ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2002BDA-Delegiertenkonferenz: Hausärzte fordern Wahltarife

POLITIK

BDA-Delegiertenkonferenz: Hausärzte fordern Wahltarife

Braun, Lisa

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LNSLNS Die Skepsis gegenüber Disease-Management-Programmen wächst. Die Hausärzte wollen nicht zu „informellen Mitarbeitern“ der Kassen werden.

Hausarztwahltarife und eine Hausarzt-KV bleiben die zentralen Forderungen des Berufsverbandes der Allgemeinärzte Deutschlands (BDA). Ihr Vorsitzender, Prof. Dr. med. Klaus-Dieter Kossow, warf der SPD auf der Bundesdelegiertenversammlung in Berlin vor, ihr fehle der politische Mut, ihrer eigenen Überzeugung zu folgen. Bei Disease-Management-Programmen (DMP) wächst die Skepsis der Allgemeinärzte: Sie befürchten eine zu geringe Vergütung und eine Verschlechterung der Arzt-Patienten-Beziehung.
„Die politischen Akteure aller Parteien haben begriffen, dass in der privaten Kran­ken­ver­siche­rung (PKV) eine Tarifwahl seit Jahrzehnten funktioniert. Gerade Hausarzt-Wahltarife werden in zunehmender Zahl seit mehr als sechs Jahren ausgesprochen erfolgreich am Markt platziert“, sagte Kossow. „Man steigt ja schließlich in ein Haus auch nicht über die erste Etage ein. Wer das tut, muss dafür auch mehr Energie aufwenden.“ Einspareffekte könnten über günstigere Tarife an die Versicherten weitergegeben werden. Konsequenterweise müsse diese Strukturveränderung mit der Etablierung der Hausarzt-KV einhergehen, die Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt jedoch abgelehnt habe.
Als „fatal“ bezeichnete der BDA-Vorsitzende die geplante Anhebung der Versicherungspflichtgrenze, weil die PKV heute bereits einen unverzichtbaren Finanzierungsanteil besonders für die Innovation in der Spezialisierungsversorgung leiste. Kossow plädierte stattdessen dafür, alle Einkünfte und Rentenerträge bis zur Beitragsbemessungsgrenze zur Finanzierung der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) heranzuziehen. Bisher hätte keine Partei ein sozialpolitisch plausibles Konzept gefunden. Vielmehr verstärkten alle die Fehlentwicklungen, wenn sie den Versicherten „vorgaukelten“, man könne Leistungen in beliebiger Menge und Qualität zu konstantem oder gar fallendem Preis auch in Zukunft beziehen. Kossow: „Dieses Versprechen ist so verlässlich wie der Kursverlauf der Telekom.“
„Ein bisschen Planwirtschaft“
Der Wettbewerb ist nach Meinung Kossows kein Allheilmittel. Zur Abwehr der Influenza könne auch ein bisschen Planwirtschaft im Gesundheitswesen nicht schaden. „Wir müssen doch genau hinsehen und uns fragen, wo sind die Probleme, die marktwirtschaftlich gelöst werden müssen und welche sollten planwirtschaftlich angegangen werden?“
Ein negatives Bild von den ersten DMP-Erfahrungen zeichnen die Delegierten aus Baden-Württemberg. In Modellprojekten mit der AOK bekämen sie im ersten Quartal 25 Euro für einen akquirierten Patienten – im folgenden nur noch 15 Euro. Das sei bei dem Aufwand und angesichts der Tatsache, dass die Krankenkassen viel Geld aus dem Risiko­struk­tur­aus­gleich für DMP erhielten, nicht ausreichend. Angemessen wären vielmehr 100 Euro je Patient und Quartal.
Scharf kritisieren die Hausärzte den Umgang mit den Daten. „Wir machen uns für die Kassen zum inoffiziellen Mitarbeiter, kundschaften für sie unsere Patienten aus“, ereiferte sich Dr. med. Wolfgang Hoppenthaler vom bayerischen Landesverband. Denn die Ärzte sollen die Patienten motivieren und anschließend der Krankenkasse Auskunft über deren Compliance geben.
In Bezug auf den Daten-Kompromiss im Koordinierungsausschuss meint Hoppenthaler: „Die KBV verkauft ihre Ärzte. Was der Vorsitzende des Koordinierungsausschusses am 24. Mai an die Ministerin gesandt hat, stand am selben Tag als Referentenentwurf im Internet. Mir kann doch niemand erzählen, dass die Beamten so schnell arbeiten.“ Der Kritik am Datentransfer schloss sich der BDA-Vorsitzende an. Lisa Braun
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