ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2002Tierversuche: Medizinische Forschung im moralischen Dilemma

POLITIK

Tierversuche: Medizinische Forschung im moralischen Dilemma

Luy, Jörg

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Mitte Mai beschloss der Deutsche Bundestag eine Änderung des Artikels 20 a GG, der den Tierschutz unter Verfassungsschutz stellt. Foto: ddp
Mitte Mai beschloss der Deutsche Bundestag eine Änderung des Artikels 20 a GG, der den Tierschutz unter Verfassungsschutz stellt. Foto: ddp
Tierschutz jetzt im Grundgesetz verankert

Die wissenschaftliche Forschung an und mit Tieren, die im Rahmen des geltenden Rechts durchgeführt wird, ist ethisch nicht nur vertretbar, sondern zwingend geboten“, heißt es im Positionspapier gegen die Aufnahme des Tierschutzes in das Grundgesetz, das von der Arbeitsgemeinschaft Hochschulmedizin des Deutschen Hochschulverbandes bereits vor zwei Jahren vorgelegt wurde. Unter Berufung auf dieses Thesenpapier sprachen sich die Hochschulmediziner im April 2002 erneut gegen eine Staatszielbestimmung Tierschutz aus.
Möglicherweise sind die unterzeichnenden Naturwissenschaftler tatsächlich überzeugt von der moralischen Integrität, die sie pauschal jeder legalen wissenschaftlichen Forschung an und mit Tieren unterstellen. Aus Sicht der Ethik stellt sich jedoch die medizinische Forschung, selbst bei einer Begrenzung des Problems auf die vernünftig begründeten und lege artis durchgeführten Tierversuche, differenzierter dar. Erstens ist nicht wirklich alles, was zum wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn Tieren derzeit „im Rahmen des geltenden Rechts“ zugemutet wird, „ethisch vertretbar“. Wäre dem so, würden die Forscher eine Staatszielbestimmung Tierschutz kaum fürchten. Die Grundgesetzänderung beabsichtigt, in Extremfällen eine Abwägung zwischen Tierschutzargumenten und bereits anerkannten Grundrechten, wie Forschungs-, Religions- oder Berufsfreiheit zu ermöglichen. Jeder Konflikt mit einem Grundrecht war bislang für den Tierschutz a priori verloren, weil dieser auf der höchsten normativen Ebene in Deutschland nicht vertreten war. Die Bundesregierung betont, dass die Mitte Mai 2002 im Bundestag beschlossene Änderung des Artikels 20 a GG die tierschutzrechtlichen Regelungen absichert, „ohne die genannten Grundrechte zu beeinträchtigen“. Zweitens verhält es sich so, dass juristische Normen aus ethischen abgeleitet werden, und nicht umgekehrt. Das bedeutet: Alles, was moralisch nicht vertretbar ist, sollte auch verboten sein. Aus der aktuellen Rechtslage jedoch die moralische Integrität eines Verhaltens abzuleiten, ist nicht möglich. Wäre es möglich, hätten wir ein juristisches Ideal erreicht und könnten unter anderem alle Politiker in den Ruhestand schicken, weil keine weiteren Gesetze und Gesetzesänderungen mehr anstünden. Die provokante Behauptung, sämtliche derzeit legalen Tierversuche seien sogar „ethisch zwingend geboten“, ist nicht nur unzutreffend, sondern auch irreführend. Wer so etwas behauptet, weist damit entweder seine Unkenntnis in der Ethik aus oder übersimplifiziert vorsätzlich die Problematik.
Ethische Prüfung ist Pflicht
Das Tierschutzgesetz (§ 8 in Verbindung mit § 7 Abs. 3) schreibt vor, dass Forscher bei Versuchsvorhaben an Wirbeltieren unter anderem in ihren Genehmigungsanträgen „wissenschaftlich begründet darlegen“ müssen, dass „die zu erwartenden Schmerzen, Leiden oder Schäden der Versuchstiere im Hinblick auf den Versuchszweck ethisch vertretbar sind“. Wie sich der Gesetzgeber das Prinzip dieser ethischen Abwägung gedacht hat, führt exemplarisch § 7 (3) aus: Ethisch vertretbar sind zu länger anhaltenden oder sich wiederholenden erheblichen Schmerzen oder Leiden führende Versuche an Wirbeltieren nur dann, wenn die angestrebten Ergebnisse vermuten lassen, dass sie für wesentliche Bedürfnisse von Mensch oder Tier einschließlich der Lösung wissenschaftlicher Probleme von hervorragender Bedeutung sein werden. Wegen des a priori verlorenen Konflikts mit der Forschungsfreiheit reicht die „Darlegung“ der ethischen Einschätzung des Naturwissenschaftlers aus, das heißt, es wird zurzeit generell auf einen entsprechenden Nachweis beziehungsweise eine Überprüfung verzichtet. Nach der Aufnahme des Tierschutzes in das Grundgesetz könnte sich dieser Punkt jedoch ändern: Die Darlegung der Forscher könnte dann wieder auf ihre Plausibilität hin überprüft und der Genehmigungsantrag im Falle ethischer Unvertretbarkeit abgelehnt werden. Dies befürchten die Hochschulmediziner, während sie versichern, ihre Tierversuche seien „ethisch nicht nur vertretbar, sondern zwingend geboten“. Die derzeit geforderte, wissenschaftlich begründete Darlegung der ethischen Vertretbarkeit ihres Forschungsvorhabens scheinen sie ohnehin nicht besonders ernst zu nehmen, sonst würden sie die Gefahr einer künftigen Überprüfung ihrer Anträge nicht als „Beweislastumkehr“ anprangern. Von einer Beweislastumkehr kann jedoch gar keine Rede sein, weil die Forscher bereits heute durch § 8 Tierschutzgesetz verpflichtet sind, die ethische Vertretbarkeit zu überprüfen und darzulegen.
Die vom Gesetzgeber vorgeschlagene ethische Güterabwägung zwischen den Interessen der Gesellschaft und den Interessen der Tiere ist ohnehin ein aus ethischer Sicht „fauler“ Kompromiss. Eine Güterabwägung ist nämlich nur dann möglich, wenn auf beiden Seiten der „Waage“ die Interessen derselben Person beziehungsweise desselben Personenkreises liegen. Es lässt sich abwägen, ob man selbst mehr Lebensqualität im Alter haben möchte (und dafür entsprechende Altersvorsorge betreibt), oder ob man die aktuelle Lebensqualität höher schätzt (und nichts spart). Eine „Abwägung“ der zukünftigen eigenen Lebensqualität gegen die aktuelle Lebensqualität anderer Personen ist absurd. Wer die eigene Zukunft nicht mit eigenen Opfern finanziert, sondern sich die künftige Lebensqualität durch Eingriffe in die Lebensqualität anderer ermöglicht, wägt nicht ethisch ab, sondern betrügt sich und andere. Genau so funktioniert aber die gesetzlich empfohlene ethische Güterabwägung: Die zukünftige Lebensqualität des Personenkreises Homo sapiens (inklusive seiner diversen Nutztiere) wird irgendwie „abgewogen“ gegen teilweise unermessliches Leiden des „Per-
sonenkreises“ Versuchstier. Niemand kann sagen, wie das konkret funktionieren soll. In dieser Form ist die ethische Abwägung ihrem Prinzip nach unlogisch und eine „unmoralische Abwägung“. Die „utilitaristische“ Ermittlung der im langfristigen Vergleich besten Handlungsweise (durch die jeweilige Bilanzierung des gesamten Wohlbefindens aller Betroffenen für jede einzelne der sich anbietenden Handlungsalternativen), deren Grundgedanke hinter der vorgeschriebenen ethischen Abwägung zu stehen scheint, ist erst dann ein überzeugendes Verfahren, wenn vorher die bereits per se unmoralischen Alternativen ausgeschlossen wurden.
Abwägung notwendig
Bei Versuchen allerdings, die an betäubten Tieren durchgeführt werden, die noch unter dieser Betäubung getötet werden (Finalversuche), ist eine ethische Abwägung durchaus möglich, weil beiderseits „anthropozentrische“ Interessen vorliegen. Bei angemessenen Haltungsbedingungen und lege artis durchgeführter Narkose entstehen dem Tier keine grausamen Bewusstseinszustände, deren Vermeidung das zentrale Ziel der tierschutzethischen Forderungen ist. Der angst- und schmerzlose Tod stellt für das Tier selbst keinen Schaden dar. Die verschiedenen Anläufe innerhalb der Ethik, über ein Recht auf Lebensqualität hinaus, auch ein Recht auf Leben der Tiere zu begründen, konnten kritischer Überprüfung nicht standhalten.
Verbot im humanen Interesse
Das Verbot der Tiertötung ohne vernünftigen Grund (§ 17 TSchG) ist daher paradoxerweise kein Verbot im Sinne tierischer, sondern menschlicher Interessen, denn die Gesellschaft möchte sich dadurch selbst vor einer bestimmten Geisteshaltung und in deren Folge vor bestimmten Verbrechen an Menschen schützen. Weil tierische Bewusstseinszustände nicht betroffen sind, kann bei Finalversuchen eine echte ethische Abwägung durchgeführt werden: Die durch den tierexperimentellen Informationsgewinn erhoffte, zukünftige menschliche Lebensqualität lässt sich nun wiegen gegen eine mögliche Beeinträchtigung dieser künftigen menschlichen Lebensqualität durch die Genehmigung, Tiere von Forschern im Rahmen von Finalversuchen angst- und schmerzlos töten zu lassen. Ist das Versuchsvorhaben vernünftig begründet, was bereits aus Gründen seiner Finanzierung zu erwarten sein sollte, kann (stellvertretend für die Gesellschaft) vom Forscher die ethische Vertretbarkeit des Finalversuchs behauptet werden. Versuche mit bewusst erlebten Schmerzen, Leiden oder Schäden der Tiere hingegen sind grundsätzlich problematisch in Hinsicht auf eine ethische Rechtfertigung.

Dr. med. vet. Jörg Luy
Erna-Graff-Stiftung
Sieglindestraße 4
12159 Berlin
E-Mail: Erna-Graff-Stiftung@t-online.de
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