ArchivDeutsches Ärzteblatt23/2002Entschließungen zum Tagesordnungspunkt III: Ärztinnen - Zukunftsperspektive für die Medizin

DOKUMENTATION

Entschließungen zum Tagesordnungspunkt III: Ärztinnen - Zukunftsperspektive für die Medizin

Dtsch Arztebl 2002; 99(23): A-1592 / B-1344 / C-1258

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LNSLNS 100 Jahre Ärztinnen – Zukunftsperspektive für die Medizin
Der Beruf der Ärztin im Spiegel der Statistik

Im Jahr 1900 wurde es Frauen in Deutschland erstmals ermöglicht, ein Studium der Humanmedizin aufzunehmen. Wie sieht – mehr als 100 Jahre später –- die berufliche Situation der Ärztinnen aus?
Nach einer Umfrage des Allensbach-Instituts aus dem Jahr 2000 zur Beliebtheit von Berufen bei 14-Jährigen steht der ärztliche Beruf bei den Mädchen auf dem zweiten Platz der Hitliste für Traumberufe, hingegen bei den Jungen nicht mehr auf den ersten zehn Plätzen. Dieser Trend ist auch später festzustellen, denn es entscheiden sich heute mehr Frauen als Männer für ein Medizinstudium: 62 % der Studienanfänger des Wintersemesters 2000/2001 waren Frauen, und über alle laufenden Semester gesehen liegt der Frauenanteil bei insgesamt 53 %. Auch begaben sich im Jahr 2001 deutlich mehr Frauen als Männer in die „Ärztin/Arzt im Praktikum“-Phase als noch im Vorjahr. Der Anteil an Frauen in der Medizin mit derzeit 40 %, gemessen an der Gesamtzahl aller Ärzte, ist im Gegensatz zu anderen qualifizierten Berufen in den letzten 100 Jahren beachtlich gestiegen.
Obwohl viele Frauen den ärztlichen Beruf wählen und ausüben, zeigt sich in den unterschiedlichen Tätigkeitsbereichen ein großer Unterschied bei den Karrieremöglichkeiten von Ärztinnen und Ärzten.

Allgemeine Situation von Ärztinnen

Nach wie vor sind Ärztinnen mit Fachärztinnen-Qualifikation in leitenden Positionen der Krankenhäuser unterrepräsentiert. Nur jede zehnte leitende Stelle in Krankenhäusern ist mit einer Ärztin besetzt. In der Chirurgie nehmen sogar nur 1,4 % der Ärztinnen eine leitende Stelle ein. Es ist offensichtlich, dass Strukturen für die Karriereförderung von Ärztinnen fehlen, auch für diejenigen, die bewusst auf Kinder verzichtet haben, um sich ganz dem Beruf zu widmen. Gemäß einer Studie des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend werden 32 % der Frauen aus der Alterskohorte 1965 kinderlos sein, unter den Akademikerinnen 40 %. Für diejenigen, die sich für Beruf und Familie entschieden haben, führt die Leistungsverdichtung bei verminderten Planstellen zu einer enormen Arbeitsbelastung und damit zur Ausgrenzung. Kindertagesstätten, die eine wesentliche Hilfe für Ärztinnen und Ärzte mit Familienverantwortung darstellen könnten, fehlen an Krankenhäusern. In der ehemaligen DDR war dieses Problem nahezu flächendeckend gelöst, sodass Frauen wie selbstverständlich den ärztlichen Beruf mit ihrer Familie vereinbaren konnten. 1991 betrug der Anteil der berufstätigen Ärztinnen an allen berufstätigen Ärzten in
den Bundesländern West 29 %, hingegen in den Bundesländern Ost über 52 %. Diese Zahlen erlauben die Schlussfolgerung, dass soziale und politische Rahmenbedingungen maßgeblich mitbestimmen, ob sich Ärztinnen beruflich entfalten können oder nicht.

Flexible Arbeitszeitmodelle
in Krankenhäusern

Nach wie vor sind flexible Arbeitszeitmodelle in Krankenhäusern nicht ausreichend etabliert. Dabei könnten diese Modelle den Krankenhäusern unübersehbare Vorteile bieten, wie die Reduzierung der Anzahl der Bereitschaftsdienste und Überstunden durch die höhere Anzahl des Personals sowie größere Flexibilität beim Ausfall von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern durch Urlaub, Krankheit etc. Flexible Arbeitszeitmodelle sind insbesondere für den Berufsein- und -ausstieg, für den Erwerb von Zusatzqualifikationen sowie für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie von Vorteil. In bestimmten Bereichen der Medizin sind für Ärztinnen flexible Arbeitszeiten sowie Aufstiegschancen bereits möglich, so beispielsweise in Behörden wie dem Öffentlichen Gesundheitsdienst oder in der Arbeitsmedizin.

Ärztinnen im niedergelassenen Bereich

Ein Drittel aller ambulant in einer Praxis tätigen Ärzte sind Ärztinnen. Von allen berufstätigen Ärztinnen wählten 42 Prozent im Jahr 2001 die Niederlassung zur ambulanten Versorgung. Dies bedeutet, dass für Ärztinnen die Niederlassung eine Alternative für die Krankenhaustätigkeit darstellt. Ein zentrales Anliegen der Ärztinnen-Gremien der Bundes­ärzte­kammer, die Arbeitszeit zu flexibilisieren, indem Vertragsarztstellen auf mehrere Ärztinnen und Ärzte aufgeteilt werden können, wurde im Sozialgesetzbuch V, in den Bedarfsplanungs-Richtlinien und in den Angestellten-Ärzte-Richtlinien berücksichtigt.
Eine 1998 durchgeführte Erhebung zur Belastung von niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten in Hamburg ergab, dass es gerade für Ärztinnen von Vorteil ist, in Gemeinschaftspraxen oder Praxisgemeinschaften tätig zu sein. Neben dem medizinisch qualifizierten und kollegialen Informationsaustausch bietet diese Tätigkeit die Chance der gegenseitigen Vertretung und Kostenteilung. Diejenigen Ärztinnen, die Jobsharing in Anspruch nehmen, nannten als Gründe für diese Entscheidung in erster Linie Kindererziehung, dann Freizeit oder altersbedingte und gesundheitliche Gründe.

Karrierechancen für Ärztinnen
an Universitäten

Bisher haben Ärztinnen auch bei gleicher oder sogar besserer Qualifikation unterdurchschnittliche Karrierechancen an deutschen Universitäten. Diese im internationalen Vergleich deutlich schlechtere Situation muss grundlegend verändert werden.
In den vergangenen drei Jahren wurden in der Bundesrepublik erstmalig Lehrstühle in der Frauenheilkunde und in der Chirurgie mit Frauen besetzt. Der Anteil der Lehrstuhlinhaberinnen an den medizinischen Fakultäten spricht für sich: im Jahr 2001 betrug der Frauenanteil bei C-4-Professorinnen in den klinischen Abteilungen nur 2,8 %, bei den C-3-Professorinnen lag er bei 6,6 %. Das bedeutet, dass die mit Einfluss, Macht und Entscheidungsbefugnis ausgestatteten Positionen in den Universitäten nach wie vor zu über 90 % von Männern eingenommen werden. Der Verzicht auf die Humanressourcen der Frauen stellt eine volkswirtschaftliche Verschwendung dar, die sich die heutige Gesellschaft nicht mehr leisten kann.

Ärztinnen in der ärztlichen Selbstverwaltung

Ärztinnen sind nicht entsprechend ihrem Anteil in der ärztlichen Versorgung in den Gremien der ärztlichen Selbstverwaltung angemessen vertreten. Die Erfahrung von Ärztinnen muss verstärkt in die Arbeit der Gremien der ärztlichen Selbstverwaltung einfließen, denn hier werden die Weichen für die Berufstätigkeit von Ärztinnen und Ärzten gestellt. Die Erfahrung von Ärztinnen muss auch im Hinblick auf die Patientinnen- und Patienten-Versorgung einfließen.
Aufgrund der spezifischen Berufswege von Ärztinnen ergeben sich Nachteile in der Weiterbildung, der Niederlassung, den allgemeinen Karrierechancen und in der Altersversorgung. Dieses Wissen sollte gemäß den Zielsetzungen des Bundesgremienbesetzungsgesetzes von 1994 stärker in alle Gremien der Selbstverwaltung eingebracht werden. Ein erfolgreiches Beispiel stellt die Änderung des Heilberufsgesetzes in Schleswig-Holstein von 1996 dar. Die Wahlordnung dieser Ärztekammer wurde dahingehend geändert, dass in jedem Wahlvorschlag mindestens so viele Bewerberinnen und Bewerber enthalten sind, wie es erforderlich ist, um die anteilige Verteilung der Sitze in der Kammerversammlung auf Frauen und Männer zu ermöglichen. Daraufhin stieg der Ärztinnen-Anteil in der Delegiertenversammlung bei den Kammerwahlen 2001 von vorher 21 % auf 37,2 % an, welcher dem Anteil der Ärztinnen unter den Kammermitgliedern entspricht.

Ärztinnen als Chance zur Behebung
des Ärztemangels

Derzeit entwickelt sich die prognostizierte „Ärzteschwemme“ zu einem zunehmenden „Ärztemangel“. Zwar ist die Zahl der Studienanfänger von 12 000 in den letzen acht Jahren relativ konstant geblieben, aber die Zahl der Studienabschlüsse um 20 % rückläufig. Die Zahl der Studienabbrecher steigt kontinuierlich an. Die Zahl der Ärztinnen/Ärzte im Praktikum ist um ein Viertel gesunken. Hinzu kommt, dass in den nächsten Jahren mehr Ärztinnen und Ärzte in den Ruhestand gehen als nachwachsen, insbesondere in den östlichen Bundesländern wird sich der Ärztemangel dramatisch verstärken. Dem muss wirksam begegnet werden.
Ein Lösungsweg wäre, Ärztinnen, die aus unterschiedlichsten Gründen keine ärztliche Tätigkeit ausüben, die Möglichkeit zur Integration in den Arbeitsprozess zu geben. Von den fast 150 000 Ärztinnen in Deutschland ist jede vierte Ärztin „ohne ärztliche Tätigkeit“. Auch wenn berücksichtigt werden muss, dass sich einige Ärztinnen im Ruhestand befinden oder in andere Berufsfelder abgewandert sind, stellt diese Gruppe ein großes Potenzial für den ärztlichen Arbeitsmarkt dar.

Forderungen an Staat und Selbstverwaltung

Vor diesem Hintergrund sieht es der Deutsche Ärztetag als eine wichtige Aufgabe der Gesellschafts- und Berufspolitik an, Rahmenbedingungen zu schaffen, die bewirken, dass qualifizierte Ärztinnen unter Einbeziehung des Gender Mainstreaming Chancen erhalten, in ihrem Beruf tätig zu werden und zu bleiben, sich beruflich zu entfalten und ihre Kompetenzen sowohl in Leitungspositionen als auch in berufspolitische Gremien einzubringen. Bei gleicher fachlicher Qualifikation sind bei Ärztinnen aufgrund ihrer spezifischen Lebenswege die Kenntnisse und die Kompetenzen, Organisationstalent, Teamfähigkeit sowie soziale und kommunikative Fähigkeit besonders ausgeprägt. Dies bietet einen wertvollen Faktor für Medizin und Forschung. Deshalb fordert der Deutsche Ärztetag:
1. Die Krankenhäuser werden aufgerufen, vermehrt flexible Arbeitszeitmodelle sowie Weiterbildung in Teilzeit und auch Altersteilzeitmodelle etc. in den Kliniken zu etablieren. Auch könnten vermehrt Ärztinnen und Ärzte in der Elternzeit im Krankenhaus als Urlaubs- und Krankheitsvertretung eingesetzt werden. Die Kliniken profitieren davon, wenn kurzfristig Ersatz für Ausfälle gefunden werden kann und die so im Arbeitsprozess integrierten Ärztinnen und Ärzte hierdurch ihre Fachkompetenz erhalten können.
2. An den Gesetzgeber wird appelliert, durch Änderung der Rechtsgrundlagen eine flexiblere Handhabung des Jobsharing und anderer Teilzeitmodelle zu ermöglichen. Ferner sollte schon nach fünfjähriger gemeinsamer Tätigkeit in einer Jobsharing-Praxis eine Umwandlung in Vollzulassung möglich sein. Durch Erweiterung der Regelungen der Zulassungsverordnung soll es Vertragsärztinnen und -ärzten ermöglicht werden, ihre Tätigkeit in der Praxis bei gleichzeitiger Kindererziehung durch den Einsatz von Entlastungsassistenten oder einen Vertreter fortzuführen. Mehr Planungs- und Investitionssicherheit muss durch geeignete Rahmenbedingungen herbeigeführt werden. Die Befreiungsgründe für die Verpflichtung zum ärztlichen Notfalldienst sollen sich auch auf die Erziehungsjahre kleiner Kinder erstrecken.
3. An die Lan­des­ärz­te­kam­mern wird appelliert, als Teil ihres Aufgabenspektrums Ärztinnen beratend zur Seite zu stehen sowie Einstiegs- und Wiedereinstiegskurse für Ärztinnen kontinuierlich anzubieten, damit diejenigen, die längere Zeit keiner ärztlichen Tätigkeit nachgegangen sind, wieder in den Arbeitsprozess integriert werden können. Hierbei sollten auch neu strukturierte Einstiegs- und Wiedereinstiegskurse für Ärztinnen in unterschiedlichen Modellen erprobt werden. Die Kammern werden ferner gebeten, auf die Weiterbildungsbefugten in Klinik und Praxis einzuwirken, ihre Pflichten gegenüber den Weiterzubildenden mit Mitarbeiterinnengesprächen zu erfüllen sowie sie positiv als Mentor zu begleiten, insbesondere beim Übergang vom Studium ins Berufsleben.
4. Bund, Länder, Kommunen, Universitäten und Krankenhausgesellschaften werden aufgefordert, flächendeckend Kindertagesstätten einzurichten, damit Ärztinnen mit Familie berufstätig bleiben können. Die gemeinsame Selbstverwaltung von Krankenhäusern und Krankenkassen wird gebeten, Kindertagesstätten der Krankenhäuser bei der Kalkulation der DRGs zu berücksichtigen.
5. Bund und Länder werden aufgefordert, das Angebot an Ganztagsschulen bundesweit deutlich zu erhöhen.
6. Bund-Länder-Kommission und Universitäten werden aufgefordert, geschlechtsdifferenzierte Datenanalysen im Hinblick auf die Ausbildungssituation von Studentinnen und Studenten der Humanmedizin zu erstellen.
7. Ferner wird das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend aufgefordert, die Mutterschutzgesetzgebung den heutigen Gegebenheiten zeitgemäß anzupassen. An die Landesregierungen wird appelliert, die entsprechenden Mutterschutzbestimmungen nicht zu restriktiv auszulegen, damit Ärztinnen nicht unnötigerweise aus ihrem Beruf ausgegrenzt werden. An die Ärztlichen Versorgungswerke wird appelliert zu prüfen, inwieweit auch bei den Versorgungswerken Kindererziehungszeiten berücksichtigt werden können.
8. Das Programm des Bundesministeriums für Bildung und Wissenschaft zur „Chancengleichheit von Frauen in Forschung und Lehre“, welches zum Ziel hat, bis zum Jahr 2005 den Professorinnenanteil auf 20 % anzuheben, wird begrüßt. Ferner wird die Förderung des Kompetenzzentrums für Frauen in der Wissenschaft und Forschung begrüßt, das eine international ausgerichtete Koordinierungsstelle für alle Aktivitäten im Bereich Frauen in Wissenschaft und Forschung darstellt. Es führt Pilotprojekte zum Gender Mainstreaming, zum Karriere- und Bewerbungstraining sowie Coaching für zukünftige Professorinnen durch und baut eine als Nachwuchsbörse dienende Datenbank für/von Wissenschaftlerinnen auf.
9. Bund und Länder, Medizinischer Fakultätentag und wissenschaftlich-medizinische Fachgesellschaften werden aufgefordert, Berufungsverfahren für C-4- und C-3-Professuren einheitlich für beide Geschlechter an Hochschulen zu gestalten. Bei der Auswahl der Gutachter in Berufungsverfahren, bei der Platzierung von Namensvorschlägen auf Berufungslisten sowie bei der Besetzung der Berufungskommissionen ist darauf zu achten, dass immer auch Professorinnen beteiligt werden. Die Berufungsverfahren müssen nach einheitlichen Kriterien ablaufen, sodass sie in allen ihren Phasen rechtsstaatlichen Grundsätzen genügen und für alle Beteiligten geschlechtsgerecht, transparent und überprüfbar sind. Es müssen standardisierte Beurteilungskriterien für fachliche Qualifikation und persönliche Eignung angewendet werden. So dürfen Altersgrenzen kein Entscheidungskriterium darstellen, und neben der fachlichen Qualifikation müssen insbesondere auch didaktische, soziale und organisatorische Fähigkeiten stärkere Berücksichtigung finden, interdisziplinäre Forschungsansätze stärker gewichtet werden und die Frauenforschung die ihr gebührende Wertschätzung erfahren.
Ferner müssen strukturelle Netzwerke im Sinne eines Mentoring zur gegenseitigen Hilfeleistung aufgebaut werden. Im ärztlichen Beruf kommt – im Gegensatz zu anderen Professionen – noch hinzu, dass neben der Tätigkeit in Forschung und Lehre auch die Patientenversorgung in der Klinik zu bewältigen ist. Dies bedeutet, dass anfallende Nacht- und Wochenenddienste zusätzliche Anforderungen an Ärztinnen stellen, auch im Hinblick auf die Organisation der Kinderbetreuung. Aufgrund dieser Doppelbelastung sowie der beruflichen Weiterbildung und Forschung benötigen ärztliche Wissenschaftlerinnen mehr Zeit für die Erlangung ihrer wissenschaftlichen Qualifikationen. Dieser Umstand muss bei der Befristung von Arbeitsverträgen des wissenschaftlichen Personals und bei der Altersbegrenzung für den Zugang zur Juniorprofessur im Hochschulrahmengesetz berücksichtigt werden.
10. Der Deutsche Ärztetag appelliert an die ärztlichen Selbstverwaltungsorgane, eine repräsentative Besetzung ihrer Entscheidungsgremien mit Ärztinnen herbeizuführen, wie es beispielsweise durch die Regelungen des Heilberufsgesetzes von Schleswig-Holstein gelungen ist.

Ärztinnen im Beruf – strukturelle Probleme lösen – Diskriminierung beseitigen – Karriere-Chancen verbessern

Die Gesamtzahl der Ärztinnen ist im letzten Jahrzehnt deutlich angestiegen. Insgesamt arbeiten in der Bundesrepublik Deutschland derzeit 111 504 Ärztinnen in Krankenhäusern, Praxen und sonstigen Einrichtungen des Gesundheitswesens und stellen damit rund 40 % aller berufstätigen Ärzte.
Diese Entwicklung kann gleichwohl nicht darüber hinwegtäuschen, dass nach wie vor eine Vielzahl struktureller Probleme und subtiler Diskriminierungen die geforderte Gleichstellung von Ärzten und Ärztinnen behindert. So sind Ärztinnen überproportional häufig und länger arbeitslos als ihre männlichen Kollegen. Wegen der Vereinbarkeitsproblematik zwischen Beruf und Familie wählen Ärztinnen häufiger als Ärzte Stellen, die nicht ihren eigentlichen Zielen und Erwartungen entsprechen, und sind in weit geringerem Ausmaß als ihre Kollegen in der Lage, eine abgeschlossene Weiterbildung zu absolvieren.
Besonders deutlich wird die Problematik in den Führungspositionen: Hier sind lediglich knapp 10 % aller Chefarztpositionen und nur 3,6 % aller C-4-Lehrstühle in der Medizin mit Frauen besetzt. Auch international liegt die Bundesrepublik Deutschland damit weit zurück.
Der 105. Deutsche Ärztetag fordert daher ein umfassendes Konzept zur Förderung der Chancengleichheit, das geeignet ist, sowohl den Einstieg in den Beruf als auch Entwicklungsmöglichkeiten sicherzu-
stellen und Karrierechancen zu verbessern. Dazu gehören insbesondere:

Flexible Arbeitszeitmodelle organisieren

Ärztliche Tätigkeit, insbesondere im Krankenhaus, ist nach wie vor geprägt durch eine weit über den Durchschnitt aller sonstigen Bereiche hinausgehende Arbeitszeit. Zunehmend teilen Ärztinnen und Ärzte jetzt auch den Wunsch nach geregelter Arbeitszeit bei angemessener Vergütung. Erst durch den Abbau übermäßiger und zum Teil unbezahlter Überstunden und Bereitschaftsdienste und die Einrichtung einer ausreichenden Zahl zusätzlicher Stellen wird es zukünftig sowohl für Ärztinnen wie Ärzte möglich sein, engagiert und ambitioniert ihre beruflichen und familiären Aufgaben zu erfüllen.
Die Verantwortlichen in den Krankenhäusern und anderen Bereichen ärztlicher Tätigkeit werden daher aufgefordert, gemeinsam mit den Beschäftigten patienten- und mitarbeiterorientierte Konzepte einer flexiblen Arbeitszeitgestaltung (qualifizierte Teilzeitarbeitsplätze/Altersteilzeit etc.) zu entwickeln und einzuführen, bei denen auch eine qualifizierte Weiterbildung möglich ist.
Der Gesetzgeber wird aufgefordert, die Möglichkeiten einer Teilzeittätigkeit auch im ambulanten Bereich (Praxis-Jobsharing) durch entsprechende Änderungen der Rechtsgrundlagen flexibler zu gestalten.

Kinderbetreuung sichern

Unabdingbare Voraussetzung für eine sinnvolle Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist die Sicherstellung von Kinderbetreuung. Der 105. Deutsche Ärztetag fordert Bund und Länder eindringlich auf, den bereits vor Jahren normierten Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz zügig umzusetzen. Darüber hinaus werden Krankenhäuser und Unikliniken ermutigt,
– bereits bestehende Kinderbetreuungseinrichtungen auszuweiten und sie Kindern sämtlicher Mitarbeitergruppen zu öffnen
– zukünftig alle Möglichkeiten der Kooperation (Krankenhäuser untereinander, Krankenhäuser und
– Eltern sowie Krankenhäuser, Eltern, Kommunen und Gemeinden) zu nutzen, um ähnlich wie im
– industriellen Bereich neue flexible Kinderbetreuungsmöglichkeiten zu organisieren.
Darüber hinaus sind Bund und Länder aufgefordert, entsprechend den internationalen Gepflogenheiten vermehrt qualifizierten Unterricht in Ganztagsschulen zu organisieren.
Die wegen Erwerbstätigkeit erforderlichen finanziellen Aufwendungen zur Kinderbetreuung sind als voll abzugsfähige Werbungskosten zu definieren. Es ist nicht einzusehen, dass Betriebe mehr oder weniger sinnvolle Aufwendungen als Werbungskosten steuermindernd einsetzen können, die bei einer Berufstätigkeit von Frauen dagegen zwangsläufig erforderlichen Aufwendungen der Kinderbetreuung als Kosten der privaten Lebensführung deklariert werden und nur begrenzt abzugsfähig sind.
Arbeitgebern ist der finanzielle Aufwand für die Einhaltung von Mutterschutzbestimmungen aus öffentlichen Mitteln zu entrichten.

Karrierechancen für Ärztinnen verbessern

Der 105. Deutsche Ärztetag begrüßt das von der Bundesregierung initiierte Programm zur „Chancengleichheit von Frauen in Forschung und Lehre“, das bis zum Jahre 2005 den Professorinnen-Anteil auf
20 % erhöhen und damit verdoppeln will. Ärztinnen müssen bei der Besetzung von Lehrstühlen dabei entsprechend berücksichtigt werden. Dazu ist es u. a. erforderlich, Berufungsverfahren transparent und überprüfbar zu gestalten und bei der Besetzung von Berufungskommissionen und der Auswahl von Gutachtern neben den Gleichstellungsbeauftragten auch Professorinnen zu beteiligen.
Im Krankenhausbereich werden die Verantwortlichen aufgefordert, dafür Sorge zu tragen, dass der Anteil von Frauen in Führungspositionen sich entsprechend den Plänen für den universitären Bereich deutlich erhöht. Führungspositionen sind grundsätzlich öffentlich auszuschreiben und Frauen in die Auswahlgremien zu integrieren.

Mentorenprogramme initiieren

Internationale Erfahrungen zeigen, dass Mentorenprogramme geeignete Instrumente sind, um Frauen in ihrer beruflichen Entwicklung zu fördern und ihnen auf ihrem individuellen Karriereweg Hilfestellung zu leisten.
Bundesregierung und Krankenhausträger werden aufgefordert, Mentoring als Instrument der Personalentwicklung zu begreifen und an Universitätskliniken und Krankenhäusern zu initiieren und zu fördern.
Ärztinnen stellen ein Potenzial dar, dessen differenzierte Erfahrungen und vielfältige Qualifikationen im Gesundheitswesen unverzichtbar sind.
Flexible und familien-freundliche Arbeitszeitmodelle

Die demotivierenden Arbeitsbedingungen für Ärztinnen und Ärzte, insbesondere in deutschen Krankenhäusern, sind seit dem letzten Deutschen Ärztetag auch der breiten Öffentlichkeit bewusst gemacht. Unbezahlte Überstunden, fehlender Freizeitausgleich und viele Dienste bestimmen unverändert die Tagesordnung. !
Ärztinnen und Ärzte stimmen inzwischen mit den Füßen ab. Ungeachtet steigender Arztzahlen besteht zunehmend ein Ärztemangel in der akuten Patientenversorgung, der für die Zukunft Schlimmes befürchten lässt.
Die Arbeitszeitgestaltung für angestellte Ärztinnen und Ärzte bedarf einer nachhaltigen Reform und Verbesserung. Der 105. Deutsche Ärztetag fordert flexible und familienfreundliche Arbeitszeitmodelle, planbare Arbeitszeiten und die Schaffung von Teilzeitstellen.
Begründung
Dem ärztlichen Arbeitsmarkt stehen Kolleginnen und Kollegen nur dann zur Verfügung, wenn familiäre Gegebenheiten berücksichtigt werden können. Dieses familien- und gesellschaftspolitische Anliegen muss in das Bewusstsein ärztlicher Arbeitgeber rücken. Das seit dem 1. Januar 2001 geltende Teilzeitgesetz darf keine Makulatur bleiben.
Nur kreative und korrekte Arbeitszeitgestaltung kann dazu beitragen, dem drohenden Ärztemangel zu begegnen.

Erfassung von Teilzeittätigkeit durch die Lan­des­ärz­te­kam­mern

Der 105. Deutsche Ärztetag empfiehlt den Lan­des­ärz­te­kam­mern zu prüfen, inwieweit sie ihr Meldesystem dahingehend ändern können, dass Teilzeittätigkeit quantitativ und qualitativ erfasst wird.
Begründung
Wie viele der Berufstätigen in Teilzeit arbeiten, wird bisher nicht systematisch erfasst, würde aber für eine Analyse der ärztlichen Arbeitskraft sehr nützlich sein.

Ausreichende Kinderbetreuungseinrichtungen an allen Universitätskliniken
Der Deutsche Ärztetag fordert die Verantwortlichen der Medizinischen Fakultäten an deutschen Universitäten auf, die Chancengleichheitsprogramme der einzelnen Bundesländer umzusetzen und die Kinderbetreuung an ihrer jeweiligen Universität für Ärztinnen und Ärzte und für Medizinstudierende wesentlich zu verbessern, da
1. von 31 medizinischen Fakultäten 12 (39 %) keine Krippenplätze (für Kinder bis 3 Jahren), 10
(32 %) keine Kindergartenplätze (für Kinder von 3 bis 6 Jahren) und 21 (68 %) keine Hortplätze (für Kinder über 6 Jahre) anbieten. Angebote externer Träger,
die aber räumlich der Fakultät angegliedert sind, sind hierbei bereits mit einbezogen.1
2. häufig (in 50 % der Fälle) die Benutzung dieser Einrichtungen für Kinder von Studierenden nicht vorgesehen ist; teilweise (in 13 % der Fälle) können auch Kinder von Teilzeitkräften diese Einrichtungen nicht nutzen; gelegentlich (in 4 % der Fälle) ist die Nutzung der Einrichtungen von Kindern wissenschaftlicher Mitarbeiter/innen und medizinisch-technischem Verwaltungspersonal nicht möglich.
3. die unter 1. und 2. genannten Zahlen nicht darüber hinwegtäuschen dürfen, dass nur bei zwei der Einrichtungen genug Plätze den eingehenden Anmeldungen gegenüberstehen. Das heißt, dass auch bei einer an der Fakultät vorhandenen Betreuungseinrichtung viele Mitarbeiter/innen diese nicht – oder nur nach längerer Wartezeit – nutzen können.
4. 30 % der Kinderbetreuungseinrichtungen nicht vor 7.00 Uhr öffnen und 30 % bereits vor oder um 17.00 Uhr schließen. Eine regelmäßige Wochenendbetreuung bieten nur 17 % der Einrichtungen an2 – die Hälfte davon allerdings nur jedes 2. Wochenende.
5. eine stundenweise Betreuungsmöglichkeit für Kinder von Studierenden nur bei 8 von 31 Fakultäten (26 %) besteht, für Kinder von Beschäftigten nur bei 6 von 31 Fakultäten (19 %).
6. Möglichkeiten der Kinderbetreuung bei Veranstaltungen bzw. in besonderen Situationen, wie z. B. Dienst oder Spätvorlesung, nur zwei beziehungsweise drei der 31 Fakultäten (6 bzw. 10 %) anbieten.
(Diese Angaben beruhen auf einer Umfrage zur „Situation der Bereitstellung von Kinderbetreuungseinrichtungen für die Kinder von Ärztinnen und Ärzten und Studierenden“ der Kommission Klinika der Bundeskonferenz der Frauenbeauftragten und Gleichstellungsbeauftragten von Oktober 2001 bis April 2002 unter Federführung der Sprecherin Prof. Dr. Gaby Kaczmarczyk, Berlin.)
Begründung
Diese Situation stellt eine strukturelle Benachteiligung der Ärzte und Ärztinnen und Studierenden dar, die die Familienverantwortung zufriedenstellend mit der Berufstätigkeit bzw. mit dem Studium kombinieren wollen. Zu häufig führt der Mangel an Kinderbetreuungseinrichtungen dazu, dass zumeist Ärztinnen von einer Berufstätigkeit absehen oder überwiegend Studentinnen ihr Studium abbrechen.

Kinderbetreuung bei
Deutschen Ärztetagen

Der 105. Deutsche Ärztetag beauftragt den Vorstand der Bundes­ärzte­kammer, den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Deutschen Ärztetage, beginnend am 106. Deutschen Ärztetag, vor Ort eine Betreuung für ihre Kinder anzubieten.
Des Weiteren wird der Vorstand der Bundes­ärzte­kammer aufgefordert, noch vor den Wahlen der Delegierten zum 106. Deutschen Ärztetag über die Möglichkeit der Kinderbetreuung zu informieren.
Begründung
Die Deutschen Ärztetage sollten allen Ärztinnen und Ärzten offen stehen. Gerade junge Ärztinnen und Ärzte mit Kindern haben jedoch kaum die Möglichkeit, sich berufspolitisch zu engagieren und ihre Interessen zu vertreten.

Kinderbetreuung bei Fortbildungsveranstaltungen

Der 105. Deutsche Ärztetag fordert die Lan­des­ärz­te­kam­mern sowie die Veranstalter von Fort- und Weiterbildungsangeboten auf, den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Veranstaltung vor Ort eine Betreuung für ihre Kinder anzubieten.
Begründung
Ärztliche Fort- und Weiterbildung ist ein zentrales Element der ärztlichen Tätigkeit. Auch Ärztinnen und Ärzten mit Kindern sollte die Möglichkeit gegeben werden, ohne großen finanziellen und Organisationsaufwand an Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen teilzunehmen.

Kindertagesstätten an Krankenhäusern

Der 105. Deutsche Ärztetag appelliert an die Krankenhausträger, dafür Sorge zu tragen, dass an Krankenhäusern ausreichend Kinderbetreuungsplätze vorhanden sind.
Darüber hinaus müssen die Betreuungszeiten an ärztliche und pflegerische Arbeitszeiten angepasst werden.
Weiterhin sollte (neuen) Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern kurzfristig ein Betreuungsplatz zur Verfügung gestellt werden.
Begründung
Bereits der 104. Deutsche Ärztetag wies darauf hin, dass Kindertagesstätten und Ganztagsschulen in Deutschland flächendeckend dringend erforderlich seien, damit die Verbesserung der Vereinbarkeit von Arbeits- und Familienleben vorangetrieben werde. Kliniken, die freie Stellen zunehmend nicht mehr besetzen können, sollten Ärztinnen und Ärzten, die zzt. nicht ärztlich tätig sein können, da sie Erziehungsaufgaben wahrnehmen müssen, über geeignete Betreuungseinrichtungen die Möglichkeit geben, wieder in das Berufsleben einzusteigen.

Familienbetreuung steuerlich berücksichtigen

Der Vorstand der Bundes­ärzte­kammer möge auf den Gesetzgeber dahingehend einwirken, dass bei Ärztinnen und Ärzten während der Teilnahme an ärztlichen Fortbildungsveranstaltungen und bei der Wahrnehmung ehrenamtlicher berufspolitischer Tätigkeit die anfallenden Kosten für notwendige Betreuung von Kindern und/oder sonstigen pflegebedürftigen Angehörigen in vollem Umfang steuerlich berücksichtigt werden.
Begründung
Dadurch kann erreicht werden, dass Kinder- und Familienbetreuung für Ärztinnen nicht länger zur „beruflichen Karrierefalle“ wird, sondern dass gleichberechtigte Teilhabe am ärztlichen Beruf und in den berufspolitischen Gremien der ärztlichen Selbstverwaltung auch für Ärztinnen ermöglicht wird.

Kinderbetreuungskostenentschädigung bei ehrenamtlicher Tätigkeit
Der 105. Deutsche Ärztetag hält es zur Förderung von ehrenamtlicher Tätigkeit von Ärztinnen für sinnvoll, dass in den Aufwandsentschädigungs-Bestimmungen der Lan­des­ärz­te­kam­mern geregelt wird, dass auch nachgewiesene Kinderbetreuungskosten entschädigungsfähig sind.

Steuerliche Absetzbarkeit
von Kinderbetreuungs-, Haushalts- und Pflegekosten
Steuerliche Anerkennung von Kosten für Haushaltshilfen und Kinderbetreuungs- bzw. Pflegekosten
Der Gesetzgeber wird aufgefordert, die Finanzgesetzgebung dahingehend zu ändern, dass die anfallenden Kosten für Kinderbetreuung, Haushaltshilfen und Pflegekräfte für zu pflegenden Angehörige steuerlich geltend gemacht werden können, wenn Eltern oder pflegende Angehörige berufstätig sind.
Begründung
Eltern oder pflegende Angehörige, vor allem Frauen, können ihren Beruf oft deswegen nicht ausüben, weil die anfallenden Kosten für Kinderbetreuung, Haushaltshilfen und Pflegekräfte den zu erwartenden Verdienst erheblich verringern, sodass sich eine Berufs-
tätigkeit kaum noch lohnt. Steuerliche Vorteile würden erreichen, dass Ärztinnen und vor allem auch Fachkräfte in Alten- und Krankenpflege verstärkt wieder in ihren Beruf einsteigen.

Berücksichtigung von Kindererziehungszeiten im Hinblick auf die Auswahlkriterien
bei der Praxisnachfolge

Bei der Auswahl der Bewerber für eine Praxisnachfolge ist nach § 103 Abs. 4 SGB V u. a. auch die „Dauer der ärztlichen Tätigkeit“ ein Kriterium. Dies kann zur Folge haben, dass z. B. bei Ärztinnen und Ärzten, die sich mehrere Jahre lang vorrangig der Erziehung ihrer Kinder gewidmet und dabei wichtige Einblicke in das alltägliche soziale Umfeld von Familien gewonnen haben, diese Zeit nicht berücksichtigt wird im Gegensatz zu denjenigen, die diese Verantwortung nicht übernommen haben.
Aufgrund dessen fordert der 105. Deutsche Ärztetag die politisch Verantwortlichen auf, die Zulassungs- und Bedarfsplanungsregelungen im Hinblick auf das Auswahlkriterium für die Praxisnachfolge „Dauer der ärztlichen Tätigkeit“ nach § 103 Abs. 4 zu modifizieren. Bei der Bewerberauswahl sollten mindestens zwei Jahre Tätigkeitsausfall durch Kindererziehungszeit auf die Dauer der ärztlichen Tätigkeit angerechnet werden. Ziel einer derartigen Regelung ist es, Ärztinnen und Ärzten mit Familienverantwortung eine Chance zu geben, auch im ambulanten Sektor tätig werden zu können.

Personeller Ausgleich bei schwangerschaftsbedingter Arbeitsreduzierung
Der Deutsche Ärztetag fordert die Zuweisung öffentlicher Mittel vonseiten des Gesetzgebers zum Ausgleich der Mehrarbeit (z. B. Bereitschaftsdienste) von Arbeitskollegen, die durch die eingeschränkte Einsatzfähigkeit bei Schwangerschaft entsteht.
Begründung
Schwangerschaftsbedingte Ausfälle von Ärztinnen aufgrund der Einhaltung des Mutterschutzgesetzes (Nachtarbeit; Arbeit mit infektiösem Material; Arbeit im Operationssaal etc.) stellen Kliniken häufig vor unlösbare Probleme – insbesondere in kleinen Abteilungen.
Baldige Abschaffung der
AiP-Phase

Der 105. Deutsche Ärztetag stellt mit Bedauern fest, dass weder die politisch Verantwortlichen noch die Tarifpartner in den vergangenen Monaten darauf hingewirkt haben, die AiP-Phase abzuschaffen. Bis zur zügigen Umsetzung dieser wiederholt gestellten politischen Forderung muss die soziale Situation von Ärztinnen und Ärzten im Praktikum schnellstmöglich und entscheidend verbessert werden.
Im Hinblick auf die Situation insbesondere junger Ärztinnen weist der 105. Deutsche Ärztetag darauf hin, dass die Definition der AiP-Phase als „Ausbildung“ untragbar ist. Gesetzliche Bestimmungen wie das Mutterschutzgesetz werden dadurch nicht nur einfach umgangen, sondern durch Fehlzeit- und Unterbrechungsregelungen sogar definitiv ausgeschlossen.
Die Festlegung, dass die AiP-Phase innerhalb von drei Jahren abgeschlossen werden muss, hindert insbesondere Ärztinnen daran, ihren Erziehungsanforderungen im Sinne der Elternzeit nachzukommen.
Der 105. Deutsche Ärztetag fordert die sofortige Aufhebung dieser sozialen Missstände und drängt darüber hinaus erneut auf eine baldige Abschaffung der AiP-Phase.

Medizinstudium und Schwangerschaft

Die Delegierten des 105. Deutschen Ärztetages fordern die Studiendekane aller Fakultäten auf, durch die Erstellung von individuellen Sonderstudienplänen und adäquaten Prüfungsterminen die Chancen schwangerer Medizinstudentinnen auf eine Beendigung ihres Studiums mit dem geringstmöglichen Zeitverlust zu optimieren.
Begründung
Die Frauenbeauftragte der Medizinischen Fakultät der HU-Berlin (1991–1996) wurde häufig von schwangeren Studentinnen mit dem Problem konfrontiert, dass sie durch die Einhaltung rechtlicher Bestimmungen zum Schutz der Schwangeren aus ihrem aktuellen Studienablauf ausgeschlossen wurden und daraus im Einzelfall ein Verlust von 1 bzw. 2 Semester oder mehr Studienzeit resultierte. Auch hinsichtlich der Gewährung von BAföG ergaben sich für viele schwer
lösbare Probleme. In den Jahren von 1975–1989 war das Modell der Sonderbetreuung von schwangeren Studentinnen an der Medizinischen Fakultät der HU-Berlin bereits erfolgreich etabliert.
Über 50 % der Studentinnen mit einer Schwangerschaft während der gesetzlichen Studienzeit beendeten ihr Studium ohne Zeitverlust. N
Beiträge des Bundes auch für Kinder erziehende Mitglieder ärztlicher Versorgungswerke
Der Deutsche Ärztetag fordert die Bundesregierung auf, dafür zu sorgen, dass Beiträge durch den Bund auch für Kinder erziehende Mitglieder ärztlicher Versorgungswerke übernommen werden, wie dies für Mitglieder der gesetzlichen Rentenversicherung derzeit schon gilt.
Begründung
Bei der Rentenreform-Gesetzgebung hat der Gesetzgeber sich dafür entschieden, nunmehr Beiträge aus allgemeinen Steuermitteln der Öko-Steuer für Zeiten der Kindererziehung an die gesetzliche Rentenversicherung zu zahlen (§ 177 SGB VI). Diese Entscheidung ist ordnungspolitisch richtig. Mit ihr wird anerkannt, dass Kindererziehung eine allgemeingesellschaftliche Aufgabe, die in staatlicher Gesamtverantwortung steht, ist. Die Kommission „Demographischer Wandel“ des Deutschen Bundestages hat in ihrem jüngst veröffentlichten Bericht gefordert, zu prüfen, wie Beiträge für Kindererziehende an alle öffentlich-rechtlichen Alterssicherungssysteme – und nicht nur an die gesetzliche Rentenversicherung – gezahlt werden können, weil dem Staat jedes Kind gleich viel wert sein müsse. Aus diesem Grund muss der Bund auch Beiträge für Kinder erziehende Ärztinnen und Ärzte an die Ärztlichen Versorgungswerke übernehmen.

Höchstzeiten in der Weiterbildung

Der 105. Deutsche Ärztetag fordert alle Lan­des­ärz­te­kam­mern auf, die gültigen Weiter­bildungs­ordnungen dahingehend zu ändern, dass Regelungen zu Höchstzeiten in der Weiterbildung ersatzlos gestrichen werden.
Begründung
Der 104. Deutsche Ärztetag sprach sich bei der Verabschiedung der neuen (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung mehrheitlich gegen Höchstzeiten in der Weiterbildung aus. Solche Regelungen diskriminieren insbesondere die Personen, die aufgrund unterschiedlicher Erziehungsanforderungen ihre Weiterbildung in Teilzeit erbringen müssen oder sogar über gewisse Zeitabschnitte ihre Weiterbildung gar nicht in einem Anstellungsverhältnis verfolgen können. Da sich die Einführung der neuen (M-)WBO verzögert, besteht in diesem Bereich akuter Handlungsbedarf.

Wiedereinstiegskurse/-hilfen nach Familienpause

Die Lan­des­ärz­te­kam­mern werden aufgefordert, über ihre Fort- und Weiterbildungsreferate geeignete Maßnahmen als Wiedereinstiegshilfen für Ärztinnen und Ärzte nach längerer Berufspause zu organisieren.
Insbesondere böte es sich an, entsprechende Kurse und Fortbildungsmaßnahmen analog bzw. im Rahmen der 240-stündigen Seminar-Weiterbildung in Allgemeinmedizin anzubieten. Diese werden derzeit schon regelmäßig von Kolleginnen nicht (nur) für die Weiterbildung in Allgemeinmedizin, sondern als „Refresherkurs“ vor Wiedereinstieg in den Beruf genutzt.

Geschlechtsspezifische Aspekte der Medizin in der Aus-, Weiter- und Fortbildung
Der Deutsche Ärztetag möge beschließen, dass geschlechtsspezifische Aspekte der Medizin in die Gesundheitsversorgung integriert werden, das bedeutet die Aufnahme dieser Thematik in die medizinische Ausbildung, Weiterbildung und Fortbildung.

Bestandsanalyse zum Geschlechtervergleich

Der Deutsche Ärztetag möge beschließen, dass von den politisch Verantwortlichen eine Bestandsanalyse zum Geschlechtervergleich als Gesamterfassung der ärztlichen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen an den Hochschulen/Kliniken bezüglich leistungsgerechter Arbeits- und Strukturbedingungen durchgeführt wird.
Begründung
Das Ziel einer solchen Analyse wäre die Aufdeckung von nicht leistungsgemäßen Fördermechanismen und deren anschließende Veränderung.
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