ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2002Als Allgemeinarzt in Irland: Spannende Vertretung

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Als Allgemeinarzt in Irland: Spannende Vertretung

Dtsch Arztebl 2002; 99(24): A-1704 / B-1444 / C-1344

Pieper, Hans-Olaf

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Hans-Olaf Pieper (links) im Behandlungszimmer Foto: Hans-Olaf Pieper
Hans-Olaf Pieper (links) im Behandlungszimmer Foto: Hans-Olaf Pieper
Heute soll ein Traum in Erfüllung gehen: mein erster Tag als Inseldoktor auf den Aran Islands. Das sind Inishmore, Inishman und
Inishere, drei kleine mystische Inseln im Westen von Galway. Ungefähr 1 500 Menschen wohnen auf ihnen, viele sprechen nur Irisch. Zwei Ärzte teilen sich die medizinische Versorgung. Ich habe für zunächst drei Wochen eine Urlaubsvertretung übernommen und weiß noch nicht, dass es mehrere Monate werden sollen.
Es dauert ein paar Stunden, bis ich mich von der großen Überfahrt erhole. Sowohl das Wetter als auch mein Magen beruhigen sich. In der Praxis haben James sowie die Gemeindeschwestern Mary und Barbara volles Verständnis für den neuen Doktor mit dem grünen Gesicht. Ich werde zunächst weitgehend von Arbeit verschont. Zum Glück ist die Sprechstunde recht ruhig, bis gegen 16 Uhr zweimal das Telefon klingelt. Unglaublich: Es kündigen sich zwei der Praxis wohl bekannte ältere Herren an: beide mit Luftnot, beide mit obstruktivem Emphysem – und beide mit selbem Namen. Heißen hier alle gleich?
Leute mit Luftnot haben auf den Inseln nichts zu suchen. Hektik bricht aus. Der letzte Flieger aufs Festland geht um 17 Uhr. Danach müssten Rettungsboot oder Helikopter organisiert werden. Mary bucht vorsorglich zwei Plätze im Flugzeug, ohne dass wir die beiden Patienten gesehen haben. Kurze Zeit später sitzen – nach fixer Erstversorgung und ein paar Telefonaten – zwei ältere Herren mit selbem Namen und selber Krankheit nebeneinander zunächst im Flieger und dann in der Ambulanz nach Galway.
Am Abend falle ich völlig geschafft, aber glücklich ins Bett. Ich bin in einem kleinen Häuschen mit James einquartiert. Es steht mitten auf einem Feld. Wir sind nicht einsam, da allerlei Spinnen, Kellerasseln und eine ungeahnte Faltervielfalt den Spalt unter der Eingangstür zur „Krabbeltierautobahn“ erklärt haben. Heizung und Elektrizität tun es gerade nicht, und der Wind pfeift durch alle Ecken. Dafür haben wir Kerzen und ein Kaminfeuer mit Torf. Durch mein Fenster blicke ich über zwei Steinmäuerchen auf das höchstens 100 Meter entfernte Meer.
Ein Monat später. Die „Ambulanz“ war bis vor kurzem noch ein geräumiger Minibus, in den auch Patienten in der Horizontalen reinpassten. Nach einer glücklicherweise nicht von mir verursachten unsanften Begegnung mit einer Mauer ist der Minibus schrottreif und nicht mehr einsetzbar. Jetzt haben wir nur noch einen normalen PKW. Das bringt erhebliche Transportprobleme und eine abenteuerliche Notfallmedizin mit sich. In den Kofferraum passt zwar die einklappbare Bahre. Wenn aber der Patient drauf liegt, muss irgendwo ein größeres Auto her. Wenn kein Minibus aufgetrieben werden kann, muss ich Christie, den Inselpolizisten, rausklingeln. Der wirft dann seinen Polizeijeep an und hilft uns aus der Klemme.
Eine Apotheke gibt’s auf den Inseln nicht. Stattdessen ist in der Praxis ein Raum mit den notwendigsten Medikamenten. Ich bin sozusagen Doc und Apotheker in einem. Bislang habe ich kein einziges Rezept ausgestellt, weil alle Tabletten direkt ausgehändigt werden. Wir sind gut ausgestattet. Wenn uns ein Medikament ausgeht, wird improvisiert und so lange mit dem Bestand behandelt, bis Nachschub da ist.
Mittwochs und donnerstags fliegt einer von uns Docs für Hausbesuche zu den kleineren Inseln Inishman und Inishere. Bei guter Sicht ist der Flug spektakulär. Die Arbeit auf den Inseln ist schon allein wegen des Kontakts mit der älteren Bevölkerung ein Erlebnis für sich. Besonders auf Inishman, der abgelegensten Insel, sprechen viele kein Wort Englisch. Ich dagegen werde immer perfekter, mit Händen und Füßen zu sprechen. Ohne die dolmetschenden Gemeindeschwestern wäre ich völlig aufgeschmissen. Ich werde hier nur An Doctúr Gearmán genannt – der deutsche Arzt.
Dr. med. Hans-Olaf Pieper

Langfassung im Internet:
www.aerzteblatt.de
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