ArchivDeutsches Ärzteblatt21/2002Genussscheine: Verzehr nicht immer ohne Reue

VARIA: Wirtschaft

Genussscheine: Verzehr nicht immer ohne Reue

Dtsch Arztebl 2002; 99(21): A-1449 / B-1233 / C-1156

Jobst, Peter

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Zeichnung: Dirk Meissner
Zeichnung: Dirk Meissner
Der Genussschein nimmt eine Zwitterstellung zwischen festverzinslichem Wertpapier und Aktie ein.

Die ersten Genussscheine kamen im 18. Jahrhundert in Nordamerika auf den Markt. Betreiber-Konditionen für Eisenbahnlinien wurden seinerzeit nur befristet ausgestellt, nach Ablauf gingen sie mit allen Rechten und Pflichten auf den jeweiligen Bundesstaat über. Als Ausgleich erhielten die ursprünglichen Inhaber einen Anteil am Gewinn, der durch Genussscheine verbrieft wurde.
In Deutschland konnten Genussscheine erstmals in den Fünfzigerjahren in Form der mittlerweile ausgelaufenen Audi-NSU-Genüsse Fuß fassen. Als Refinanzierungs- und Anlageinstrument wurden sie jedoch erst zu Beginn der Neunzigerjahre „entdeckt“. Heute umfasst der Markt nahezu 300 verschiedene Emissionen, wobei es inzwischen weniger die Industrieunternehmen, sondern vielmehr Kreditinstitute wie die Deutsche Apotheker- und Ärztebank sind, die sich auf diesem Wege refinanzieren.
Unterschiedliche Konstruktionen
Unter Anlagegesichtspunkten nimmt der Genussschein eine Zwitterstellung zwischen festverzinslichem Wertpapier und Aktie ein, wobei die Schwerpunkte unterschiedlich gesetzt sein können. Es gibt keine gesetzliche Definition für Genussscheine. Jeder Emittent kann die Ausgabebedingungen und die Konditionen seiner Genussscheine weitgehend nach eigenen Vorstellungen festlegen. Damit sind jedoch auch Probleme verbunden: Die ausgegebenen Genussscheine unterscheiden sich in ihrer Konstruktion oftmals ganz erheblich voneinander, Vergleiche sind deshalb nur schwer möglich.
Zu unterscheiden ist einerseits nach der Art der Ausschüttung:
- Genussscheine mit fester Ausschüttung – und dies ist die Mehrheit der umlaufenden Genussscheine – sehen (wie der Name bereits sagt) eine gleich bleibende Ausschüttung vor. Diese orientiert sich an der Lage am Rentenmarkt bei Ausgabe des Genussscheins. Entsprechend ändern sich die Kurse ähnlich wie die der festverzinslichen Wertpapiere: Steigen die Zinsen, gehen die Notierungen zurück, bei sinkendem Zinsniveau steigen die Kurse der Scheine. In der Regel können Anleger mit einem relativ zuverlässigen und marktgerechten Ertrag rechnen.
- Genussscheine mit ergebnisabhängiger Ausschüttung sehen eine Ausschüttung vor, die sich am wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens orientiert. Als Bemessungsgrundlage kann beispielsweise die Dividende eines Unternehmens auf seine Aktien dienen, teilweise werden auch Bilanz-Kennzahlen zugrunde gelegt. Der Kurs dieser Genussscheinkategorie orientiert sich vorrangig an der Unternehmensentwicklung: Kann mit einer Beibehaltung oder Steigerung der Ausschüttungszahlung gerechnet werden, notieren die Papiere stabil oder sie steigen. Bei drohenden Risiken sinkt der Kurs tendenziell. !
- Genussscheine mit garantierter Mindestverzinsung sehen zwar ebenfalls eine ergebnisabhängige Ausschüttung vor, allerdings garantiert der Emittent eine Mindestzahlung, die oftmals auch für Jahre ohne Ausschüttung nachgezahlt werden muss. Die Kursentwicklung dieser Kategorie ist zwar auch weitgehend unternehmensabhängig, die garantierte Mindestausschüttung erlaubt jedoch eine gewisse „Spekulation mit Netz“.
- Genussscheine mit Wandelrecht sehen entweder eine feste oder eine ergebnisabhängige Ausschüttung vor. Daneben bieten sie die Möglichkeit zur Wandlung, das heißt, Anleger können das Papier in Aktien des Unternehmens umtauschen, wobei eine Zuzahlung festgelegt sein kann. Die Kursentwicklung richtet sich aufgrund dieser festen Bindung nahezu ausschließlich nach der Unternehmensentwicklung.
Ein weiteres Unterscheidungskriterium für die Genussscheine ist die Rückzahlung:
- Genussscheine mit festem Rückzahlungstermin sind für den Anleger unproblematisch, kann doch die Rendite – insbesondere bei Papieren mit fester Ausschüttung – relativ genau kalkuliert werden.
- Genussscheine mit Kündigungsrecht bergen hingegen das Risiko, dass der Emittent das Papier zu einem Zeitpunkt kündigt, der für den Anleger besonders ungünstig ist, zum Beispiel nach kräftigen Kursgewinnen.
Diese Aufteilung in Basis-Kategorien, zu denen es noch eine Vielzahl von Unterkategorien gibt, zeigt bereits, dass Genussscheine durchaus auch unterschiedliche Anleger-Mentalitäten befriedigen können. Hinzu kommt eine attraktive Rendite: Genussscheine erstklassiger Emittenten bringen heute Erträge zwischen 5,25 Prozent und sieben Prozent, sodass sie durchaus mit anderen Anlagen konkurrieren können.
Allerdings zeigt der gegenüber festverzinslichen Wertpapieren relativ hohe Zusatzertrag, dass mit Genussscheinen auch Risiken verbunden sein können. Jeder Anleger muss sich der Tatsache bewusst sein, dass er nicht nur an den Gewinnen beteiligt ist, sondern auch eventuelle Verluste mitzutragen hat. Zudem verbriefen Genussscheine – ganz im Gegensatz zu Festverzinslichen Wertpapieren – lediglich eine nachrangige Forderung mit der Folge, dass im Fall einer notwendig gewordenen Kapitalherabsetzung die Genussscheininhaber den Verlust in voller Höhe tragen müssen.
Ein weiteres Risiko ist die Marktgängigkeit der Genussscheine. Einige Titel sind nur mit einem Volumen von wenigen Millionen Euro aufgelegt worden, sodass ein Börsenhandel lediglich sporadisch stattfindet. Damit ist eine jederzeitige Verkäuflichkeit zu einem angemessenen Kurs nicht mehr gewährleistet. Zwar bemühen sich insbesondere die Banken bei ihren Genussscheinen um angemessene Marktpflege; eine Garantie dafür gibt es allerdings – dies zeigen die oftmals hektischen Kurssprünge bei manchen Genussscheinen – nicht. Andererseits bietet ein geringes Handelsvolumen zumindest grundsätzlich auch die Chance, Genussscheine mittels limitiertem Auftrag besonders günstig zu kaufen und zu verkaufen.
Vorteil: keine unterjährigen Stückzinsen
In jedem Fall interessant ist jedoch die steuerliche Behandlung von Genussscheinen und deren Ausschüttung. Üblicherweise unterliegen Erträge aus festverzinslichen Wertpapieren bei Überschreiten des Sparerfreibetrags dem Zinsabschlag in Höhe von 30 Prozent sowie dem Solidaritätszuschlag. Bei Genussscheinen wird hingegen lediglich eine Kapitalertragsteuer von 20 Prozent sowie der darauf entfallene Solidaritätszuschlag einbehalten, sodass sich bis zur Einkommensteuerveranlagung – bei der beide Ertragsarten wiederum gleich behandelt werden – ein gewisser Liquiditätsvorteil ergibt.
Wesentlich wichtiger ist jedoch der Vorteil bei der unterjährigen Verzinsung: Da die Höhe der nächsten Ausschüttung (zumindest grundsätzlich) unbekannt ist, gibt es bei Genussscheinen keine unterjährigen Stückzinsen. Diese sind bereits im Kurs enthalten. Während des Jahres wird der Genussscheinkurs also – unveränderte Rahmenbedingungen vorausgesetzt – kontinuierlich steigen, um dann am Ausschüttungstag (ähnlich wie bei Aktien) um den Ausschüttungsbetrag zurückzufallen.
Aus dieser „Flat-Notierung“ ergibt sich eine interessante Steuerspar-Möglichkeit: Verkauft ein Anleger seine Genussscheine kurz vor dem Ausschüttungstermin, bleibt der bis dahin erzielte Ertrag – obwohl zinsähnlich – immer dann steuerfrei, wenn zwischen dem Kauf und dem Verkauf der Papiere mindestens zwölf Monate vergangen sind oder die Freigrenze für alle Gewinne aus Spekulationsgeschäften nicht überschritten wird. Bei geschickter Koppelung mehrerer Engagements in unterschiedlichen Genussscheinen kann also ein wesentlicher Teil der Kapitalerträge steuerfrei bleiben. Bei den Transaktionen müssen aber auch andere als steuerliche Gründe eine Rolle spielen, damit die Finanzbehörde in den Transaktionen keinen missbräuchlichen Umgehungstatbestand erkennt.
Ganz so problemlos, wie oftmals dargestellt wird, funktionieren solche Steuerstrategien ohnehin nicht immer. Nachdem immer mehr Investoren am Tag der Ausschüttung die jetzt wieder „billigen“ Papiere erwerben wollen, geht der Kurs in der Regel weitaus weniger zurück, als dies rechnerisch zu erwarten wäre. Aber auch der Anstieg während des Jahres entspricht oftmals nicht dem errechneten Wertzuwachs auf Basis der angegebenen Rendite: Spricht der Emittent eine Kündigung aus, geht der Kurs möglicherweise deutlich zurück, ebenso in Fällen steigender Kapitalmarktzinsen. Zudem sind Spesen zu berücksichtigen, die bei jedem Verkauf und anschließendem Kauf zusammen bis zu 2,3 Prozent ausmachen können.
Fazit: Genussscheine stellen zwar durchaus eine interessante, weil renditestarke und steuerlich attraktive Anlageform dar. Der gegenüber festverzinslichen Wertpapieren erzielbare Mehrertrag ist jedoch nichts anderes als eine Zusatzprämie für das größere Risiko und den höheren Verwaltungsaufwand. In jedem Fall lohnt es sich, die Vertragsbedingungen des ausgewählten Genussscheins bei der Hausbank beziehungsweise dem Emittenten anzufordern, um so allen Risiken rechtzeitig aus dem Weg gehen zu können. Peter Jobst
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