machen, wie gesundheitsbewusstes Verhalten zur langfristigen Erhaltung von Gesundheit und Leistungsfähigkeit beiträgt. Hierbei müsste insbesondere eine gezielte Ansprache der sozial schwächeren Schichten erfolgen, bei der von einer größeren Anzahl von Risikofaktoren auszugehen sei.
In der Expertise wird auf eine Reihe von Modellprojekten in Deutschland hingewiesen, die für eine flächendeckende Umsetzung aufgegriffen werden könnten. Hervorgehoben wird etwa das von der Robert-Bosch-Stiftung entwickelte Konzept des „Präventiven Hausbesuchs“ durch den Hausarzt, mit dem mögliche Risiken für Gesundheit und Selbstständigkeit möglichst früh erkannt werden sollen, sodass noch eine Intervention möglich ist. Allerdings kann der erforderliche Ausbau der Prävention und Gesund­heits­förder­ung nicht allein von den Ärzten und Krankenkassen geleistet werden. Kruse sieht dies als eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe an, bei der es insbesondere auf kommunaler Ebene zu einer Vernetzung verschiedenster Einrichtungen kommen müsse.
Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt, aus deren Haus der Auftrag für die Erstellung der Expertise stammt, hörte den Ausführungen Kruses aufmerksam zu, sah sie sich doch in ihren Bestrebungen bestärkt, die Prävention neben kurativer Behandlung, Pflege und Rehabilitation zur vierten Säule der Gesundheitsversorgung auszubauen. Die Expertise mache Mut, den Präventionsgedanken noch stärker in die Tat umzusetzen, und werde bei der Entwicklung gesundheitspolitischer Zielvorstellungen eine wichtige Rolle spielen, sagte Schmidt. Vor allem mit dem am „Runden Tisch“ vereinbarten „Deutschen Forum für Prävention“ glaubt sie bereits in naher Zukunft konkrete Schritte in Angriff nehmen zu können. „Gesundheit im Alter wird ein wesentlicher Teil meines nationalen Präventionsprogramms sein.“ Schmidt betonte, Alter dürfe nicht automatisch – wie es gegenwärtig häufig der Fall sei – gleichgesetzt werden mit Krankheit und Hilfsbedürftigkeit, sondern müsse auch als Chance aufgefasst werden, selbstbestimmt und eigenverantwortlich einen neuen Lebensabschnitt zu gestalten. Thomas Gerst
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