ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2002Bitte kein subversives Schach!

VARIA: Post scriptum

Bitte kein subversives Schach!

Pfleger, Helmut

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Bei einer Diskussion zur Kirch-Pleite sprach einer der Teilnehmer vom natürlichen Interesse des Staates, dass die Fußballberichterstattung im Fernsehen weitergehe, damit das Volk nicht zum Überlegen komme; gefährlich wäre es, wenn die Leute Schach spielten und nachdächten. Tja, einmal mehr die dem Schach inhärente subversive Dynamik – kein Wunder, dass es auch das Christentum, Khomeini und die Taliban verdammten.
In diesem Sinne soll man natürlich auch der deutschen Mannschaft bei der jetzigen Fußball-WM ein möglichst langes Leben wünschen, zudem hätte dies den Vorteil, dass der dort auch beschäftigte Dortmunder Torwart Jens Lehmann danach möglicherweise erst einmal in Urlaub führe und so auf einen Besuch beim Dortmunder „Sparkassen Chess Meeting“ vom 6. bis 21. Juli verzichtete. Er wie auch Marco Bode, ganz zu schweigen von Felix Magath (nur Franz Beckenbauer ist löblicherweise völlig unverdächtig, schließlich beschied er der höchst erfolgreichen Schachabteilung von Bayern München einst: „Die Klötzleschieber brauchen mer net!“), werden bedenklicherweise gelegentlich hinter dem Schachbrett angetroffen.
Vielleicht ist Schach aber doch nicht so umstürzlerisch. Schließlich werden Bundeskanzler Schröder oder der gern und gut spielende Innenminister Otto Schily das Dortmunder Turnier eröffnen.
Dieses ist zu seinem 30-jährigen Jubiläum sogar Auftakt zur Wiedervereinigung der gespaltenen Schachwelt. Der Sieger (vielleicht gar der deutsche Spitzenspieler Christopher Lutz aus Köln?!) wird nämlich auf den Braingames-Weltmeister Wladimir Kramnik treffen, und der Gewinner dieser Paarung auf den Sieger zwischen Garry Kasparow und dem erst 18-jährigen Fide-Weltmeister Ponomarjow. So Gott und die Vernunft wollen, haben wir im Herbst 2003 wieder nur einen Weltmeister.
Der bekannt subversive Sender WDR wird in vier Sondersendungen (am 7., 14., 17. und 21. Juli, jeweils von 0.30 bis 1.15 Uhr) vom Turnier berichten, selbst das konformere ZDF lässt sich im Sportstudio am 20. Juli mit dem Gast Kramnik anstecken.
Zum Abschluss eine Stellung, die Jens Lehmann beim Simultanspiel gegen Kramnik in Dortmund vermeiden sollte. Sehen sie, wie Kramnik in einer Internet-Blitzpartie als Schwarzer mit einem Riesenzug gegen Kasparow in entscheidenden Vorteil kam? Kaum wage ich es zu sagen, dass beide auch gern Fußball spielen und dass in der Dortmunder Gunst Schach gleich nach Fußball kommt.

Lösung:
Nach der Springergabel 1. ...Se4! war Kasparow verloren. Das Schlagen des Springers verbietet sich wegen 2. fxe4 Dd1+ 3. Lf1 Dxf1+ 4. Dg1 Lxe4 matt. Kasparow versuchte noch 2. Dc7, gab aber nach 2. ...Sxc5 3. bxc5 Lh3 auf – der weiße König wird untergehen.
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