ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2002Sexueller Missbrauch : „Nein“ sagen lernen

VARIA: Bildung und Erziehung

Sexueller Missbrauch : „Nein“ sagen lernen

Dtsch Arztebl 2002; 99(24): A-1696 / B-1438 / C-1348

Bühring, Petra

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LNSLNS Die Zahl der Opfer von sexuellen Übergriffen ist unverändert hoch. Das Komitee „Sicherheit für das Kind“ fordert, Aufklärung und Hilfsangebote zu verbessern.

Der beste Schutz vor sexuellem Missbrauch sei es, das Selbstbewusstsein der Kinder zu stärken, damit sie lernten, „nein“ zu sagen. Eltern und Lehrer könnten dazu beitragen, indem sie in einer offenen, vertrauensvollen Atmosphäre erzögen, die es dem Kind ermöglichte, sich ohne Angst vor Zurückweisung, Vorwürfen oder Bestrafung an sie zu wenden. Dies schlägt das Komitee „Sicherheit für das Kind“ vor, um die anhaltend hohe Deliktrate – 20 000 Kinder werden nach polizeilichen Angaben jedes Jahr Opfer sexueller Übergriffe – zu reduzieren. Das Komitee ist ein seit 1967 aktiver Zusammenschluss von Wissenschaftlern verschiedener Fachgebiete, die sich zum Ziel gesetzt haben, die Öffentlichkeit über Kindersicherheit aufzuklären.
Obwohl es nicht an Bemühungen fehle, die Öffentlichkeit aufzuklären, die Strafen verschärft und die Täteridentifizierung verbessert wurden, komme Kindesmissbrauch weiterhin unvermindert häufig vor, stellt das Komitee fest – und ging den Ursachen hierfür nach. Prof. Dr. Rudolf Egg, Direktor der Kriminologischen Zentralstelle e.V., Wiesbaden, fordert, bei den Schutzmaßnahmen verstärkt zu berücksichtigen, dass sexueller Missbrauch in der Mehrzahl von Verwandten und Bekannten begangen wird, die das Vertrauen des Kindes ausnutzen. Sexualität und auch sexuelle Gewalt sollten deshalb in Familien keine Tabuthemen sein, sondern aufklärend zur Sprache kommen. Das erleichtere es Kindern im Ernstfall, sexuelle Übergriffe ohne Scham anzusprechen. Dazu sollte es jedoch nicht erst kommen: Kinder müssen gestärkt und ermutigt werden, diese deutlich zurückzuweisen, fordert Egg. Dazu sei es wichtig, Kindern zu vermitteln, dass niemand das Recht hat, sie gegen ihren Willen zu berühren oder zu bedrängen. Vor allem bei älteren Kindern und Jugendlichen seien gezielte Selbstbehauptungstrainings empfehlenswert. Kindern sollte auch bewusst gemacht werden, dass sie selbst keine Schuld an sexuellen Übergriffen Erwachsener haben, um daraus resultierende Angst vor Bestrafung zu vermeiden.
Bereits in der Grundschule aufklären
Für Kinder und Mütter seien mehr „niederschwellige Vertrauensangebote“ notwendig, um bei Verdacht auf Missbrauch zu helfen, erklärt Prof. Dr. med. Joest Martinus, Präsident des Komitees. Naheliegend seien kompetente Hausärzte und Pädiater. Mehr Fortbildung notwendig sei auch bei Beratern und Therapeuten in Beratungsstellen, Jugendämtern oder Einrichtungen der Opferhilfe, denn: „Es kommt immer noch vor, dass Meldungen nicht ernst genommen werden und auf der anderen Seite erkennbar falsche Anschuldigungen Anlass für Anzeigen und weitreichende Konsequenzen sind.“ Das Thema sexueller Missbrauch müsse bereits in der Grundschule besprochen werden, da Sechs- bis Zehnjährige am häufigsten betroffen sind. Bisher ist das Thema erst ab der fünften Jahrgangsstufe vorgesehen.
Schließlich sei es notwendig, mit der weit verbreiteten Ansicht aufzuräumen, dass sexueller Missbrauch fast ausschließlich Mädchen betrifft, fordert Martinus. Tatsächlich sei das Verhältnis Mädchen zu Jungen vier zu eins, nach anderen Schätzungen sogar zwei zu eins. Da Jungen größere Schwierigkeiten haben, sich zu offenbaren, sei es umso wichtiger, sie zu erreichen. Über die Täterpersönlichkeiten heiße es häufig, sie seien „Menschen wie du und ich“, so Martinus. Das dürfe nicht darüber hinwegtäuschen, dass Alkoholprobleme, Partnerkonflikte, soziale Belastungen und anderes signifikant häufiger angetroffen werden. Auch das könne zur Aufklärung der Delikte beitragen. Petra Bühring


Kontaktadresse:
Komitee Sicherheit für das Kind, DBV-Winterthur-Haus, Leopoldstraße 204, 80804 München, Telefon: 0 89/36 06 37 49,
E-Mail: geschaeftsfuehrung@sicherheitkind.de,
Internet: www. sicherheitkind.de
Das Komitee ist Mitglied der Bundesarbeitsgemeinschaft Kindersicherheit.
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