ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2002Medizintechnologie: „Der Industrie die Stirn bieten“

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Medizintechnologie: „Der Industrie die Stirn bieten“

Rabbata, Samir

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LNSLNS Nationale und internationale Experten trafen sich in Berlin,
um über die systematische Bewertung medizinischer Technologien
zu beraten – ein Forschungsgebiet, das mittlerweile auch für die
Selbstverwaltung in Deutschland unverzichtbar geworden ist.

Dass große Pharmafirmen aufwendige Kongresse organisieren, um nicht ganz uneigennützig über medizinische Innovationen zu informieren, ist gängige Praxis. Bemerkenswert ist dagegen, dass sich jetzt rund 600 nationale und internationale Experten zusammengefunden haben, um über die kritische Bewertung medizinischer Neuerungen zu diskutieren. Dabei handelte es sich folglich auch nicht um die Veranstaltung eines Pharmaunternehmens, sondern um die Jahrestagung der ISTAHC (International Society of Technology Assessment in Health Care) in Berlin.
Nicht alle vermeintlichen Neuerungen, die der Gesundheitsmarkt zu bieten hat, sind tatsächlich innovativ, und nicht alles was innovativ ist, muss zwingend medizinisch notwendig sein. Es gilt, Überflüssiges vom Notwendigen zu trennen – keine leichte Aufgabe, mit der sich die ISTAHC seit ihrer Gründung 1985 beschäftigt. Die interdisziplinäre wissenschaftliche Fachgesellschaft mit mehr als 1 400 Mitgliedern aus 35 Ländern ist das wichtigste internationale Forum auf diesem Gebiet.
Für die Bewertung medizinischer Verfahren und Technologien hat sich in Deutschland der Begriff „Health Technology Assessment“ (HTA) etabliert. Der Begriff Technologie umfasst dabei sowohl Produkte (Arzneimittel, technische Geräte) als auch Therapieverfahren und übergeordnete Prozesse wie Rehabilitation.
Gudrun Schaich-Walch, Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesgesundheits ministerium: Ärzte sind an industrieunabhängigen Informationen interessiert. Foto: Deutscher Bundestag
Gudrun Schaich-Walch, Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesgesundheits ministerium: Ärzte sind an industrieunabhängigen Informationen interessiert. Foto: Deutscher Bundestag
Ein wenig verspätet habe man in Deutschland damit begonnen, sich mit diesem Thema zu befassen, räumte die Parlamentarische Staatssekretärin im Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium, Gudrun Schaich-Walch, am Rande der Veranstaltung ein. Seit den ersten Schritten Mitte der 90er-Jahre und einem damals vom Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium geförderten Pilotprojekt, habe die Entwicklung einen rasanten Verlauf genommen, so die Staatssekretärin. Das Deutsche Institut für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI) in Köln ist mittlerweile vom Gesetzgeber beauftragt, eine Datensammlung zu erstellen und die Methodik zur Erstellung von HTA-Berichten zu verbessern. Das Informationssystem soll in erster Linie wissenschaftlich fundierte HTA-Berichte für die Entscheidungsträger bereitstellen. Der Bundes­aus­schuss Ärzte und Krankenkassen stützt seine Entscheidungen zunehmend auf HTA-Berichte. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung richtete bereits 1996 ein entsprechendes Dezernat ein.
Ärzte besser informieren
Besonders im Arzneimittelbereich sehe man sich einem „einseitigen Anbietermarkt“ gegenüber, beklagte der Direktor des Schweizer Bundesamtes für Sozialversicherung, Otto Piller. Gerade weil es nicht zu Rationierungen im Gesundheitswesen kommen dürfe, müsse man der Industrie durch eine genaue Bewertung der Nützlichkeit von Arzneimitteln „die Stirn bieten“, meinte Piller. Für einen Dialog mit den Herstellern plädierte dagegen Claude Hemmer, Regierungsrat im luxemburgischen Ge­sund­heits­mi­nis­terium. Gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt sprach sich Hemmer für eine verstärkte industrieunabhängige Information der Ärzte aus. „Dies steht nicht im Widerspruch zu den Interessen der Hersteller“, ist Hemmer überzeugt.
Das Interesse von Ärzten an qualitätsgesicherten Informationen sei sehr groß, sagte Schaich-Walch. Dies gelte im Übrigen auch für medizinische Behandlungsleitlinien, bei deren Erstellung HTA-Berichte als Grundlage dienen könnten. „Leider gibt es momentan viel zu wenig evidenzbasierte Leitlinien in deutscher Sprache. Dies wurde bei der Diskussion über die geplanten Disease-Management-Programme deutlich“, so Schaich-Walch.
Ein Problem, mit dem sich auch die Ärztliche Zentralstelle Qualitätssicherung (ÄZQ) auf einem Satellitensymposium zum ISTAHC-Kongress beschäftigte. Experten aus 14 Ländern diskutierten ihre Erfahrungen über die Entwicklung und Standardisierung von Leitlinien in der Medizin sowie über deren Anwendung in der Patientenversorgung. Hoffnung, dass der Leitlinienmangel auch in Deutschland überwunden wird, weckte der Vortrag von Prof. Dr. med. Niek Klazinga von der Universität Amsterdam, der auf die weltweit steigende Bedeutung der Leitlinien-Medizin hinwies. Leitlinien seien potenziell nützliche Hilfsmittel und wirkten sich auch positiv auf die Arzt-Patienten-Beziehung aus. Dies sei einer der Gründe, warum es in den letzten Jahren zu einer rasanten Ausbreitung der Leitlinien-Medizin gekommen sei. Klazinga: „Wir beobachten zurzeit eine wahre Leitlinien-Manie.“ Samir Rabbata
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