ArchivDeutsches Ärzteblatt21/2002Die Frauenkirche: Das berühmteste Wahrzeichen Dresdens

VARIA: Feuilleton

Die Frauenkirche: Das berühmteste Wahrzeichen Dresdens

Dtsch Arztebl 2002; 99(21): A-1446 / B-1212 / C-1134

Rehbein, Maja

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Weltweit setzen sich Menschen für den Wiederaufbau des barocken Kunstwerks ein.

Das berühmteste Wahrzeichen Dresdens war die Frauenkirche am Neumarkt, 1726 bis 1743 von evangelischen Bürgern erbaut, um August dem Starken ihren Glauben entgegenzusetzen. Der Baumeister George Bähr schuf ein großartiges barokkes Kunstwerk. Einmalig war die ganz aus Stein gemauerte Kuppel, gekrönt von der Turmhaube mit der kupfernen „Laterne“. Der runde Kircheninnenraum mit seiner Silbermannorgel wirkte besonders feierlich. Dort spielte Johann Sebastian Bach, und Richard Wagner wurde beim Dirigieren eines Oratoriums zum Hauptthema seines „Parsifal“ inspiriert.
Am Abend des 13. Februar 1945 begann völlig unerwartet die Bombardierung Dresdens durch britische und amerikanische Flugzeuge. Etwa 300 Frauen und Kinder flüchteten in die bomben- und feuersichere Frauenkirche. Aber die Flammen drangen von außen hinein. Die Menschen wurden zwar gerettet, doch das Innere der Kirche brannte in einem gewaltigen Feuersturm völlig aus. Die Kuppel hielt zwei Tage stand, bis der Sandstein von der ungeheuren Glut mürbe wurde und die Frauenkirche zusammensank, ein Teil des riesigen Trümmermeers von Dresdens Altstadt. Erschüttert sagte Gerhart Hauptmann: „Wer das Weinen verlernt hat, der lernt es wieder beim Untergang Dresdens . . .“
Die genaue Zahl der Todesopfer ist unbekannt, da die Stadt mit Flüchtlingen aus Ostpreußen und Schlesien überfüllt war. Nur 35 000 Opfer konnten identifiziert werden; die Schätzungen reichen jedoch bis zu 250 000. Schnell ausgehobene Massengräber fassten 30 000 Tote. Um Seuchen zu verhindern, wurden auf dem Altmarkt viele Leichen auf Schienenrosten verbrannt. Etwa 400 000 Menschen waren obdachlos. Enorme medizinische und soziale Aufgaben waren zu lösen.
Zwei Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg wurde damit begonnen, die wichtigsten Trümmerteile der Frauenkirche zu bergen. Der Denkmalschutz erreichte, dass die Ruine zum Mahnmal erklärt wurde. Alljährlich am 13. Februar versammelten sich dort viele Dresdener mit brennenden Kerzen – ein stummer Protest gegen das DDR-Regime.
Wiederaufbau der Frauenkirche. Fotos: Maja Rehbein
Wiederaufbau der Frauenkirche. Fotos: Maja Rehbein
Nach der Wende kam am 13. Februar 1990 ein „Ruf aus Dresden“: „Wir rufen auf zu einer weltweiten Aktion des Wiederaufbaues der Dresdner Frauenkirche . . .“ Bis 1994 wurde der Trümmerberg abgetragen. Man fand das stark beschädigte Turmkreuz, das Grabmal Bährs und den weitgehend erhaltenen Altar. Die zu 45 Prozent wieder verwendbaren Steine wurden mit Computertechnik erfasst und in einem Steinregal zwischengelagert. Beim Aufbau wird per Computer der richtige Stein ausgesucht. Durchweg wird sächsischer Sandstein verwendet, zwischen dessen strahlendem Gelb die schwarzen Originalsteine erscheinen werden.
Einige gerettete Kisten mit Bauplänen dienen als Grundlage für den Wiederaufbau. Unter der Außenschutzplane mit der Aufschrift „Brücken bauen – Versöhnung leben“ ist er schon in mehr als 45 Meter Höhe gediehen. Zurzeit wird das Baugerüst mit der Hülle allmählich entfernt, sodass die Fassade sichtbar wird. Dann wird mit dem Aufbau der Steinkuppel begonnen. Statt wie geplant 2006, zum 800-jährigen Jubiläum der Stadt Dresden, wird die Kirche bereits ein Jahr früher fertig sein.
Von den 150 000 Gästen, die jährlich Dresden besuchen, nehmen viele an den Führungen in der 1996 geweihten Unterkirche teil. Bald wird man die Silhouette von Alt-Dresden wieder wie auf Canalettos bekannten Bildern bewundern können.
Bauherrin ist die öffentliche Stiftung Frauenkirche Dresden. Rund 125 Millionen Euro wird der Bau kosten, nur aus Spenden und Verkaufserlösen zu erbringen. Ein Pavillon bietet fast 400 einschlägige Produkte an. Die Gesellschaft zur Förderung des Wiederaufbaus der Frauenkirche Dresden e.V. zählt jetzt mehr als 5 000 Mitglieder in 22 Ländern. Zahlreiche Förderkreise wurden gebildet, wie zum Beispiel die
„Friends of Dresden“ in den USA (Präsident: Günter Blobel, Professor für Zellbiologie, der 1,6 Millionen DM von seinem Nobelpreis für Medizin spendete). „The Dresden Trust“ in Großbritannien hat das Kuppelkreuz originalgetreu nachgebildet, das seit zwei Jahren an der Baustelle auf seine Wiederverwendung wartet. Für den Nachbau der Silbermann-Orgel wurde ein Kompromiss gefunden. Noch nie war der gemeinsame Einsatz von Menschen auf der ganzen Welt für eine kulturelle Aufgabe so groß wie beim Wiederaufbau der Frauenkirche in Dresden. Maja Rehbein
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