ArchivDeutsches Ärzteblatt23/2002Hausarzt: Synergie-Effekte

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Hausarzt: Synergie-Effekte

Dtsch Arztebl 2002; 99(23): A-1545 / B-1318 / C-1232

Jachertz, Norbert

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Das Percussion Projekt Rostock am Werk, nicht nur mit dem Säbeltanz, sondern wie hier mit Drumcorps on the march.
Das Percussion Projekt Rostock am Werk, nicht nur mit dem Säbeltanz, sondern wie hier mit Drumcorps on the march.
Ganz am Beginn stand Aram Chatscharturjans „Säbeltanz“, ein aufregendes Stück, gespielt bei der Eröffnung des Ärztetags in Rostock.
Ein heftiges Gefecht lieferten sich später dann die 250 Delegierten über die zukünftige hausärztliche Versorgung. Am Ende stand ein schmerzlicher Kompromiss, schmerzlich insbesondere für die Internisten, nämlich die Fusion der Weiterbildungen zum Allgemeinarzt und zum Internisten. Der erwartete Säbeltanz blieb allerdings aus, die Internisten führten eher ein Rückzugsgefecht, nachdem schon vor dem Ärztetag durchgesickert war, dass sich die großen Fraktionen auf einen Kompromiss verständigt hatten. Noch in Rostock hatte der Marburger Bund auf seiner Haupt­ver­samm­lung zugunsten des Fusionsmodells entschieden.
Fusionen sind heute allgemein „in“. In der Wirtschaft werden sie ob ihrer Synergie-Effekte gepriesen. Manchmal gibt es die, oft bestehen sie lediglich darin, dass nach der Fusion zehn Prozent der Belegschaft abhanden kommt.
Welche Synergien aus der Fusion von Allgemeinärzten und Internisten hervorgehen, wird wesentlich davon abhängen, wie der Rostocker Kompromiss in der Weiterbildung und später in der ärztlichen Versorgung umgesetzt wird. Das Kompromissmodell sieht vor, dass der neue internistische Allgemeinarzt neben vielerlei Internisten mit Schwerpunkt tritt. Allen gemeinsam ist eine internistische Basisweiterbildung. Zwei mögliche Entwicklungen zeichnen sich nun ab:
Es gelingt nicht, den internistischen Allgemeinarzt zu einer neuartigen Variante des Arztberufes heraufzumendeln, sondern es bleibt de facto beim Allgemeinarzt gewohnter Art, mit all den Problemen, dafür Nachwuchs zu gewinnen. Daneben verbleiben Internisten, die sich trotz ihrer Spezialisierung weiterhin allgemein-internistisch betätigen.
Das liegt nicht in der Logik des Ärztetagsbeschlusses. Die Mehrheit der Delegierten jedenfalls wollte einen neuartigen Hausarzt mit internistischer Grundlage und daneben internistische Spezialisten. Wenn die sich demnächst streng auf ihr Spezialgebiet beschränken müssen, also nicht allgemein internistisch arbeiten dürfen, dann gäbe es in naher Zukunft eine Vielzahl internistischer Fachrichtungen, beispielsweise im Sinne des Facharztes für Kardiologie.
Wenn es so kommt, dann hätte der Ärztetagsbeschluss, der vordergründig nur Innerärztliches regelt, weitreichende Auswirkungen auf die ärztliche Versorgung. Die Spezialinternisten wären auf große Einzugsgebiete angewiesen, könnten also nicht, wie herkömmliche Internisten, flächendeckend eingesetzt werden. Das bedeutet Konzentration der internistischen Spezialdisziplinen auf zentrale Orte, eventuell am und im Krankenhaus. Vielleicht reizte den Marburger Bund (MB) dieser Umstand so, dass er diesem Modell, das früheren MB-Positionen nicht entspricht, zustimmte.
Die Versorgung in der Fläche würde alsdann Aufgabe der internistischen Allgemeinärzte sein, die in Zukunft der Einfachheit halber Hausärzte heißen könnten. Ein solches Modell entspräche auch der derzeitigen gesundheitspolitischen Philosophie, die den Hausarzt herausstellt, in der Hoffnung, dass er als Filter dient, zunächst freiwillig, später zwangsweise, und damit die Kosten dämpft. Auf der Strecke bliebe die in Deutschland von den Patienten hoch geschätzte flächendeckende fachärztliche Versorgung, zumindest für den internistischen Bereich.
Den Allgemeinärzten wird diese Lösung mehrheitlich recht sein, stärkt sie doch ihre Position in der Versorgung und stützt sie ihren Status. Ob allerdings das uralte Statusproblem der Allgemeinärzte und der früheren praktischen Ärzte damit ein für allemal gelöst ist, ist eher unwahrscheinlich. Denn dieses liegt im Kern darin, dass sich vor gut hundert Jahren aus dem Arztberuf heraus die Spezialisten entwickelten, mit dem Anspruch, die wahre, weil (natur-)wissenschaftliche Medizin zu vertreten. Der „Praktiker“ mit seiner sozialen Kompetenz und großen Erfahrung empfand sich zurückgesetzt. Gegen solches Denken, das auch heute noch weit verbreitet ist, hilft nur allgemeinärztliches Selbstbewusstsein: Der Allgemeinarzt übt einen schönen, menschlich anspruchsvollen, hoch geschätzten Beruf aus. Ob mit oder ohne Fusion. Aber die diente ja auch der berufspolitischen Befriedung. Norbert Jachertz
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