ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2002Brustkrebs: Schmidt drückt aufs Tempo

POLITIK

Brustkrebs: Schmidt drückt aufs Tempo

Dtsch Arztebl 2002; 99(25): A-1715 / B-1451 / C-1351

Richter, Eva A.

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LNSLNS Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt
will DMP Brustkrebs und Mammographie-Screening
schnell über die Hürden bringen.

Die Zeichen stehen günstig, dass Ulla Schmidt rechtzeitig zur Wahl ein ganzes Bündel von Maßnahmen zur Brustkrebsbehandlung und
-vorsorge vorweisen kann. Erstens: Wenn alles in ihrem Sinne läuft, kann das Disease-Management-Programm (DMP) Brustkrebs noch am 1. Juli starten. Zweitens: Ab 2003 können voraussichtlich alle Frauen zwischen 50 und 70 Jahren vorsorglich mammographiert werden. Drittens: Seit dem 17. Juni bietet das Deutsche Krebsforschungszentrum eine Telefon-Hotline zum Mammakarzinom an, die vom Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium (BMG) zunächst bis zum Ende des Jahres gefördert wird.
„Mit dem Brustkrebstelefon wollen wir einen Beitrag dazu leisten, dass
sich die Patientinnen aktiv in den Entscheidungsprozess für oder gegen mögliche medizinische Maßnahmen einbringen können“, erklärt Schmidt. Von Montag bis Freitag zwischen acht und zwölf Uhr können sich Frauen zum Thema Brustkrebs unter der Telefonnummer 0 62 21/42 43 43 informieren. Wie groß der Informationsbedarf sei, spiegele sich in den Anfragen beim Krebsinformationsdienst (KID) wider, berichtete Prof. Dr. Harald zur Hausen, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Krebsforschungszentrums: Rund ein Viertel der pro Jahr telefonisch beantworteten 12 000 bis 14 000 Anfragen beim KID würden Brustkrebs in all seinen Facetten betreffen. „Wenn es um Krebs bei Frauen geht, ist das Mammakarzinom sogar in 45 Prozent das Thema.“
Viel zu wenige Frauen nähmen am Früherkennungsprogramm für Brustkrebs teil, bedauert Schmidt. Ab dem 50. Lebensjahr sinke die Teilnahmequote erheblich, obgleich gerade hier der Altersabschnitt beginne, in dem das Erkrankungsrisiko steigt. „Mithilfe des Brustkrebstelefons wollen wir den Frauen die Scheu vor der Krebsfrüherkennung nehmen“, erläutert die Ministerin. „Nur dann werden wir nach Einführung des flächendeckenden Mammographie-Screenings möglichst viele Frauen erreichen.“
Daran, dass das Mammographie-Screening ab 2003 tatsächlich flächendeckend eingeführt wird, lässt das BMG keinen Zweifel. Offensichtlich will man auch die Ergebnisse der Modellversuche, die derzeit in Bremen und Wiesbaden laufen, nicht abwarten. Die Zwischenergebnisse seien viel versprechend, verlautet aus dem BMG. Die teilnehmenden Ärzte in den Modellregionen könnten bereits jetzt Ärzte in angrenzenden Gebieten schulen. Die Modellversuche dienten lediglich noch dazu, den praktikabelsten Weg zur Einführung des Mammographie-Screenings zu finden.
Keine „grundlegenden Zweifel“ am Screening
Von einem grundlegenden Zweifel am Nutzen eines Screenings ist inzwischen keine Rede mehr. Am 1. März hatte die „Konzertierte Aktion zur Brustkrebs-Früherkennung in Deutschland“ eine Leitlinie verabschiedet, in der das Mammographie-Screening eine zentrale Rolle spielt.
Auch beim DMP Brustkrebs geht es auf einmal sehr, sehr schnell. Bislang sollte der Referentenentwurf für die „Vierte Verordnung zur Änderung der Risikostruktur-Ausgleichsverordnung“ nur ein DMP regeln, nämlich das für Diabetes mellitus Typ 2. Doch nun wird der Entwurf erweitert. Nur sieben Tage nach einem Spitzengespräch zwischen der Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin und Vertretern des Koordinierungsausschusses, bei dem man sich einigte, auch noch das DMP Brustkrebs über die Bühne zu bringen, beschloss der Ausschuss bereits am 13. Juni einvernehmlich seine Empfehlungen zu den Anforderungen an strukturierte Behandlungsprogramme zum Krankheitsbild Brustkrebs.
Die Empfehlungen des Koordinierungsausschusses sollen die Grundlage für die anstehende Rechtsverordnung sein. „Die Behandlungsprogramme werden sicherstellen, dass unnötige Brustamputationen vermieden und notwendige Bestrahlungen gesichert werden sowie der psychosozialen Betreuung und Begleitung erkrankter Patientinnen ein größerer Stellenwert eingeräumt wird“, sagte Schmidt.
Ausgeklammert wurde bei der Sitzung des Koordinierungsausschusses die umstrittene Problematik der Datenübermittlung. Am 20./21. Juni will sich damit zunächst der Länderausschuss der Kassenärztlichen Bundesvereinigung befassen. Alles nur noch eine Formsache, verlautet aus dem Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium. Dort ist man sich auch bei den DMP sicher: „Die werden kommen.“ Doch deren Einführung geht auch dem Koordinierungsausschuss zu schnell, wenn er sich auch bei den DMP zu Diabetes und zum Brustkrebs wunschgemäß beeilt hat. Für die noch ausstehenden DMP erscheint es ihm nunmehr unvertretbar, weiterhin unter einem „unangemessenen Zeitdruck“ zu arbeiten. Dies ginge künftig auf Kosten der fachlichen Sorgfalt.
Die Ministerin wird die Kritik verschmerzen: Ihr reicht es, wenn zum 22. September, dem Wahltag, die beiden ersten DMP stehen.
Dr. med. Eva A. Richter
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