ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2002Aufmerksamkeitsdefizitstörungen: Den diagnostischen Blick schärfen

VARIA: Bildung und Erziehung

Aufmerksamkeitsdefizitstörungen: Den diagnostischen Blick schärfen

Dtsch Arztebl 2002; 99(24): A-1692 / B-1434 / C-1210

Schneider, Andrea

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In den Schulen manifestieren sich die Probleme mit nicht diagnostizierter ADHS. Foto: BilderBox
In den Schulen manifestieren sich die Probleme mit nicht diagnostizierter ADHS. Foto: BilderBox
Aachener Arbeitskreis entwickelt Ausbildungskonzept für Lehrer.

Bei Hermann Hesse wird rückblickend eine Aufmerksamkeitsdefizitstörung (ADS/ADHS) in Kindheit und Jugend vermutet. Gleiches gilt für Alfred Nobel und Albert Einstein. Der Gedanke an Dichter und Denker mag zwar tröstlich sein, eine Hilfe jedoch bietet er nicht. Weder für Kinder, Eltern noch für Lehrer. Doch gerade in den Schulen manifestieren sich zunehmend die Probleme mit einer häufig nicht diagnostizierten Erkrankung. Denn anders als in den Zeiten von Mozart, Churchill oder Einstein haben es die Pädagogen der Gegenwart ungleich schwerer, auf Individualität ihrer Schüler einzugehen, vor allem wenn sie sich in Konzentrationsschwäche, Vergesslichkeit, störendem Verhalten ausdrückt. Geht die hyperaktive Aufmerksamkeitsdefizitstörung auch noch mit Lernschwächen oder Legasthenie einher, kann der Weg ins soziale Abseits für die Kinder vorgezeichnet sein.
Neue Wege, den Kindern Diagnose und Therapie zu ermöglichen, will ein Aachener Arbeitskreis beschreiten, der sich unter der Federführung des Fördervereins Sozialpädiatrisches Zentrum am Universitätsklinikum Aachen und in enger Zusammenarbeit mit der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie des Universitätsklinikums, der Schulen sowie der Stadt Aachen zusammengefunden hat. Ziel ist es, eine Konzeption zu erarbeiten, um Kinder, Eltern und Lehrer zu fördern, zu informieren und zu entlasten.
Das Konzept liegt einer Lehrerfortbildung vor. Entwickelt wurde es von Kathrin Hoberg, Diplom-Psychologin am Sozialpädiatrischen Zentrum, und Michael Simons, Diplom-Psychologe an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie. Mit diesem Ausbildungspaket wollen die beiden Psychologen fachlich geschulte Referenten in die Lage versetzen, in den Schulen Grundlagen der Aufmerksamkeitsdefizitstörung zu vermitteln und den diagnostischen Blick der Lehrer zu schärfen. Darüber hinaus werden die Referenten gemeinsam mit den Pädagogen an exemplarischen Fällen arbeiten. Ziel sei es, so Hoberg, „die Lehrer zu entlasten, indem deren Kompetenzen gestärkt werden“. Auf zwei Grund- und zwei Hauptschulen in und um Aachen werden die Initiatoren zunächst zugehen. Bis zu den Sommerferien soll die Ausbildung an diesen Schulen bereits abgeschlossen, eine weitere Betreuung jedoch garantiert sein. Der Förderverein Sozialpädiatrisches Zentrum hat sich bereit erklärt, wenigstens vorübergehend die Stelle eines freien Mitarbeiters zu finanzieren, der auch weiterhin Kontakt zu den Schulen hält, während die Referenten in andere Schulen in und um Aachen ausschwärmen.
Von der Lehrerfortbildung verspricht man sich gleichzeitig eine Entlastung der Eltern und Hilfe für die Kinder. Ist der diagnostische Blick erst einmal geschärft, dann haben Lehrer die Möglichkeit, den Eltern konkrete Schritte vorzuschlagen, die zur Diagnose und mithin zur Behandlung von ADHS führen können.
Doch Fortbildung ist teuer. Am finanziellen Aufwand scheitert so manches engagierte Projekt. In diesem Fall allerdings müssen weder Stadt noch Kreis auf den Kosten sitzen bleiben, glaubt Manfred Ernst, Schulamtsleiter in Aachen. Er ist davon überzeugt, dass die für Lehrerfortbildung verantwortlichen Stellen – dabei denkt er nicht nur an die Kölner Bezirksregierung, die für Aachen zuständig ist – großes Interesse haben werden, ein solches Ausbildungspaket in die Lehrerfortbildung aufzunehmen (siehe zu dieser Thematik auch den Beitrag „Keine ,Modeerkrankung‘“ in diesem Heft, die Red.). Andrea Schneider

Informationen: Sozialpädiatrisches Zentrum, Kullenhofstraße 50, 52074 Aachen, Telefon: 02 41/8 08 96 66, Telefax: 02 41/8 88 84 79
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