ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2002Maria Montessori: „Be-greifende“ Kinder

VARIA: Bildung und Erziehung

Maria Montessori: „Be-greifende“ Kinder

Dtsch Arztebl 2002; 99(24): A-1694 / B-1436 / C-1212

Probst, Ernst

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Am 6. Mai jährte sich der 50. Todestag der bedeutenden Pädagogin.

Sie galt als mathematisches Talent und sollte deswegen eigentlich Ingenieurin werden. Doch nach einem Schlüsselerlebnis brach Maria Montessori (1870–1952) ihr Mathematikstudium ab und beschloss, künftig armen Kindern zu helfen. Sie wurde Italiens erste Ärztin und bedeutendste Pädagogin sowie ernsthafte Anwärterin für den Friedensnobelpreis.
Maria Montessori kam am 31. August 1870 als Tochter des Finanzbeamten Cavaliere Montessori und seiner Frau Renilde Stoppani in Chiaravalle bei Ancona zur Welt. Ihrem Vater gelang es später, ihr den Besuch eines Gymnasiums in Rom zu ermöglichen, was damals eine kleine Sensation darstellte. Maria verstieß als Jugendliche oft gegen die strengen Sitten, weil sie ohne jede Begleitung durch die Straßen ging. Sie begann in Rom ein mathematisches Studium, beendete jedoch dieses, nachdem sie durch den Anblick eines zerlumpten Bettlers mit einem todkranken Kind auf dem Arm tief gerührt wurde und
beschloss, künftig armen Kindern zu helfen. Es erregte großes Aufsehen, als Maria Montessori ein Medizinstudium begann und sich auf den Arztberuf vorbereitete. Eine Frau, die Leichen sezierte, galt damals als intolerabel. 1896 erwarb sie als erste Italienerin in Rom den medizinischen Doktorgrad. Seit 1898 lehrte sie an einer staatlichen Lehrerbildungsanstalt für geistig behinderte Kinder. 1900 wirkte sie auch an der Universität Rom, wo sie von 1904 bis 1907 einen „Lehrstuhl für Frauenemanzipation und Abschaffung der Kinderarbeit“ einrichtete.
Die „Dottoresa“ war nach dem Besuch von Heimen und Schulen entsetzt über die Kinder, die dort „wie Schmetterlinge, die man auf Stecknadeln aufgespießt hat“ unbeweglich auf ihren Bänken sitzen mussten. Sie war überzeugt davon, dass das Lernen mit den Händen und nicht mit dem Hirn beginnt und plädierte für Freiheit und Ungezwungenheit, damit die Kinder durch Basteln und Handarbeit „spielend“ lernen.
Montessori befasste sich anfangs unter anderem mit der Erziehung geistig Behinderter. 1907 gründete sie im römischen Armenviertel San Lorenzo ein Kinderhaus für drei- bis sechsjährige Arbeiterkinder, das sie 1911 um eine Schule erweiterte. Damals entdeckte sie das „Montessori-Phänomen“, nämlich die Konzentration von Kleinkindern bei manuellen Aufgaben, bei denen sie die Dinge „be-greifen“. Auch an der Berliner Universität versuchte sie in den Dreißigerjahren neue Wege in der Kindererziehung zu weisen. Damals erklärte sie: „Die kindliche Seele ist zart. Mehr als alle anderen muss man sie schützen, denn sie hat nicht die Kraft, sich gegen Unterdrückung durch die Erwachsenen zu wehren. Aber als wir das Kind erzogen, gaben wir ihm alle unsere Irrtümer mit, und sie hinterließen unaustilgbare Spuren. Denn alles Gute und Böse im Menschen hat in der Kindheit seinen Ursprung. Wir werden sterben, doch unsere Kinder werden an den Folgen des Bösen leiden – es hat ihre Seele für immer entstellt.“
Von der faschistischen Diktatur in Italien wurde Maria Montessori 1933 ins Exil getrieben. 1934 wurden die zahlreichen Schulen in ihrem Heimatland geschlossen, die nach ihrer Methode arbeiteten, da sich deren pädagogische Ziele nicht mit denen des Faschismus deckten. Sie emigrierte und erlebte als 66-Jährige mit den Kindern ihres Adoptivsohnes Mario in Spanien den Bürgerkrieg. Nach dem Aufwachen las sie eines Morgens an der Wand ihres Hauses den Satz: „Nicht betreten, hier wohnt die Freundin der Kinder.“ Niemand krümmte ihr ein Haar. Danach fand sie in Indien, den USA, Großbritannien und in den Niederlanden Aufnahme und neue Wirkungsstätten. 1947 kehrte sie nach Italien zurück.
Am 6. Mai 1952 starb Maria Montessori im Alter von 81 Jahren in Noordwijk-aan-Zee (Niederlande). Für viele Zeitgenossen war ihr Name bereits damals eine Legende. Ihre zahlreichen Werke wurden in 22 Sprachen übersetzt. Nach ihrem Tod leitete der Adoptivsohn Mario als Präsident der internationalen „Montessori-Gesellschaft“ mit Sitz in Amsterdam die Organisation. Ernst Probst


Geschichtlicher Kontext
Zum 50. Todestag Maria Montessoris ist eine interessante Biographie erschienen, die ihr turbulentes Leben und die revolutionären Ideen vor dem Hintergrund ihrer Zeit beleuchtet. Die Autorin ist Professorin für Frauengeschichte an der Universität Utrecht, Niederlande.
Marjan Schwegman: Maria Montessori, Kind ihrer Zeit – Frau von Welt. Verlagsgruppe Beltz, Weinheim, 2002, 272 Seiten, Taschenbuch, 15 €
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