ArchivDeutsches Ärzteblatt21/2002Erfassung aller hörgeschädigten Neugeborenen: Schlusswort

MEDIZIN: Diskussion

Erfassung aller hörgeschädigten Neugeborenen: Schlusswort

Dtsch Arztebl 2002; 99(21): A-1442 / B-1208 / C-1130

Delb, Wolfgang

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Bemühungen, ein generelles Neugeborenenhörscreening anzubieten, gibt es vielfältige und hier ist die von Herrn Fleer aufgeführte Liste von Projekten bei weitem nicht vollständig. Sicher sind Projekte in den USA, in den Niederlanden, aber auch in Polen weiter gediehen als in Deutschland. Berücksichtigt man die Tatsache, dass die otoakustischen Emissionen (OAE) im Jahre 1978 beschrieben wurden und dass erste Vorarbeiten zur Einrichtung eines generellen Neugeborenenhörscreenings in Deutschland in die erste Hälfte der neunziger Jahre datieren, so sind genauso polemische wie kleinliche berufspolitische Streitigkeiten in diesem Zusammenhang nicht angebracht. Tatsache ist, dass es die Möglichkeit der Messung otoakustischer Emissionen seit mehr als zehn Jahren gibt und dass andererseits das Hörscreening, wie von dem Kollegen beschrieben, vielerorts immer noch mit Hochtonrasseln durchgeführt wird. Der Grund dafür sind jedoch nicht nur Versäumnisse, sondern auch die Tatsache, dass die effektive Organisation eines Hörscreenings mit der Folge einer effektiven Senkung des Alters, in dem im Mittel eine Hörgeräteversorgung erfolgt, ein vor dem Hintergrund des deutschen Gesundheitssystems noch immer nicht gelöstes Problem darstellt.
Es ist Teil unseres Organisationsvorschlages, dass das in Deutschland bereits seit langem erfolgreich etablierte System der Vorsorgeuntersuchungen mit dem des Hörscreenings verknüpft werden sollte. Insofern werden Teile unseres Artikels in diesem Leserbrief richtig zitiert. Ohne eine interdisziplinäre Zusammenarbeit ist es nach unserer Ansicht kaum möglich, ein wirklich effektives Hörscreening zu etablieren. Es ist schlichtweg falsch anzunehmen, dass durch eine einzelne Fachgruppe alleine ein effektives Screening organisiert werden kann. Es ist auch nicht die Aufgabenstellung eines Hörscreeningsprojektes, irgendeine Art von Messungen irgendwo durchzuführen, sondern es ist die Frage, wie vor dem Hintergrund des deutschen Gesundheitssystems ein Hörscreening so organisiert werden kann, dass wirklich eine effektive Herabsetzung des Alters erfolgt, in dem Hörgeräte bei schwerhörigen Kindern angepasst werden. Möglich ist dies nur durch die Integration der Kompetenz aller beteiligten Fachgruppen wie Kinderärzte, HNO-Ärzte und Pädaudiologen. Aber auch Gynäkologen sollten selbstverständlich in die Organisation des Hörscreenings eingebunden sein. Nach Lage der Literatur liegt die Spezifität der modernen OAE-basierten Screeninggeräte bei der Messung am zweiten bis vierten postnatalen Tag bei 95 Prozent. Bei späteren Messungen ist mit einer zunehmend geringer werdenden Compliance der Kinder zu rechnen. Folglich ist ein ausschließlich auf Untersuchungen im Rahmen der U3 basierendes Screeningsystem mit deutlich größeren Schwierigkeiten verbunden. Entscheidender ist jedoch, dass das Hauptproblem des Neugeborenenhörscreenings, nämlich das Follow-up, das von Herrn Fleer lapidar mit den Worten „muss organisiert werden“ abgetan wird, ungelöst bleibt. Genau hier liegt die dringende Notwendigkeit der Einführung eines zentralisierten Systems, da die Effektivität eines Hörscreenings nicht nur von dem Erfassungsgrad bei der Erstuntersuchung, sondern entscheidend von der Organisation des Follow-up abhängt. Die Zielsetzung des Hörscreenings liegt nämlich nicht in der Erfassung der normalen, sondern der Erkennung und frühzeitigen Behandlung der schwerhörigen Kinder! Diese, und hier wird Herr Fleer zustimmen, sind in der Gruppe der bei der OAE-Messung auffälligen Kinder zu finden. Werden die Nachuntersuchungen, wie dies in anderen Projekten ohne zentral geregeltes Follow-up der Fall ist, in bis zu 50 Prozent nicht durchgeführt, so entgehen bis zu 50 Prozent der schwerhörigen Kinder einer frühzeitigen Therapie. Kurz gesagt: Ein solches Screening wäre sinnlos und würde kaum den Aufwand rechtfertigen. Die einzige Möglichkeit, das Follow-up sinnvoll zu organisieren, ist die im Saarland realisierte Etablierung einer zentralen Koordinationsstelle, die die Bemühungen aller beteiligten Fachgruppen sinnvoll aufeinander abstimmt, nicht erfasste Kinder identifiziert und auffällige Kinder nachverfolgt. Mit der Einführung von mehr Bürokratie hat dies nichts zu tun. Es ist vielmehr die einzige Möglichkeit, das Neugeborenenhörscreening so zu gestalten, dass die vielfältigen Bemühungen in diese Richtung nicht mangels Effektivität im Sande verlaufen.

Für die Verfasser:
Dr. med. Wolfgang Delb
Universitäts-HNO-Klinik
66421 Homburg/Saar

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige