ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2002Landheim Schondorf: Diskrete Elite

VARIA: Bildung und Erziehung

Landheim Schondorf: Diskrete Elite

Dtsch Arztebl 2002; 99(24): A-1690 / B-1432 / C-1343

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Siebdrucken – zwölf verschiedene Werkstätten werden den Schülern angeboten. Foto: Landheim Schondorf
Siebdrucken – zwölf verschiedene Werkstätten werden den Schülern angeboten. Foto: Landheim Schondorf
Das Internat am bayerischen Ammersee stellt den Gemeinschaftsgeist über die persönlichen Werte.

Der Begriff „Elite“ hat in Deutschland geradezu etwas Anstößiges. In anderen europäischen Ländern wie England oder Frankreich ist dies nicht so. Eltern schicken ihre Kinder gezielt auf bestimmte Schulen, damit sie später zur gesellschaftlichen Elite des Landes gehören. Diese Schulen und Internate sind meist sehr kostspielig, was die Zielgruppe auf die ökonomische Oberschicht reduziert. Diese Form der Selektion ist hier im offiziellen Sprachgebrauch zwar verpönt – und doch findet sie statt. Im Gegensatz zu den europäischen Nachbarländern bestimmt der soziale Status der Eltern bereits für Neunjährige, ob sie später als unterbezahlte Verkäuferin arbeiten müssen oder eine akademische Laufbahn einschlagen können – die Entscheidung für Haupt-, Realschule oder Gymnasium schon in der vierten Grundschulklasse ist überdenkenswert.
„Wohlstandsverwahrloste Kinder“
„Deutschland hat die diskreteste Elite der Welt“, sagt Dr. Rolf Mantler, Stiftungsleiter des Landheims Schondorf am Ammersee, eines der zwölf Landerziehungsheime, die in der reformpädagogischen Tradition nach Hermann Lietz erziehen. Wer sein Kind auf das Internat mit neusprachlichem und wirtschaftswissenschaftlichem Gymnasium schicken will, muss gut verdienen: 1 850 bis 2 000 Euro kostet die Schule im Monat. Allerdings erhalten rund 40 Prozent der Internatsschüler Stipendien zwischen zehn und 50 Prozent der Kosten – hauptsächlich aus sozialen Gründen. Mantler versteht die Schule vor den Toren Münchens nicht als elitäre Institution. Die Kinder und Jugendlichen erhielten jedoch die „besten Voraussetzungen, um führende Positionen in Wirtschaft, Kultur und Verwaltung einzunehmen“. Die Liste der „Altlandheimer“ weist einige prominente Namen auf. Zu den Voraussetzungen gehöre auch, den Schülern eine bescheidene Lebensführung beizubringen, die den Dienst an der Gemeinschaft über die persönlichen Werte stellt. Wie wichtig dies für viele Kinder – besonders Einzelkinder – aus wohlhabenden Elternhäusern ist, erlebt der Fachlehrer für Sozialkunde und Ethik immer wieder. Doch das Leben in enger Gemeinschaft mit den 35 Lehrern, von denen die meisten im Landheim leben, ermögliche es, die oft „wohlstandverwahrlosten Kinder“ wieder zurückzuführen. „Wir erden sie neu“, erklärt Mantler. In der Gemeinschaft erfahren solche Kinder, wie wenig es bei den Mitschülern und Lehrern ankommt, wenn sie mit dem Geld ihrer Eltern protzen. Stattdessen werden sie dazu animiert, ihr Geld für wohltätige Zwecke, zum Beispiel für das Hilfswerk terre des hommes, zu spenden.
Einmalig für deutsche Internate ist das Angebot des Landheims von zwölf verschiedenen Werkstätten, in denen die Schüler handwerkliche Fähigkeiten erlernen können. In verschiedenen Gebäuden auf dem campusartig angelegten Gelände gibt es zum Beispiel eine Schreinerei, Druckerei, Buchbinderei, Schlosserei, Töpferei, Gärtnerei, Schneiderei und ein Fotolabor, die von Meistern und Fachkräften geleitet werden.
Die Lage im oberbayerischen Voralpenland direkt am Ammersee ermöglicht Sportarten, für die man sonst weit fahren muss: Rudern, Segeln, Surfen und Kajakfahren zum Beispiel. Schulsport Nummer eins ist Hockey, das in der neu errichteten, mit allen Finessen ausgestatteten „Herbert-Ruthemeyer-Sporthalle“ gespielt wird. Der Name der Halle ehrt ihren Sponsor, einen „Altlandheimer“.
Stiftungsleiter Mantler bezeichnet das Landheim als „deutsche Schule in Bayern“, um jeden Verdacht auf bayerische Volkstümelei auszuräumen. Ein Drittel der Schüler kommt aus anderen Bundesländern; zehn Prozent aus der ganzen Welt.
Trend zum Werktagsinternat
Das Elternhaus der meisten bayerischen Schüler liegt im Großraum München. Den meisten Familien ist es wichtig, ihre Kinder in räumlicher Nähe zu wissen. Mantler stellt in den Anfragen von Eltern einen deutlichen Trend hin zum „Werktagsinternat“ fest, das heißt, die Kinder können jedes Wochenende zu Hause verbringen. Schondorf bietet dies für die Internatsschüler zwar nicht an – sie dürfen jedes dritte Wochenende nach Hause fahren. Für Schüler, die im Umkreis von 20 Kilometern wohnen, gibt es die Möglichkeit, die „Tagesheimschule“ zu besuchen, in der Gymnasiasten das Angebot des Landheims bis 18 Uhr nutzen können. Auch hier ist die Nachfrage, trotz nicht unerheblicher Gebühren, hoch. Das zeigt, wie groß der Bedarf an guter schulischer Ganztagsbetreuung ist, besonders in Familien in denen beide Elternteile ihre hochqualifizierten Berufe nicht aufgeben wollen. Die Eltern vieler Schüler in Schondorf sind Freiberufler, darunter viele Rechtsanwälte und Architekten, sowie rund 15 Prozent Ärzte und Zahnärzte.
Ein Problem das viele Internate haben, hat das Landheim Schondorf mit konsequenter Strenge weitgehend ausgeräumt: „Wir sind eine drogenarme Schule“, sagt Mantler. Alle Schüler unterschreiben am Schulanfang eine Drogenvereinbarung; ob diese eingehalten wird, überprüfen Stichproben im vier- bis achtwöchigen Abstand. Schüler denen Drogenkonsum nachgewiesen wird, werden umgehend wieder nach Hause geschickt. Ob dies den Jugendlichen hilft, ist fraglich – dem Renommee der Schule schadet es nicht. Petra Bühring

Informationen: Stiftung Landheim Schondorf am Ammersee, 86938 Schondorf/Oberbayern, Telefon: 0 81 92/80 90, Telefax: 0 81 92/79 93, E-Mail: landheim@landheim-schondorf.de, www.landheim-schondorf.de
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