ArchivDeutsches Ärzteblatt23/2002Ethische Abwärtsspirale: Scharfe Kritik übten die Delegierten des Deutschen Ärztetages an der vor kurzem beschlossenen belgischen Euthanasiegesetzgebung

POLITIK: Deutscher Ärztetag

Ethische Abwärtsspirale: Scharfe Kritik übten die Delegierten des Deutschen Ärztetages an der vor kurzem beschlossenen belgischen Euthanasiegesetzgebung

Dtsch Arztebl 2002; 99(23): A-1558 / B-1310 / C-1226

Klinkhammer, Gisela

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André Wynen: „Ich schäme mich, Bürger Belgiens zu sein.“
André Wynen: „Ich schäme mich, Bürger Belgiens zu sein.“
Er schäme sich, ein Bürger seines Landes zu sein, sagte der Belgier Dr. André Wynen, Generalsekretär emeritus des Weltärztebundes, auf dem 105. Deutschen Ärztetag. Er bezog sich damit auf die am 16. Mai beschlossene Euthanasiegesetzgebung in Belgien. Die Verabschiedung des Gesetzes sei „das Ergebnis einer Infektion, die sich sehr schnell ausbreitet, die unmoralisch ist, in den Niederlanden ihren Ursprung nahm und die gesamte Ärzteschaft grenzüberschreitend bedroht“. Dieses Gesetz stehe im Gegensatz zu der Erklärung des Weltärztebundes über die ärztliche Ethik sowie der Berufsordnung der Bundes­ärzte­kammer. Wynen erinnerte an die Ärzte, die nach dem Nürnberger Ärzteprozess „durch den Strang exekutiert wurden, weil sie sich zur Rechtfertigung ihrer Handlungen auf ein Gesetz berufen haben, das in Widerspruch zu den Regeln ihrer Ethik stand“.
Auch der Präsident der Bundes­ärzte­kammer, Prof. Dr. Jörg-Dietrich Hoppe, lehnt die belgische Gesetzgebung kategorisch ab. Er befürchtet, dass sich Europa auf einer „ethischen Abwärtsspirale“ befinde. Wenn man sich dieser Entwicklung nicht mit aller Kraft entgegenstemme, „werden wir wohl eines Tages dazu kommen, dass schwer kranke Menschen eine Genehmigung einholen müssen, um weiterleben zu dürfen“, sagte Hoppe auf der Eröffnungsveranstaltung zum Deutschen Ärztetag. Jeder Mensch habe das Recht auf einen würdigen Tod, nicht aber das Recht, getötet zu werden. Hoppe forderte dazu auf, noch mehr über die Möglichkeiten der modernen Palliativmedizin zu informieren. Schon heute seien Ärzte in der Lage, Schmerzen und andere Symptome auf ein erträgliches Maß zu reduzieren und unnötiges Leiden zu vermeiden.
„Falsche Zeichen“
Mit großer Mehrheit wurde von den Delegierten des Ärztetages ein Antrag beschlossen, in dem das belgische Gesetz als „falsches Zeichen bezeichnet wird, für alle, die leiden, und für alle, die ohne Hoffnung sind“. Das Gesetz erlaube die Tötung von leidenden erwachsenen Menschen auf eigenen Wunsch, wenn deren Tod nicht unmittelbar bevorsteht. Es schließe auch psychisch Kranke ein. Es lasse sich der Eindruck nicht vermeiden, dass teure Patienten quasi zur „Selbstentsorgung“ getrieben werden sollten, befürchtet der Ärztetag. Die Verbindung der Euthanasie mit einem Gesetz zur Palliativmedizin könne nur als Kosmetik bewertet werden. Es sei ein „durchschaubarer Versuch, die zutiefst menschenverachtende Gesetzgebung zur Euthanasie als human zu tarnen“. Die Delegierten bekundeten ihre „Solidarität mit den belgischen Kollegen, die den Kampf gegen dieses Gesetz noch nicht aufgegeben haben“. Gisela Klinkhammer
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