VARIA: Post scriptum

Vorsicht Lamissen!

Bosch, Stefan

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Zeichnung: Reinhold Löffler
Zeichnung: Reinhold Löffler
Plötzlich stand sie da, als besondere Anmerkung im morgigen OP-Plan: Lamissen. Es betraf gleich zwei zur Kardioversion vorgesehene Patienten, bei einem sogar mit Ausrufezeichen: Lamissen! Die rätselhafte Notiz verlangte nach Aufmerksamkeit und Aufklärung.
Viele zerbrachen sich den Kopf oder schüttelten denselben ungläubig. Andere suchten Rat bei Oberärzten, im Lexikon und Internet. Erklärungsversuche schossen ins Kraut. Lamblien, Legionellen, Listerien, Lamissen – das klang nach Mikrobiologie, Multiresistenz und höchstem Kontagionsindex. Waren das nicht die hochvirulenten, gramnegativen, obligat intrazellulär lebenden Bakterien? Nein, das war doch dieser spezielle Handgriff mit den Elektroden beim Cardiovertieren.
Ich war überzeugt, es handle sich um eine elektrophysiologische Anomalie, benannt nach dem zu Unrecht in Vergessenheit geratenen Kardiologen Karl-Otto Freiherr von Lamissen-Königsstein, aus altem ostpreußischen Landadel stammend und Wegbereiter moderner Rhythmustherapie.
Nach Tagen intensivster, aber unergiebiger Lamissen-Fahndung outete sich schließlich ihr Urheber: ein Spaßvogel unter den Anästhesisten hatte wieder sein Ziel erreicht und mit einem klangvollen Kunstwort die Fachwelt gefoppt. Lamissen, ein kurzes Wort, vielleicht in Bierlaune zusammengepuzzelt aus Lamblien und Hornissen?
Lamissen stehen in keinem Pschyrembel, aber ihre Wirkung ist phänomenal. „In diesem Fall sollte man auch an Lamissen denken“ – dieser beiläufig hingeworfene Satz belebt jede Visite und bringt Fachärzte wie Famulanten ob ihrer Wissenslücken garantiert ins Schwitzen. „Herr Müller hat jetzt doch Lamissen“ – die Schwestern gehen nur noch mit Handschuhen und Mundschutz zu ihm. „Hol mal im Lager neue Lamissen“ – Generationen von Praktikanten und Zivis werden weiter stundenlang vergeblich suchen . . .
Lamissen. Ein Kunstbegriff und seine wundersame Wirkung im Medizinbetrieb – probieren Sie es gleich morgen selbst aus. Jeder Tag kann 1. April sein.
Dr. med. Stefan Bosch
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