ArchivDeutsches Ärzteblatt21/2002Erfassung aller hörgeschädigten Neugeborenen: OAE-Screening bedarf der Finanzierung

MEDIZIN: Diskussion

Erfassung aller hörgeschädigten Neugeborenen: OAE-Screening bedarf der Finanzierung

Dtsch Arztebl 2002; 99(21): A-1442 / B-1208 / C-1130

Fleer, Alfons

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LNSLNS Das Ei des Kolumbus wurde nicht im Saarland gefunden. Hamburg und Hannover gingen voran, andere Länder Europas ebenfalls. Für größere Flächenländer ist ein solches Screening in dieser zentralisierten Form schwieriger durchzuführen. Wichtiger aber: Ich meine, dass eine solche Zentralisierung überhaupt nicht erforderlich ist. Als Kin-
der- und Jugendmediziner und Obmann unserer nordhessischen Fachgruppe schließe ich mich natürlich der Intention der Verfasser an, alle hörgeschädigten Kinder sicher bis zum sechsten Lebensmonat zu erfassen, um sie nach zeitiger Diagnose einer suffizienten Therapie zuzuführen, die ihnen einen Spracherwerb mit allen daraus folgenden Vorteilen ermöglicht. Widersprechen muss ich aber dem durchaus nicht nur zwischen den Zeilen zu findenden Unterton, hier handele es sich um ein fachliches Versagen derer, die sich bisher versucht haben, dieses Problems anzunehmen. Wer je versucht hat, mit einer Hochtonrassel oder anderem Instrumentarium eindeutige Hörreaktionen hervorzurufen bei den kleinen Probanden, wer bei sicher schwerhörigen oder gehörlosen Kindern wiederholt eindeutige „Hörreaktionen“ mit Rasseln und Spielzeug provoziert hat, konnte sich sinnfällig von der Sinnlosigkeit solcher Versuche überzeugen. Kinder- und Jugendärzte haben sich mit strukturierter Befragung von Müttern zu eindeutigen Hörreaktionen in den entsprechenden Altersstufen versucht zu behelfen, mit allen daraus resultieren Fehlern . . . Schnee von gestern!
Dass in den letzten Jahren eine Früherfassung von relevanten Hörstörungen möglich wurde, ist nicht Resultat verbesserter ärztlicher Ausbildung oder vermehrter fachärztlicher Inanspruchnahme von HNO-Ärzten, sondern schlicht Folge der technisch möglichen Ableitung der otoakustischen Emissionen. Die Technik ist einfach zu handhaben, spezifisch, aber leider mit 5 Prozent falschpositiven Resultaten behaftet, wenn man mit vier Wochen untersucht, das heißt zum Zeitpunkt der U3. Wenn man dies vorher versucht, ist die Rate der falschpositiven Ergebnisse höher.
Man lerne aus den Erfahrungen mit der Einführung des Hüftscreenings: Mitnichten gehört die kindliche Hüfte in die Hand des Orthopäden, der Leistenbruch in die Hand des Chirurgen, das Ohr des Säuglings in die Hand des HNO-Kollegen. Flächendeckende Versorgung bedarf der Verbindung mit in der Fläche vorhandenen Strukturen, und dies sind die Kinder- und Jugendärzte, die in der Fläche U3 und zum Beispiel auch das ultraschallgestützte Hüftscreening durchführen – mit 100-prozentiger Beteiligung.
- Das Hörscreening ist eine reine Vorsorgeleistung, die typischerweise ambulant erbracht werden sollte, ähnlich wie die Ultraschall-Untersuchung der Hüfte der Neugeborenen im Alter von einem Monat.
- Die Untersuchung und Bewertung ist einfach und erfordert keinen HNO-ärztlichen Sachverstand.
- Nur in Zusammenhang mit der bestehenden Vorsorgeuntersuchung U3 oder U4, die von nahezu 100 Prozent der Eltern wahrgenommen werden, ist ein solches Screening flächendeckend und kostensparend durchzuführen ohne Aufbau zusätzlicher Bürokratie.
- Gesonderte Zugangswege mit Einbindung zusätzlicher ärztlicher Fachgruppen sind für dieses Screening und seine Zielsetzung nicht erforderlich und somit wegen des erhöhten Personal- und Kostenaufwandes abzulehnen.
- Das Follow-up der 5 Prozent positiven durch Pädaudiologen muss allerdings gesichert werden.
Für ein OAE-Screening parallel zur Vorsorgeuntersuchung U3 bedarf es nur einer eindeutigen Kostenübernahme durch die Krankenkassen. Bei ausreichender Honorierung der Vorsorgeleistung werden die nötigen Gerätschaften in den Praxen schnell vorhanden sein.

Alfons Fleer
Osterholzstraße 6
34123 Kassel

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