ArchivDeutsches Ärzteblatt23/2002Fondation Beyerle: Monet und der digitale Impressionismus

VARIA: Feuilleton

Fondation Beyerle: Monet und der digitale Impressionismus

Apke, Bernd

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Claude Monet: „Nympheas“, 1916–1919, 200 cm x 180 cm
Claude Monet: „Nympheas“, 1916–1919, 200 cm x 180 cm
Die Baseler Ausstellung ist zumindest als Wagnis zu bezeichnen.

Erstklassige Werke in großer Zahl: Aufgrund der guten Kontakte des Galeristen Ernst Beyeler scheint dessen Baseler Fondation problemlos jedes gewünschte Kunstwerk zur Ausleihe zu erhalten. Doch nicht nur dies erstaunt, sondern auch der bei anderen Museen so seltene Mut zu kühnen Ausstellungsthesen: Man begibt sich schließlich
in Gefahr, danebenzugreifen. Die derzeitige Baseler Schau „Von Monet bis zum digitalen Impressionismus“ zumindest ist ein Wagnis. Die elektronische Ästhetik in der Video- und Computerkunst als Erfüllung der Visionen Claude Monets?
Er, dessen 1874 ausgestelltes Hafenbild „Impression, soleil levant“ einer ganzen Kunstrichtung den Namen „Impressionismus“ eintrug, interessierte sich schließlich nicht für Bits und Bytes,
sondern für das Wechselspiel von Farbe und Licht. Vier Ansichten der Kathedrale von Rouen in der Fondation erhellen die Ziele Monets trefflich. Die Bildausschnitte sind ähnlich, die Farben nicht:
Monet studiert die Veränderungen der Gegenstandsfarben unter wechselnden atmosphärischen Bedingungen, denn er erkennt, dass die Kathedrale im Morgenlicht anders erscheint als abends. Der Maler trägt dem auch durch seine Tupfentechnik Rechnung, bei der er reine Farbflecken nebeneinander setzt. Das Gebäude wirkt dadurch flirrend und bleibt eine Erscheinung, die immer nur einen bestimmten Augenblick widerspiegelt.
Monets Bilder der 1890er-Jahre sagen damit anderes über die Motive aus, als eine bloße Dokumentation es könnte. Ein grün-blaues
Farbrauschen, ein länglicher Schatten und ein orangener Fleck würde man niemals als „Waterloo Bridge“ identifizieren können, aber das Bild charakterisiert die Atmosphäre um diese im Londoner Nebel liegende Brücke eindrucksvoll.
Claude Monet: „La Cathédrale“, 1893, 107 cm x 74 cm Fotos: Fondation Beyerle
Claude Monet: „La Cathédrale“, 1893, 107 cm x 74 cm Fotos: Fondation Beyerle
Die Ausstellung konzentriert sich auf das Spätwerk von Monet und knüpft dabei an ein riesiges Bild im Besitz der Fondation an. Es hängt dort in einem Raum, dessen großes Fenster auf einen Seerosenteich blickt, ein Gewässer, wie der Maler es in den neun Meter langen „Nymphéas“ festgehalten hat. Fast drei Jahrzehnte beschäftigt Monet sich in zahlreichen Werken mit dem Seerosenteich und dem blumenreichen Garten seines Hauses in Giverny. Er stiftet dem französischen Staat schließlich eine entsprechende Bilderreihe für die Orangerie in den Pariser Tuilerien, wo sie 1927 eingeweiht wird. In der Orangerie ist der Betrachter von einem Seerosenteichpanorama umgeben. Erst indem der Betrachter, ähnlich wie in der Ausstellung, sich durch seine Bewegung dem Motiv annähert, vollendet er es.
Haltlos fühlt man sich in einem anderen Raum, wo riesige Bildformate von amerikanischen Malern der 50er-Jahre ein Energiefeld erzeugen, das den Betrachter hin- und hertaumeln lässt. Nach dem Zweiten Weltkrieg arbeitet man, ganz ähnlich wie Monet, an der Idee eines Bildes ohne Mitte und teilweise, wie zum Beispiel bei Sam Francis, angeregt von ihm. Die Jahre eines Monet-Revivals setzen ein. Doch nicht immer ist der Einfluss des Franzosen so einsichtig wie bei Roy Lichtensteins serieller Übernahme des Motivs der Kathedrale von Rouen im Stil der Pop-Art. Manchmal wird die Stichhaltigkeit der Ausstellung durch Bilder verwässert, die nichts mit Monet zu tun haben.
Computer- und Videokunst
Gespannt, aber ahnungsvoll steigt man schließlich in das Untergeschoss herab, wo Bezüge der zeitgenössischen Computer- und Videokunst zu Monet gezeigt werden sollen. Aber außer pixelgesättigten Monitoren, die ihr Bild eben auch aus einzelnen Punkten zusammensetzen wie der Franzose, gibt es dort keine Belege zu sehen. – Vergessen wir also den „digitalen Impressionismus“ ganz schnell und zappen thesenfrei durch die Videowelt. Wenn man dann im letzten Raum auf dem Teppich liegt und sich Pipilotti Rists psychedelischer Video-Installation von 1996 hingibt, die mit einer Kamera den Kapriolen einer blubbernden Badenixe durch den Ozean folgt, fühlt man sich fast schon wieder ausgesöhnt mit der Ausstellung. Bernd Apke


Die Ausstellung „Claude Monet (1840–1924) und der digitale Impressionismus“ ist bis 4. August in der Fondation Beyeler, Baselstraße 101, CH-4125 Riehen/Basel, zu sehen. Öffnungszeiten: Täglich von 9 bis 20 Uhr. Ein Katalog ist für 59 Franken erhältlich. Eintrittskarten-Vorverkauf: www.beyeler.com
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