ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2002Reform des Medizinstudiums: Die medizinischen Fakultäten und Hochschulen sind jetzt gefordert

POLITIK

Reform des Medizinstudiums: Die medizinischen Fakultäten und Hochschulen sind jetzt gefordert

Dtsch Arztebl 2002; 99(25): A-1718 / B-1454 / C-1354

Clade, Harald

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Gebhard von Jagow: „Die Resonanz der der medizinischen Fakultäten auf die neue Ärztliche Ausbildungsordnung ist äußerst positiv.“ Foto: privat
Gebhard von Jagow: „Die Resonanz der der medizinischen Fakultäten auf die neue Ärztliche Ausbildungsordnung ist äußerst positiv.“ Foto: privat
Fragen an den Präsidenten des Medizinischen Fakultätentages,
Prof. Dr. med. Gebhard von Jagow, Universität Frankfurt am Main

Mit Verabschiedung der 9. Novelle zur Approbationsordnung für Ärzte durch den Bundesrat am 26. April wird das Medizinstudium erstmals seit 1972 grundlegend reformiert und auf eine neue rechtliche Basis gestellt. Ziel der zum 1. Oktober 2003 in Kraft tretenden Novelle ist es vor allem, den Praxisbezug von Beginn des Studiums an zu verstärken und den vorklinischen (theoretischen) Abschnitt des Medizinstudiums mit dem klinischen (praktischen) Abschnitt besser zu verzahnen. Im Zuge der Reform sind den Universitäten und Hochschulen sowie den medizinischen Fakultäten mehr Mitsprache- und Entscheidungsrechte im Zuge einer erweiterten Selbstverwaltungsautonomie eingeräumt worden.
Vor allem auf die Fakultäten kommt eine Menge Arbeit zu. So sind beispielsweise sämtliche Lehrveranstaltungen und alle Studien- und Praktikumsordnungen grundsätzlich umzugestalten und neu zu planen. Den Ländern ist es aufgetragen, sich über zu ändernde
Kapazitätsverordnungen rechtzeitig auf die neue Studiensituation einzustellen.
Aus aktuellem Anlass befragte die Redaktion den Präsidenten des Medizinischen Fakultätentages (MFT), Prof. Dr. med. Gebhard von Jagow, Universität Frankfurt am Main.

DÄ: Der jüngste (105.) Deutsche Ärztetag in Rostock hat den Medizinischen Fakultätentag (MFT) aufgefordert, Sorge dafür zu tragen, dass die gesetzlichen Vorgaben der novellierten Approbationsordnung für Ärzte von allen Fakultäten erfüllt werden und die neue Approbationsordnung umgesetzt werden kann. Beim 106. Deutschen Ärztetag Ende Mai 2003 in Köln soll der Fakultätentag über die Umsetzungspläne berichten. Wie beurteilen Sie als Präsident des MFT die Schlusskompromissfassung der 9. Novelle zur Approbationsordnung für Ärzte und die darin verankerte erweiterte Autonomie für die
Fakultäten und die Hochschulen?
von Jagow: Der MFT hat auf dem diesjährigen ordentlichen Fakultätentag, der vom 30. Mai bis 1. Juni in Berlin stattfand, in einer Resolution zur neuen Ärztlichen Approbationsordnung begrüßt, dass die politischen Entscheidungsträger nach mehrjähriger Diskussion die Verabschiedung umgesetzt haben. In dieser Resolution heißt es: „Eine wesentliche Konsequenz der Reform wird die Verbesserung der praktischen Ausbildung sein, womit die Begründung für den Arzt im Praktikum entfällt. Der Medizinische Fakultätentag fordert daher die Verordnungsgeber nachdrücklich auf, mit der Umsetzung der Reform den Arzt im Praktikum abzuschaffen.“ Gleichzeitig hat der MFT auf seiner Plenartagung eine Präsidialkommission „Neue Ärztliche Approbationsordnung“ gebildet, die sich mit der Ausarbeitung der neuen Studienordnungen beschäftigen wird.
DÄ: Mit der in der Approbationsordnung verankerten Deregulierung des klinischen Ausbildungsabschnittes während des Medizinstudiums verzichtet der Staat weitgehend auf eine Sicherstellung der Ausbildungsprozessqualität. Welche Konsequenzen resultieren daraus für die medizinischen Fakultäten bei der dann notwendig werdenden Sicherung der Ergebnisqualität beim Medizinstudium?
von Jagow: Die neue Ausbildungsordnung enthält keinen Verzicht des Staates auf die Sicherstellung der Ausbildungsprozessqualität. Ganz im Gegenteil, die Übertragung der Studienordnungen und der Prüfungen, die zwischen dem 1. und 2. Staatsexamen liegen, in die Verantwortung der medizinischen Fakultäten bedeutet eine intensive und sorgfältige Überarbeitung des medizinischen Studiengangs. Die einzelnen Landesministerien werden sehr genau die erarbeiteten Studien- und Prüfungsordnungen analysieren und kontrollieren.

DÄ: Wie müssen die zu überarbeitenden Prüfungsordnungen konzipiert sein, um sich auf diese Situation einzustellen, zumal die Verordnung nichts darüber aussagt, ob die neu zu erarbeitenden hochschulspezifischen Prüfungsordnungen einem Genehmigungsvorbehalt unterworfen werden sollen?
von Jagow: Der Fakultätentag geht davon aus, dass ein Genehmigungsvorbehalt in Kraft treten wird.

DÄ: Nach der in der 9. Novelle verankerten Grundphilosophie der erweiterten Entscheidungs- und Autonomiezonen können die medizinischen Fakultäten für die geforderten Leistungsnachweise die Form einer unstrukturierten Prüfung durch einen Einzelprüfer oder die Form einer Kollegialprüfung oder auch eine Aufsummierung studienbegleitender Testate wählen. Theoretisch könnten sie die Prüfung mündlich-praktisch und/oder schriftlich (beispielsweise nach dem Multiple-Choice-Verfahren) mit einer beliebigen Gewichtung der Verfahren gestalten. Die Liberalisierung geht sogar so weit, die im Prüfungskanon vorgegebenen Fächer zu ändern und bestimmte Fächer für die Leistungskontrollen zusammenzufassen. Von welchen Annahmen und Prognosen geht der MFT aus, dass hier tatsächlich Pluralität in den Fakultäten und Hochschulen einkehren wird? Oder sind nicht vielmehr ein Grundkonsens und eine Abstimmung notwendig?
von Jagow: Der von Ihnen angeschnittene Fragenkatalog wird die erste Sitzung der Präsidialkommission, die am 24. Juli in Frankfurt tagen wird, in Anspruch nehmen. Dieser Kommission werden auch Vertreter des Bun-
desgesundheitsministeriums und der Studierenden angehören. Die Resonanz der medizinischen Fakultäten auf die Verabschiedung der neuen Ärztlichen Ausbildungsordnung ist äußerst positiv. An mehreren Fakultäten wurde bereits mit der Ausarbeitung von Studienordnungen begonnen. Ein Grundkonsens in den Studienordnungen der einzelnen Fakultäten und eine gegenseitige Abstimmung werden auf jeden Fall herbeigeführt werden, was aber nicht einzelne Fakultäten
daran hindern soll, spezifische Lehr- und Forschungsschwerpunkte in ihre Prüfungen einzuarbeiten.

DÄ: Nach der neuen Approbationsordnung sollen nun 320 Antwort-Auswahl-Fragen aus allen Fachgebieten der Medizin gestellt werden. Prüfungsgegenstand sollen künftig zunehmend auch die berufspraktischen Anforderungen an den Arzt sein. Was bedeutet die Reduzierung zentraler Leistungsmessungen, beispielsweise über das MC-Verfahren, für die Hochschulen, Medizinischen Fakultäten, die akademischen Prüfer und die Medizinstudenten? Besteht ein innerer Bruch bei Wiedereinführung einer MC-Prüfung nach dem Praktischen Jahr und der sonst reduzierten Anzahl dieses Frage-Antwort-Auswahlverfahrens?
von Jagow: Die Durchführung des gesamten 2. Staatsexamens nach dem Praktischen Jahr soll eine Intensivierung der Unterrichtsverpflichtung während des Praktischen Jahres bewirken. Die Prüfung besteht aus einem schriftlichen und einem mündlichen Teil. Die Verminderung der Anzahl von 580 auf 320 Fragen bei unveränderter Prüfungszeit trägt der Tatsache Rechnung, dass die Multiple-Choice-Fragen fallbezogen, insbesondere sich auf Fallstudien konzentrieren sollen. Diese Veränderung der abschließenden 2. Staatsprüfung wird keine Reduzierung der zentralen Leistungsmessung mit sich bringen.

DÄ: Welche Forderungen und Erwartungen stellen Sie an die zu ändernden Kapazitätsverordnungen der Länder? Sind damit möglicherweise negative finanzielle Konsequenzen für die Hochschuletats und die Hochschulmedizin zu befürchten?
von Jagow: Eine Erhöhung der Ausbildungsintensität erfordert eine Erhöhung der Lehrkapazität, insbesondere in den Kliniken, in denen eine deutliche Erhöhung der Lehrverpflichtungen eintreten wird. Die medizinischen Fakultäten mit ihren Universitätskliniken und der MFT werden mit den zuständigen Ministerien Verhandlungen führen.

DÄ-Fragen:
Dr. rer. pol. Harald Clade
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