ArchivDeutsches Ärzteblatt22/2002LIFE-Studie: Lorsatan - Mehr als eine reine Hypertoniebehandlung

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LIFE-Studie: Lorsatan - Mehr als eine reine Hypertoniebehandlung

Dtsch Arztebl 2002; 99(22): A-1528 / B-1300 / C-1216

Blaeser-Kiel, Gabriele

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LNSLNS Als Meilenstein für die Hypertoniebehandlung bezeichnete Prof. Rainer Düsing (Bonn) das Ergebnis der LIFE-Studie bei einer Pressekonferenz anlässlich des Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin in Wiesbaden. Damit werde ein lang etablierter Konsens – nämlich die gleiche Wirksamkeit der unterschiedlichen Antihypertensiva auf das Folgerisiko – infrage gestellt. LIFE sei die erste große Untersuchung auf diesem Gebiet, in der bezüglich des protektiven Potenzials ein statistisch signifikanter Unterschied zwischen zwei antihypertensiven Wirkprinzipien gezeigt werden konnte.
Für Düsing besteht daher auch kein Zweifel daran, dass sich der dokumentierte Vorteil einer auf dem AT1-Rezeptorantagonisten Losartan (Lorzaar®, MSD Sharp & Dohme) basierenden Blutdrucksenkung im Vergleich zu einer auf dem Betarezeptorenblocker Atenolol basierenden Therapie – und dies bei weit überlegener Verträglichkeit – kurzfristig in einer Aktualisierung der Leitlinien für die Hypertoniebehandlung niederschlagen wird.
Mehr als 9 000 Patienten mit Hypertonie und LVH
Das Akronym LIFE steht für „Losartan Intervention for Endpoint Reduction in Hypertension“. Ausgewählt wurden in 945 skandinavischen, britischen und US-amerikanischen Zentren 9 193 Patienten mit unzureichend/unbehandelter Hypertonie und elektrokardiographisch dokumentierter linksventrikulärer Hypertrophie (LVH). Nach einer vierzehntägigen Placebo-Vorlaufphase erfolgte doppelblind randomisiert die Zuordnung zu einer Therapie mit Losartan oder Atenolol. Die Anfangsdosis betrug jeweils 50 mg/Tag. Bei Nichterreichen des Zielblutdrucks von 140/90 mm Hg wurde zunächst mit Hydrochlorothiazid kombiniert und dann die Dosis der Studienmedikation verdoppelt. Danach konnte jedes andere Antihypertensivum (mit Ausnahme eines AT1-Rezeptorantagonisten, ACE-Hemmers oder Betablockers) hinzugegeben werden.
In Hinblick auf die Blutdrucksenkung ergaben sich keine Unterschiede zwischen den beiden Studienarmen. Die Tagesdosis von Losartan lag im Mittel bei 82 mg und die von Atenolol bei 79 mg. Auch der Anteil der Patienten mit Monotherapie (etwa zehn Prozent) sowie Art und Umfang der erforderlichen Zusatzmedikationen differierten nicht.
Dennoch ging die LIFE-Hypothese auf: Der primäre Endpunkt (Schlaganfall, Myokardinfarkt oder kardiozerebrovaskulärer Tod) wurde innerhalb des Beobachtungszeitraums von durchschnittlich 4,8 Jahren von den mit Losartan behandelten Patienten statistisch signifikant seltener erreicht als im Atenolol-Kollektiv – das relative Risiko war um 13 Prozent geringer. Besonders ausgeprägt war der Schutz von Losartan vor Schlaganfällen mit einer um 25 Prozent niedrigeren Inzidenz (Lancet 2002; 359: 995–1003).
Bei den anderen Einzelparametern ergaben sich nur marginale Abweichungen. Das spricht nach Aussage von Studienleiter Prof. Björn Dahlöf (Göteborg) nicht gegen Losartan, sondern sei als respektables Ergebnis bei diesem Vergleich mit einem Vertreter der für ihre kardioprotektive Effekte bekannten Substanzklasse zu werten.
Nicht erwartet hatte Dahlöf den großen Unterschied von 25 Prozent bei der Neumanifestation eines Diabetes mellitus (einer der sekundären Endpunkte). Allerdings könne man nicht beurteilen, ob die Entgleisung des Glukosemetabolismus durch Losartan verhindert oder durch Atenolol induziert werde.
Erste Detailauswertungen lassen erkennen, dass der Einsatz von Losartan allen Hypertoniepatienten genützt hat – unabhängig von ihrem klinischen Profil. Gab es zu Studienbeginn keine Hinweise auf eine periphere/koronare Erkrankung oder auf einen Diabetes mellitus, wurde der primäre Endpunkt um 18 Prozent seltener erreicht als unter Atenolol.
Selbst die rund 600 versehentlich in die Studie eingeschlossenen Teilnehmer ohne linksventrikuläre Hypertrophie profitierten statistisch signifikant stärker von einer Behandlung mit Losartan als mit Atenolol. Den höchsten Gewinn von Losartan hatten Patienten am anderen Ende des Risikospektrums, nämlich die Diabetiker. Bei ihnen war die Wahrscheinlichkeit für ein Ereignis des primären Endpunkts um 24 Prozent, waren kardiovaskuläre Todesfälle um 37 Prozent, Schlaganfälle um 21 Prozent und Myokardinfarkte um 17 Prozent geringer als im Atenolol-Kollektiv.
Wirkung beruht eher auf Substanz- als auf Klasseneffekt
Offen bleibt die Frage nach dem exakten Mechanismus für den protektiven Effekt von Losartan. Man geht davon aus, dass er zum einen auf der stärkeren Regression der linksventrikulären Hypertrophie im Vergleich zu Atenolol und zum anderen auf der Hemmung des schädigenden Einflusses von Angiotensin II beruht. Nach Überzeugung von Dahlöf spielen auch substanzspezifische Effekte von Losartan eine Rolle. Von einem Klasseneffekt beziehungsweise der Übertragbarkeit des LIFE-Ergebnisses auf andere AT1-Rezeptorantagonisten könne man derzeit nicht ausgehen.
Dies stelle auch für die Mitglieder der Sektion „Arzneimittel“ der Deutschen Hochdruckliga ein Dilemma dar, berichtete Düsing. Man habe bereits darüber diskutiert, wie man Losartan beziehungsweise dem Ergebnis der Studie gerecht werde, wenn man – wie geplant – die AT1-Rezeptorantagonisten in die Stufe eins der Leitlinien für die Hypertoniebehandlung aufnehme. Gabriele Blaeser-Kiel
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