ArchivDeutsches Ärzteblatt23/2002Top IV - Zukunft der hausärztlichen Versorgung: Schmerzlicher Kompromiss

POLITIK: Deutscher Ärztetag

Top IV - Zukunft der hausärztlichen Versorgung: Schmerzlicher Kompromiss

Dtsch Arztebl 2002; 99(23): A-1568 / B-1336 / C-1250

Korzilius, Heike

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Ärztetagspräsident Hoppe: „Es gibt keine Lösung, die nicht bei irgendjemandem Tränen verursacht.“
Ärztetagspräsident Hoppe: „Es gibt keine Lösung, die nicht bei irgendjemandem Tränen verursacht.“
Um eine einheitliche Hausarztqualifikation zu schaffen, sollen die Fächer
Allgemeinmedizin und Innere Medizin zusammengeführt werden.
Mit seiner Zustimmung zu diesem Konzept hat der 105. Deutsche Ärztetag den Streit um den besseren Hausarzt vorerst beigelegt.

Der Tragweite der Entscheidung waren sich wohl alle Beteiligten bewusst. Zwei Nachmittage lang diskutierten die Delegierten des 105. Deutschen Ärztetages in Rostock zuweilen recht emotional über den Hausarzt der Zukunft. Zur Debatte stand die Zusammenführung der Weiterbildungsgänge Allgemeinmedizin und Innere Medizin. Die (teilweise) Konkurrenz der beiden Fächer sorgt seit Jahren für innerärztlichen Streit und ist ein Dauerthema bei Deutschen Ärztetagen. Erst 1997 hatten die Delegierten beschlossen, dass die Allgemeinärzte allein die hausärztliche Versorgung sichern und die Internisten sich allmählich aus dieser Domäne zurückziehen sollen. Weniger Medizintechnik und mehr Zuwendung für die Patienten sollten die hausärztliche Tätigkeit prägen. „Die Vereinbarung ist in der Folgezeit gescheitert“, zog der Präsident der Bundes­ärzte­kammer (BÄK), Prof. Dr. Jörg-Dietrich Hoppe, in Rostock Bilanz. Die Allgemeinmediziner hätten sich ebenso wenig auf den Technikverzicht einigen können wie die Internisten auf den der hausärztlichen Tätigkeit. Das Nebeneinander von Allgemeinärzten, Internisten und Schwerpunktinternisten habe in erster Linie zu innerärztlichem Zwist geführt. „Das hat dem Arztbild in der Öffentlichkeit geschadet“, so Hoppe. Erschwerend kommt hinzu, dass es nicht gelingen wird, die gesetzliche Auflage zu erfüllen, ab 2006 nur
noch fünfjährig weitergebildete Allgemeinärzte für die hausärztliche Versorgung zuzulasssen. Es mangelt an Nachwuchs.
Der BDI-Vorsitzende Gerd Guido Hofmann musste eine Niederlage einstecken. Foto: Johannes Aevermann
Der BDI-Vorsitzende Gerd Guido Hofmann musste eine Niederlage einstecken. Foto: Johannes Aevermann
Handlungsbedarf hatte von daher bereits der 104. Deutsche Ärztetag ausgemacht und den Vorstand der Bundes­ärzte­kammer beauftragt, eine Zusammenführung beider Fächer zu prüfen, um die hausärztliche Versorgung zu sichern. Mit 182 zu 46 Stimmen entschieden sich die Delegierten nun für ein Kompromissmodell, das die Weiterbildungsgremien der BÄK in zähen Verhandlungen mit den Fachgesellschaften und Berufsverbänden erarbeitet haben. Es dient auch als Grundlage für die umfassende Novellierung der (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung im nächsten Jahr.
„Ziel war es, das bisherige dreistufige System durch ein zweistufiges abzulösen“, erläuterte der Vorsitzende der Weiterbildungsgremien und Präsident der Bayerischen Lan­des­ärz­te­kam­mer, Dr. H. Hellmut Koch. Danach soll es künftig einen „Facharzt für Innere und Allgemeinmedizin“ sowie einen Facharzt für Innere Medizin mit Schwerpunktbezeichnung geben (Beispiel: Facharzt für Innere Medizin/Kardiologie). Beide absolvieren zunächst eine gemeinsame dreijährige Weiterbildung, davon müssen mindestens zwei Jahre allgemein-internistische Weiterbildung im Krankenhaus abgeleistet werden. Ein Jahr kann aus anderen Gebieten angerechnet werden. Daran schließen sich für die künftigen Hausärzte zwei Jahre Weiterbildung in einer hausärztlichen Praxis an, die auch chirurgische Inhalte vermittelt. Psychosoziale und psychosomatische Inhalte, die bislang in Kursen gelehrt werden, sollen ebenfalls in die Weiterbildung integriert werden. Die Facharztprüfung wird nach fünf Jahren abgelegt. Über die endgültige Bezeichnung des künftigen Hausarztes, so Koch, könne man bei Bedarf noch beraten.
Der BDA-Vorsitzende Klaus-Dieter Kossow zeigte sich zufrieden mit dem Kompromiss.
Der BDA-Vorsitzende Klaus-Dieter Kossow zeigte sich zufrieden mit dem Kompromiss.
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Die „Nicht-Hausärzte“ durchlaufen nach der gemeinsamen Weiterbildungszeit weitere drei Jahre, in denen die Schwerpunkt-Inhalte vermittelt werden. In der Prüfung am Ende der sechsjährigen Weiterbildungszeit müssen die künftigen Schwerpunktinternisten allgemeine internistische sowie die Kenntnisse ihrer Schwerpunkte nachweisen. Nach Ansicht von Koch besticht das Modell vor allem dadurch, dass die Diskussion über den besseren Hausarzt in Zukunft entfällt. Es schaffe einen in fünf Jahren weitergebildeten Hausarzt, der mit flexiblen Bildungsmöglichkeiten solide Mindestqualifikationen in den Grundfächern erworben habe. Ein weiterer Vorteil ist aus der Sicht von Koch, dass nicht jeder Schwerpunkt-Internist das Hausarztpaket absolvieren muss.
Genau hier aber liegt der Knackpunkt. Weil der Berufsverband Deutscher Internisten (BDI) um das einheitliche Berufsbild der Inneren Medizin fürchtet, hat er sich bis zuletzt dem Kompromiss verweigert. Den Delegierten des 105. Deutschen Ärztetages lag als Alternative zum BÄK-Konzept das so genannte Konvergenz-Modell des Verbandes vor. Danach steht am Ende eines fünfjährigen Weiterbildungsganges mit weitgehend internistischen Inhalten ein Facharzt, der sich für die Versorgung mit allgemeinen Leistungen der Inneren Medizin im Krankenhaus qualifiziert und die Basis für eine Schwerpunktweiterbildung oder die Niederlassung als Hausarzt erworben hat. Das Modell erhält aus Sicht des Verbandes einen „einheitlichen Arzttyp“ für die Innere Medizin. Denn auch wer als Internist mit Schwerpunktbezeichnung arbeiten will, hat zuvor eine hausärztliche Qualifikation erworben.
Den Willen zum Kompromiss belegte die große Mehrheit, mit der die Delegierten nach langer Diskussion der Beschlussvorlage des Bundesärztekammer- Vorstandes zustimmten – ein Erfolg auch für die Weiterbildungsgremien der BÄK und deren Vorsitzenden H. Hellmut Koch.
Den Willen zum Kompromiss belegte die große Mehrheit, mit der die Delegierten nach langer Diskussion der Beschlussvorlage des Bundes­ärzte­kammer- Vorstandes zustimmten – ein Erfolg auch für die Weiterbildungsgremien der BÄK und deren Vorsitzenden H. Hellmut Koch.
H. Hellmut Koch
H. Hellmut Koch
Die Furcht vor einer Zersplitterung der Inneren Medizin spiegelte sich auch in der Debatte wider, die erkennen ließ, wie sehr die Reform-Frage das Selbstverständis der Fächer berührt. Auf den Punkt brachte dies Dr. Peter Zürner (Hessen): „Das Kompromiss-Modell zerschlägt die Innere Medizin, indem es sie in ihre Schwerpunkte aufspaltet.“ Dr. Hanno Scherf (Hamburg) ging noch weiter: „Hier soll die ehemalige Königin der Medizin zerschlagen werden.“ Es wurden aber auch inhaltliche Einwände ins Feld geführt. Priv.-Doz. Dr. Malte Ludwig (Nordrhein) bezweifelte beispielsweise, dass drei Jahre gemeinsame Weiterbildung ausreichen, um genügend internistische Inhalte als Grundlage für eine Schwerpunktweiterbildung zu vermitteln. Auch Dr. Wolf von Römer (Bayern) gab sich in diesem Punkt skeptisch: „Chronische Erkrankungen nehmen in der hausärztlichen Versorgung viel Raum ein. Im BÄK-Modell kann man die dafür notwendigen Kenntnisse nicht vermitteln.“
Zähes Ringen zahlte sich aus
Antrag auf Ende der Debatte: Theo Windhorst (Nordrhein) schwört, dass er sich gemäß der Satzung nicht beteiligt hat.
Antrag auf Ende der Debatte: Theo Windhorst (Nordrhein) schwört, dass er sich gemäß der Satzung nicht beteiligt hat.
Gegner des Kompromisses fanden sich jedoch auch auf der anderen Seite. Sie spielten vor allem auf die erst wenige Jahre zurückliegende Reform der allgemeinmedizinischen Weiterbildung an. „Wir haben in der Allgemeinmedizin sehr viel erreicht. Die Allgemeinärzte haben ein Selbstverständnis entwickelt. Die Politik fordert Allgemeinärzte mit Lotsenfunktion. Warum sollen wir diese jetzt verschwinden lassen“, fragte Dr. Jobst Meißner. Ähnlich argumentierte sein Berliner Kollege Dr. Hans-Peter Hoffert: „Kaum hat man die Allgemeinmedizin auf internationales Niveau gehoben, wird sie auch schon wieder begraben – lebendig begraben. Der Hausarzt der Zukunft ist der Allgemeinarzt. Ich kann das Kompromissmodell nur mit Bauchschmerzen mittragen.“ Dieser Kritik schloss sich Prof. Dr. sc. Vittoria Braun (Berlin) an: „Das BÄK-Modell diskriminiert sich schon durch seinen Namen: Ein Kompromiss ist nie ein Optimum. Das Modell bleibt hinter den derzeitigen Weiterbildungsinhalten zurück und wird die Versorgung verschlechtern. Ich plädiere für den Status quo.“
Es waren jedoch nicht solche Stimmen, die die Diskussion in Rostock prägten. Vielmehr bestimmte der Wille zur Beendigung des jahrelangen Streits die Redebeiträge. Offenbar zahlte sich auch das zähe Ringen der Weiterbildungsgremien mit den Verbänden im Vorfeld aus. Für die Allgemeinärzte sprach Dr. Max Kaplan (Bayern): „Wir haben schwere Kompromisse eingehen müssen und akzeptieren, dass die Allgemeinmedizin in einem großen Fach untergeht.“ Die hausärztlich tätigen Internisten zeigten sich zufrieden mit dem Erreichten. „Wir müssen auf der Realität aufsetzen. Das BDI-Modell ist nicht kompromissfähig, weil es die Allgemeinmedizin ausschließt. Durch das Kompromiss-Modell werden Allgemeinmedizin und Innere Medizin auf gleiche Augenhöhe geführt. Beide Fächer gehören eigentlich zusammen und können sich gegenseitig befruchten“, fasste der Vorsitzende des Bundesverbandes hausärztlicher Internisten, Dr. Ulrich Piltz (Berlin), das Verhandlungsergebnis zusammen. Der Vorsitzende des Marburger Bundes, Dr. Frank Ulrich Montgomery (Hamburg) sprach sich ebenfalls für den Kompromiss aus: „Das BÄK-Modell kommt den Interessen der jungen Ärzte entgegen. Es ist machbar, flexibel, EU-kompatibel und zukunftssicher.“ Der Zweite Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung und Delegierte der Ärztekammer Nordrhein, Dr. Leonhard Hansen, appellierte an seine Kollegen: „Das BÄK-Modell ist ein konstruktiver Vorschlag, dem auch der Vorstand der Kassenärztlichen Bundesvereinigung uneingeschränkt zustimmt. Machen Sie sich frei von individuellen Interessen. Wir entscheiden hier über die Zukunft junger Kollegen.“ Auf den Ernst der Lage wies Dr. Dieter Mitrenga (Nordrhein) hin: „Die Sicherstellung der hausärztlichen Versorgung und die anstehende Novellierung der (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung machen es unabdingbar, dass wir auf diesem Ärztetag einen eindeutigen Beschluss fassen.“ Auch sein Appell lautete: „Lösen Sie sich von ihrer eigenen Fachgruppe. Wir sind hier, um ärztliche Angelegenheiten im Sinne unserer Patienten zu regeln.“ Dr. Ernst Zimmer (Saarland) ging noch einen Schritt weiter: „Der Streit um den besseren Hausarzt hat uns geschadet. Mit dem Kompromiss-Modell können wir diesen Streit beilegen. Es führt die Beschlusslage der letzten Ärztetage fort und sichert die hohe Qualität der hausärztlichen Versorgung. Stimmen wir dem Modell nicht zu, wird die Politik einen eigenen Hausarzt schaffen, der beiden Seiten nicht gefällt.“
Die Hausarzt/Facharzt-Frage sorgt seit Jahren für Diskussionen. In der Debatte appellierte Leonhard Hansen (Nordrhein) an die Delegierten, sich von individuellen Interessen frei zu machen.
Die Hausarzt/Facharzt-Frage sorgt seit Jahren für Diskussionen. In der Debatte appellierte Leonhard Hansen (Nordrhein) an die Delegierten, sich von individuellen Interessen frei zu machen.
Den Willen zu einem – wenn auch schmerzlichen – Kompromiss belegt die große Mehrheit, mit der die Delegierten schließlich der Beschlussvorlage des BÄK-Vorstandes zustimmten. Deren Präsident Hoppe hatte gleich zu Beginn der Debatte darauf hingewiesen, dass es in dieser Frage keine Lösung geben könne, „die nicht bei irgendjemandem Tränen verursacht“.
Tränen wird es wohl nicht gerade geben, wenn die Delegierten des 106. Deutschen Ärztetages im nächsten Jahr in Köln über die grundlegende Reform der (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung abstimmen. Bis dahin wollen die Weiterbildungsgremien der Bun-desärztekammer ihrem Vorsitzenden Koch zufolge ihre Arbeiten abgeschlossen haben. So glimpflich wie jetzt in Rostock dürfte die Diskussion jedoch nicht ablaufen, denn in Köln geht es um die Inhalte der Weiterbildung. Im letzten Jahr in Ludwigshafen hatte der 104. Deutsche Ärztetag die „Form“, den neu gefassten so genannten Paragraphenteil, zustimmend zur Kenntnis genommen. Dieser sieht künftig vier Qualifikationsarten vor, die jeweils mit einer Prüfung vor der Ärztekammer abgeschlossen werden. Eine erfolgreich abgeschlossene Weiterbildung führt danach zur Facharzt-, Schwerpunkt- oder Bereichsbezeichnung oder zu einem Befähigungsnachweis. Zurzeit sind die Weiterbildungsgremien damit beschäftigt, diese Form mit Inhalt zu füllen. Die Dringlichkeit dieses Reformprojekts betonte ein
Antrag von Prof. Dr. Günter Lob (Bayern), mit dem der Vorstand der Bundes­ärzte­kammer aufgefordert wurde, dem 106. Deutschen Ärztetag eine beschlussfähige Novelle der (Muster-)
Weiter­bildungs­ordnung zur endgültigen Entscheidung vorzulegen. „Die jahrelange öffentliche Diskussion hat zu einer schwerwiegenden Verunsicherung der in Weiterbildung stehenden Assistenten geführt. Die unsichere Zukunft in der Medizin schreckt junge Menschen ab, dieses Fach als Lebensweg zu wählen“, heißt es zur Begründung. Eine große Mehrheit der Delegierten schloss sich dieser Forderung an.
Heike Korzilius

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