ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2002IGeL-Verkaufskongress: Warnung vor Geschäftemacherei

BRIEFE

IGeL-Verkaufskongress: Warnung vor Geschäftemacherei

Dtsch Arztebl 2002; 99(24): A-1660 / B-1425 / C-1321

Deiß, Wilfried

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LNSLNS Erstmals habe ich einen Artikel aus dem Deutschen Ärzteblatt kopiert und werde ihn in meinem Wartezimmer als Patienteninformation auslegen. Es handelt sich um den kürzlichen halbseitigen Bericht vom „IGeL-Verkaufskongress“. Im Wartezimmer dient er als Warnung meiner Patienten vor Geschäftemacherei.
Klarer hätten sich die Propagandisten der „Selbstzahlerleistungen“ nicht outen können als in diesem an Ärzte gerichteten Text. Ich bin der Meinung, der Inhalt sollte auch Patienten bekannt gemacht werden, diese sollen schließlich dazu motiviert werden, als gesetzlich Versicherte zusätzliche „Leistungen“ aus eigener Tasche zu zahlen. Da steht es also: Es geht um die Erschließung neuer Einkommensquellen bei den Ärzten. Diese Einkommensquellen sind zum größten Teil fragwürdige Methoden, deren Wirkung nicht über den Placeboeffekt hinausgeht, sowie fragwürdige Indikationsstellungen. Ärzte dürfen diese Angebote pikanterweise ihren Patienten nicht persönlich darlegen, schulen aber ihre Arzthelferinnen, mit diversen Tricks Patienten zum Zahlen aus eigener Tasche zu motivieren. Zudem ist bei einigen schwarzen Schafen unter den Ärzten eine Tendenz erkennbar, normale Kassenleistungen zu Selbstzahlerleistungen umzumünzen und das Arzteinkommen dadurch zu maximieren. Unter dem Vorwand, die Kassen seien generell die Bösen, wird in die eigene Tasche gewirtschaftet. Hier werden Patienten schlichtweg an der Nase herumgeführt und die Machtposition von Ärzten sowie der Abhängigenstatus von Patienten schamlos ausgenutzt.
Außerdem solle man sich mit den Angeboten auch „an die Gesunden in der Praxis“ wenden, die ja anscheinend unbedingt noch ärztlicher Behandlung bedürfen. Was für ein peinlicher Blödsinn.
Wir Ärztinnen und Ärzte sollten nicht vergessen, dass die solidarische Kran­ken­ver­siche­rung nach wie vor nicht nur ein wertvolles Gemeingut, sondern auch die Basis unseres Einkommens ist. Je mehr Ärzte IGeLn, desto mehr verschaffen wir uns selbst den Vertrauensstatus von Gebrauchtwagenhändlern.
Wir wären gut beraten, auf der einen Seite auch weiterhin unseren Beitrag zu leisten bei Kosteneinsparungen ohne Qualitätsverlust, andererseits mit aller Kraft eine bessere Honorierung der originären ärztlichen Tätigkeiten einzufordern. Der wichtigste Faktor für die Zukunft der Ärzteschaft ist eine gestärkte Solidargemeinschaft. Von den IGeLeien bei gleichzeitig geschwächter Solidarversicherung werden letztlich nur wieder wenige Ärzte profitieren, und das bei schlechterer Behandlungsqualität insgesamt.
Ein gewisser Trost ist für mich, dass trotz der ständigen Selbstzahler-Propaganda „50 % der Ärzte Ethikprobleme“ haben, was die Erbringung von IGeL-Leistungen anbelangt . . .
Wilfried Deiß, Uhlandstraße 50, 57074 Siegen
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