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ArchivDeutsches Ärzteblatt21/2002Geschichte der Medizin – Rückschau (3): Schädel, Hirn und Seele – Ursprung der modernen Neurowissenschaft

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Geschichte der Medizin – Rückschau (3): Schädel, Hirn und Seele – Ursprung der modernen Neurowissenschaft

Schott, Heinz

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Seit dem 17. Jahrhundert wurde die Seele immer mehr mit festen Strukturen des Gehirns in Verbindung gebracht. Für die Entstehung der modernen Neurowissenschaft war die Schädellehre des
Wiener Arztes Franz Joseph Gall bahnbrechend.

Heinz Schott

Zwar wurde bereits in der Antike das Gehirn bevorzugt mit dem Seelenleben in Verbindung gebracht, aber es gab durchaus auch andere Körperregionen, in denen man den „Wohnsitz der Seele“ vermutete. Insofern man sie als Lebensmittelpunkt und Steuerungsprinzip des Gesamtorganismus verstand, war es nahe liegend, sie in der Leibesmitte zu lokalisieren: etwa im Zwerchfell (griech. phrenes), im Herzen (griech. kardia) oder unterhalb des Rippenbogens (hypochondrium). Dagegen sah der griechische Arzt Galen (2. Jahrhundert n. Chr.) in seiner für die abendländische Medizin grundlegenden Lehre das Gehirn als Seelensitz an. Freilich konnten die Organe im „Hypochondrium“ durchaus das Gehirn auf sympathetischem Wege in Mitleidenschaft ziehen, zum Beispiel durch die aufsteigende „schwarze Galle“ (griech. melan chole, von daher der Begriff „Melancholie“). Der traditionelle Galenismus wurde besonders nachhaltig in der frühen Neuzeit von der „chemischen Medizin“ (Iatrochemie, Paracelsismus) im Geiste der Alchimie infrage gestellt. Nun erschienen wiederum Organe im „Hypochondrium“, insbesondere Magen (kardia = Magenmund) und Milz, als Sitz des „Lebensgeistes“ (spiritus vitae) (siehe Rückschau „ ,Lebensgeist‘ – Alchimist in unserem Bauch“, Deutsches Ärzteblatt, Heft 7/2001).
Galen, der das Lehrgebäude der antiken Medizin systematisch auf dem Boden der „Humoralpathologie“ (Lehre von den vier Körpersäften) errichtete, lokalisierte – wie bereits erwähnt – die Seele im Gehirn, das dem Körpersaft „Schleim“ (griech. phlegma) zugeordnet war. Auf dieser Grundlage etablierte sich im Mittelalter eine Zellentheorie, wonach die „Zellen“ (cellulae), das heißt die Hirnkammern, den „Wohnsitz der Seele“ darstellten: Die beiden Seitenventrikel bildeten die erste, der dritte Ventrikel die zweite und der vierte die dritte „Zelle“. Dieses Dreikammer-Modell wurde über die Jahrhunderte hinweg in zahlreichen Variationen propagiert (1): In der vorderen Hirnhöhle sollte demnach das „Gemeingefühl“ (sensus communis), die Imagination und Fantasie (2), in der mittleren Urteilsvermögen, Denken und Vernunft (3) und in der hinteren das Gedächtnis sitzen (1) (Abbildung 1).
Im 17. und 18. Jahrhundert kam es jedoch zu einem Perspektivwechsel: Nun rückten feste Strukturen des Gehirns in den Mittelpunkt des Interesses. Für Descartes (1596 bis 1650) war die Zirbeldrüse (Corpus pineale) der Sitz der Seele: Sie wurde als Schmelztiegel, gemeinsamer Fokus aller einlaufenden und ausgehenden Impulse gedacht, die eine Art Reflexbogen bildeten, an dessen Umschlagplatz das Seelenorgan saß. Thomas Willis (1621 bis 1675), der wohl bedeutendste Hirnanatom der frühen Neuzeit, verlegte das Seelenorgan noch eindeutiger in die festen Hirnsubstanzen. In der Groß- und Kleinhirnrinde sollten die animalischen beziehungsweise psychischen Geister (spiritus) abgesondert werden und nicht mehr in den Ventrikeln. Gleichwohl ist bei ihm das traditionelle Dreikammer-Modell noch präsent: So sei der Gemeinsinn in den Streifenköpern zu Hause, die Einbildungskraft im Balken und das Gedächtnis in der Hirnrinde.
Es erregte deshalb Ende des 18. Jahrhunderts größtes Aufsehen, als der berühmte Anatom der Goethe-Zeit, Samuel Thomas Soemmerring (1755 bis 1839), in seiner Schrift „Über das Organ der Seele“ noch einmal auf die längst aufgegebene Ventrikelhypothese zurückgriff und den „Wohnsitz der Seele“ in die „Hirnhöhlen“ verlegte (7). Die Nerven enden nach Soemmerring an den Wänden der Hirnhöhlen und stehen somit in ständiger Wechselwirkung mit der Feuchtigkeit derselben, welche somit das Organ der Seele sei. Die Kammerflüssigkeit erscheint als das Medium, in dem sich alle Bewegungen gegen das Gehirn „concentriren“, aber auch „alle aus dem Hirne kommenden Bewegungen“ entstehen. Die Gesamtbewegung wird als eine Art Reflexbogen begriffen: Die Einwirkung der Nerven auf das Organ der Seele führe je nach Spontaneität des Hirns zu einer Rückwirkung, die sich im Körper äußere.
Diese Spekulationen des anerkannten Anatomen stießen auf einhellige Kritik: Kein Geringerer als der Philosoph Immanuel Kant, dem Soemmering seine Schrift gewidmet hatte, kritisierte diese Lokalisierung des Seelenorgans. Mit dem Hinweis auf den Streit der Fakultäten schlägt Kant vor, den „Begriff von einem Sitz der Seele . . . ganz aus dem Spiel zu lassen“. Er gibt zu bedenken, dass Wasser unorganisiert sei und sich nicht zum unmittelbaren Seelenorgan schicke. Vor allem könne sich die Seele nicht selbst im Raum „anschaulich machen“, da sie sich hierzu selber zum Gegenstand ihrer äußeren Anschauung machen müsste, was sich widerspreche (7).
Während also Soemmerring mit seiner Suche nach dem Seelenorgan im Inneren des Gehirns in die Irre ging, bahnte sich zur selben Zeit ein für die spätere Neurowissenschaft bahnbrechender Umbruch an: Aufgrund verbesserter Methoden der Präparation bei Tieren und beim Menschen gelangte der Wiener Arzt Franz Joseph Gall (1758 bis 1828) zur Ansicht, dass die seelischen Anlagen auf der Oberfläche der Hemisphären säßen (siehe Textkasten 1). 1805 gab Gall seine Wiener Praxis auf und begab sich zur öffentlichen Demonstration seiner Schädellehre auf eine weithin beachtete „kranioskopische Reise“, bevor er sich 1807 in Paris niederließ. Galls Lehre ging davon aus, dass das Seelische wesentlich vom Körperlichen mit beeinflusst wird. Es sei an bestimmte Werkzeuge gebunden. Wie jede Körperfunktion ihr eigenes Organ besitze, so müssten auch die Fähigkeiten („Fakultäten“), die seelischen beziehungweise geistigen Funktionen jeweils über ein unabhängiges Organ im Gehirn verfügen. Diese Organe glaubte Gall im Sinne seiner „Organologie“ an bestimmten Stellen der Hirnrinde lokalisieren zu können. Jeder Grundfunktion musste demnach ein definierter Bezirk im Gehirn entsprechen. Die Aktivität eines Organs beeinflusst seine Größe. Dies gelte, so Gall, auch für die „Hirnorgane“. Die Schädellehre – von Galls Schüler Johann Kaspar Spurzheim (1776 bis 1832) später „Phrenologie“ getauft – ging grundsätzlich davon aus, dass sich der Schädelknochen seiner Form nach der Hirnoberfläche anpasst, sodass sich ein besonders aktiver und deshalb vergrößerter Bezirk der Hirnrinde in einer Vorwölbung des Schädels ausdrückt. Mithilfe der „Kranioskopie“ glaubte Gall, 27 unterschiedliche „Organe“ für die jeweiligen Grundeigenschaften gefunden zu haben, von denen später aber nur die Lage des Sprachzentrums bestätigt wurde.
Galls plastische und sehr eingängige Lehre faszinierte nicht nur zahlreiche Gelehrte (so äußerte sich auch Goethe bewundernd), sondern begeisterte darüber hinaus ein breites Laienpublikum. Es schien nicht nur für Ärzte und Naturforscher verlockend, aus der Schädelform Eigenschaften und Fähigkeiten eines Menschen ableiten zu können: Das gegenseitige Betasten der Kopfform wurde schon bald zu einem modischen Gesellschaftsspiel (Abbildung 2).
Abb. 2: Betasten der Kopfform als Gesellschaftsspiel: Karikatur von Daniel Heß (1795)
Abb. 2: Betasten der Kopfform als Gesellschaftsspiel: Karikatur von Daniel Heß (1795)
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So konnte man beispielsweise das Organ des Geschlechts- beziehungsweise Fortpflanzungstriebes am Hinterhauptshöcker abtasten und damit die Triebhaftigkeit des Menschen beurteilen, und die Musikalität konnte man an der Stärke des „Organs des Tonsinns“ über dem äußeren Augenwinkel diagnostizieren (siehe Textkasten 2). Im Gefolge der Phrenologie kam es zu einer regelrechten „Schädeljagd“: Nicht nur die Schädel berühmter Persönlichkeiten, insbesondere von Dichtern und Musikern, sondern auch die der eigenen Vorfahren wurden zu begehrten Deutungsobjekten. Gall ließ sogar seinen eigenen Schädel in seine Spezialsammlung integrieren, wo er heute noch zu besichtigen ist (Abbildung 3).
Abbildung 3: Gall (mit auffälligem „Organ des Witzes“) demonstriert seine Schädellehre; Karikatur von Thomas Rowlandson.
Abbildung 3: Gall (mit auffälligem „Organ des Witzes“) demonstriert seine Schädellehre; Karikatur von Thomas Rowlandson.
Im Verlauf des 19. Jahrhunderts wurde Gall zunehmend von der scientific community abgelehnt, wohingegen die „Phrenologie“, wie nun die Schädellehre hieß, in Laienkreisen noch lange Konjunktur hatte. Die physische Anthropologie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, ein wichtiges Element der aufkommenden Rassenbiologie und späteren Rassenhygiene, trat das Gallsche Erbe an und widmete sich vor allem dem Studium der Schädel.
Obwohl Galls Schädellehre vor allem ab der Mitte des 19. Jahrhunderts in der Medizingeschichtsschreibung vor dem Hintergrund des Siegeszugs der naturwissenschaftlichen Medizin als unhaltbares Konstrukt kritisiert und ihr Urheber als Spintisierer belächelt wurde, ist sie aus heutiger Sicht für die Entstehung der modernen Neurowissenschaft bahnbrechend gewesen. Denn erstmals wurde die hirnphysiologische beziehungsweise anthropologische Bedeutung der Hirnrinde grundsätzlich anerkannt, wenn auch auf höchst spekulativem Weg. Die fantastisch oder gar bizarr anmutende „Organologie“ darf jedoch nicht vergessen machen, dass Gall selbst ein seriös arbeitender und tatsächlich begnadeter Naturforscher und Hirnanatom war, der den Weg für die Lokalisation von Gehirnfunktionen bahnte (zum Beispiel die Entdeckung der motorischen Zentren 1870 durch Fritsch und Hitzig) und der die hirnanatomische Ausrichtung psychiatrischer Forschung („Hirnpsychiatrie“) im ausgehenden 19. Jahrhundert einleitete.
Es ist bemerkenswert, dass gleichzeitig mit der Verbreitung der Gallschen Schädellehre im frühen 19. Jahrhundert die medizinische (Tiefen-)Psychologie im Geiste der romantischen Naturphilosophie begründet wurde, vor allem durch die Theorie einer „bewusstlosen Seele“ im Bauchgangliensystem (J. Chr. Reil) (6) und die entwicklungsgeschichtliche Lehre vom „Unbewussten“ (C. G. Carus) (5). So wurden vor rund 200 Jahren nicht nur die Weichen für Hirnforschung und Neurowissenschaft gestellt, sondern auch für Psychoanalyse und Psychosomatik – lange vor Freud.


Literatur
1. Clarke E, Dewhurst K: An illustrated history of brain functions. Berkeley: Univ. of California, 1972.
2. Gall FJ: Des Herrn Dr. F. J. Gall Schreiben über seinen bereits geendigten Prodromus über die Verrichtungen des Gehirns der Menschen und Thiere an Herrn Jos. Fr. von Retzer. In: Franz Joseph Gall: 1759–1828, Naturforscher und Anthropologe. Ausgewählte Texte . . . von Erna Lesky. Bern; Stuttgart–Wien: Huber, 1979; 57–59.
3. Gall FJ: Neue Entdeckungen in der Gehirn-, Schedel- und Organenlehre. Mit vorzüglicher Benutzung der Blöde’schen Schrift . . . dargestellt nach den Gall’schen Unterredungen zu Carslruhe im December 1806. Karlsruhe: Müller, 1807.
4. Schaaffhausen H: Einige Reliquien berühmter Männer. Correspondenzblatt der deutschen Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte 1885; 16: 147–148.
5. Schott H: Das Gehirn als „Organ der Seele“: Anatomische und physiologische Vorstellungen im 19. Jahrhundert. Ein Überblick. Philosophia Naturalis 1987; 24: 3–14.
6. Schott H: Zum Begriff des Seelenorgans bei Johann Christian Reil (1759 bis 1813). In: Gehirn – Nerven – Seele: Anatomie und Physiologie im Umfeld S. Th. Soemmerrings. Hrsg. von G. Mann u. F. Dumont. Stuttgart; New York: G. Fischer 1988 (Soemmerring-Forschungen; Bd. 3); 183–206.
7. Soemmerring ST: Über das Organ der Seele. Königsberg 1796. (Mit I. Kants Stellungnahme im Anhang)


zZitierweise dieses Beitrags:
Dtsch Arztebl 2002; 99: A 1420–1422[Heft 21]

Anschrift des Verfassers:
Prof. Dr. med. Dr. phil. Heinz Schott
Direktor des Medizinhistorischen Instituts der
Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität
Sigmund-Freud-Straße 25
53105 Bonn


Rückschau
Eine Rückschau auf historische Entwicklungsstränge in der Medizin, auf Themen, die auch einen Bezug zu aktuellen Fragestellungen haben – dies beabsichtigt Prof. Dr. med. Dr. phil. Heinz Schott, Direktor des Medizinhistorischen Instituts der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. In loser Folge greift er im Deutschen Ärzteblatt solche Themen auf und präsentiert sie unter Berücksichtigung medizinhistorischer Quellen.

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