ArchivDeutsches Ärzteblatt22/2002Arzneimittelforschung: Eine Testsubstanz entsorgt Amyloid

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Arzneimittelforschung: Eine Testsubstanz entsorgt Amyloid

Meyer, Rüdiger

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LNSLNS Forscher am University College in London haben eine Substanz entdeckt, die Amyloidablagerungen im Körper verhindert. Ihr Bericht in Nature (2002; 417: 254–259) nährt die Hoffnung, dass die Substanz nicht nur bei der Amyloidose, sondern auch beim Morbus Alzheimer wirksam ist. Mark Pepys vom University College in London und Mitarbeiter in Japan, den
USA und der Schweiz (Hoffmann-La Roche) sollen über sechs Jahre insgesamt 100 000 Chemikalien gescreent haben, bis sie auf ein Molekül mit der umständlichen Bezeichnung R-1-[6-[R-2-carboxy-pyrrolidin-1-yl]-6-oxo-hexanoyl]pyrrolidine-2-carboxylic acid (CPHPC) stießen. CPHPC erwies sich als ein kompetitiver Inhibitor an der Bindungsstelle von Serum Amyloid P Component (SAP). SAP ist ein natürlicherweise im Körper vorhandenes Eiweiß, das jedoch auch in Amyloidablagerungen vorkommt – mit ungünstigen Auswirkungen: SAP verhindert nämlich, dass Amyloidablagerungen vom Körper abgebaut werden.

Dies hatten frühere Experimente der Gruppe gezeigt, die auch den Wirkungsmechanismus von CPHPC kennt. CPHPC führt zu einer Quervernetzung von zwei SAP-Molekülen. Das Dimer wird dann von der Leber abgebaut, wie ein klinischer Test an 19 Patienten mit einer systemischen Amyloidose belegt. Radioaktiv markierte SAP-Moleküle wurden innerhalb von 24 Stunden wieder ausgeschieden. Die Patienten wurden inzwischen fast ein Jahr behandelt. Nach einer Pressemitteilung der Universität sollen keine Nebenwirkungen aufgetreten sein, und die Krankheit soll sich stabilisiert haben. Dies ist zwar noch kein Wirkungsbeweis, die Forscher äußerten sich gegenüber Nature und dem New Scientist jedoch zuversichtlich, dass sie auf ein wirksames Medikament gestoßen sind. Es fehlt nicht der Hinweis, dass CPHPC möglicherweise nicht nur bei der verhältnismäßig seltenen systemischen Amyloidose eingesetzt werden könnte, sondern auch bei anderen Amyloidspeicherkrankheiten.

Hierzu zählen „weit gefasst“ auch der Morbus Alzheimer und der Typ-II-Diabetes (bei dem es zur Ablagerung von Amyloiden im Pankreas kommt). Schließlich werden auch Prion-Erkrankungen wie BSE oder die neue Variante der Creutzfeldt-Jakob-Erkrankung durch ausgefällte Proteine im Gehirn verursacht. Allerdings scheint CPHPC nicht liquorgängig zu sein. Es müsste dann über eine Depletion des Plasmapools an SAP zunächst dem Gehirn SAP en tziehen. Dies scheint auf den ersten Blick nicht unbedingt ein Erfolg versprechender Ansatz zu sein. Gleichwohl berichten Nature und New Scientist übereinstimmend, dass bereits in den nächsten Wochen eine klinische Studie an Alzheimer-Patienten begonnen werden soll. Rüdiger Meyer
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