ArchivDeutsches Ärzteblatt22/2002Disease Management: Der Preis fürs Mitmachen

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Disease Management: Der Preis fürs Mitmachen

Dtsch Arztebl 2002; 99(22): A-1465 / B-1225 / C-1145

Jachertz, Norbert

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LNSLNS Die Koppelung von Disease-Management-Programmen (DMP) an den Risiko­struk­tur­aus­gleich (RSA) erscheint zwar absurd. Doch der Gesetzgeber hat das so gewollt.
Eine Folge ist, dass die Krankenkassen nunmehr feststellen müssen, welche ihrer Versicherten an welchen DMP teilnehmen. Denn davon hängt es ab, wie viel Geld sie aus dem Risiko­struk­tur­aus­gleich bekommen.
Das ist das Einfallstor für die Lieferung von Patientendaten an die Krankenkassen. Die Experten sind sich allerdings weitgehend einig darüber, dass zur Durchführung des RSA lediglich pseudonymisierte Daten an die Kassen gehen müssen. Doch die Kassen wollen mehr: Um zu kontrollieren, ob ein DMP bei den eingeschriebenen Versicherten von Erfolg gekrönt ist, begehren sie weitere Daten.
Man kann sich nun darüber ärgern, dass die Krankenkassen mithilfe von Disease-Management-Programmen einen Fuß in die Tür des ärztlichen Behandlungszimmers setzen wollen. Doch der Gesetzgeber ist dem Begehren der Krankenkassen gefolgt – wenn auch nicht ganz so, wie sie das gerne gesehen hätten.
Denn den Ärzten und ihrer Selbstverwaltung ist es immerhin gelungen, aus einem anfänglich tückischen Vorhaben das Beste zu machen. Sie erreichten nämlich, über die medizinischen Inhalte und die Qualität von DMP wesentlich mitbestimmen zu können. Das geschieht mithilfe des Koordinierungsausschusses, eines neuen, vom Gesetzgeber eingerichteten Gremiums, das Vorgaben für DMP gibt, die
der Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter alsdann in Rechtsverordnungen umsetzen kann.
Das läuft zurzeit. Der Koordinierungsausschuss hat sich zum Auftakt von DMP auf ein Anforderungsprofil Diabetes geeinigt. Zudem verständigte er sich nach harten Verhandlungen, in denen die gegensätzlichen Positionen von Ärzten und Kassen voll zum Ausdruck kamen, auf Grundsätze für den Datenfluss. Ein beachtlicher Verhandlungserfolg insbesondere der „Ärzteseite“.
Die Krankenkassen haben im Koordinierungsausschuss nämlich eine starke Stellung und pochen darauf, gleichfalls bei den DMP-Inhalten mitzubestimmen und unumgängliche Patientendaten von den Ärzten übermittelt zu bekommen. Die Ärzte müssen dabei notgedrungen mitspielen, wenn sie überhaupt bei DMP eine aktive Rolle übernehmen wollen. Und das wollten sie bisher! Die Frage ist freilich, was sie dulden müssen, was unumgänglich ist und ob das Patientengeheimnis gegenüber den Kassen gewahrt bleiben kann.
Die Kassenärztliche Bundesvereinigung ist mit dem Verhandlungsergebnis im Koordinierungsausschuss, was den Datenfluss angeht, nicht völlig einverstanden. Sie befürchtet direkte Einflüsse der Krankenkassen auf die Arzt-Patienten-Beziehung und wird in ihrer An-
sicht durch den soeben vorgelegten Entwurf einer Rechtsverordnung des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ters bestärkt. In ihm ist vorgesehen, den Kassen Daten zur Compliance von Patienten, die bei DMP mitmachen, offen zu übermitteln.
Ginge es nach der Ver­tre­ter­ver­samm­lung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, dann stünde die Beteiligung der Ärzte an DMP infrage, falls die Patientendaten nicht pseudonymisiert werden. Eine Reihe von Vertretern stellte sogar DMP im Sinne des Gesetzes fundamental infrage.
Für Fundamentalkritik ist es allerdings zu spät. Die Ärzteschaft
hat sich für DMP ausgesprochen und wird kaum zurückkönnen. Sie wird wiederum das Beste aus der Zwangslage machen müssen.
Bei dem anstehenden Hearing zur Rechtsverordnung kann sie versuchen, zumindest die offene Übermittlung der Patientendaten zur Compliance zu verhindern. Das sollte eigentlich gelingen, zumal das ein Thema wäre, mit dem die Ärzte sehr gut die Öffentlichkeit mobilisieren könnten. Wenn es um Intimdaten geht, reagieren Patienten, Versicherte und/oder Wähler empfindlich. Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt hat denn auch beim 105. Deutschen Ärztetag in Rostock beruhigend darauf hingewiesen, dass bei der Anhörung durchaus noch Veränderungen möglich sind. Die Zeit drängt. Die Rechtsverordnung soll bereits zum 1. Juli in Kraft treten. Schmidts Devise „Qualität vor Schnelligkeit“ wird dabei arg strapaziert. Norbert Jachertz
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