ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2002Suizidprävention: Gesellschaftliches Tabu brechen

POLITIK

Suizidprävention: Gesellschaftliches Tabu brechen

Dtsch Arztebl 2002; 99(25): A-1724 / B-1457 / C-1357

Bühring, Petra

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LNSLNS Rund 11 000 Menschen in Deutschland begehen
jährlich Selbstmord – Grund genug, noch mehr Augenmerk auf Prävention und Früherkennung zu legen.

Durch Suizid sterben in Deutschland jährlich mehr Menschen als durch Verkehrsunfälle, Drogen und Gewalttaten zusammen. Für das Jahr 2000 ermittelte das Statistische Bundesamt 11 065 Selbstmordopfer, wobei die Dunkelziffer auf mindestens 25 Prozent geschätzt wird. Deutlich mehr Männer als Frauen begehen Selbstmord: Die Suizidrate (Anteil der Suizide auf 100 000 Einwohner) beträgt rund 20 bei Männern und sieben bei Frauen. In den neuen Bundesländern ist die Suizidrate deutlich höher. Die Zahl der Suizidversuche schätzt die Forschungsgruppe „Suizidalität und Psychotherapie“ des Therapiezentrums für Suizidgefährdete (TZS) am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) sogar 10- bis 15-fach höher ein als die der Suizide.
Das TZS hatte zu einer Pressekonferenz eingeladen, um auf den Bedarf an Suizidprävention aufmerksam zu machen. Seit 1991 bietet das TZS – bundesweit einzigartig – niedrigschwellige ambulante Psychotherapiemöglichkeiten für akut und chronisch Suizidgefährdete an. Patienten in einer akuten suizidalen Krise können hier eine drei- bis neunmonatige, psychoanalytisch orientierte, psychotherapeutische Behandlung beginnen – im Gegensatz zu psychiatrischen Kriseninterventionseinrichtungen, die meist auf kurzfristige Lösung der äußeren Konflikte setzen.
Die Suizide in Hamburg sind im Jahr 2000 um 27 Prozent im Vergleich zu 1998 zurückgegangen. Zu dieser Entwicklung trägt auch die Öffentlichkeitsarbeit des TZS und anderer Hamburger Träger bei. Mit Veranstaltungen, wie der „Kulturwoche Suizidalität“, soll das gesellschaftliche Tabu gebrochen werden, das beim Thema Suizid immer noch besteht. Auch mit der Boulevardpresse in Hamburg besteht weitgehend Übereinstimmung darin, über Suizide nicht ausführlich und mit Bildern zu berichten. Denn empirische Untersuchungen haben gezeigt, dass Medienberichte über Suizide einen „Werther-Effekt“ haben können. Je detaillierter die Schilderung, desto wahrscheinlicher sind Nachahmertaten.
Aufgrund der Zurückhaltung der Presse gab es 2001 in Hamburg 50 Prozent weniger U-Bahn-Suizide als 1997, erklärte Wolfgang Ivens, Pressesprecher der Hamburger Hochbahn, die die Kampagne des TZS „Selbstmord kann jeden treffen“ auf den Info-Screens der U-Bahn unterstützte. Ivens wies darauf hin, dass der Suizidversuch auf den Gleisen „der sichere Weg in die Invalidität“ sei. Denn in den letzten Jahren konnte etwa die Hälfte der Betroffenen lebend geborgen werden.
Zur Prävention gehört auch das frühzeitige Erkennen der Suizidgefahr. Dr. med. Reinhard Lindner, Psychotherapeut und Psychiater am TZS, rät Hausärzten, ein „Gefühl für ihre Gefühle zu entwickeln“, das heißt, aufmerksam zu werden, wenn ein Patient „sie völlig gleichgültig lässt, sie von ihm nichts merken, während er erzählt“. Dann sollte sich der Arzt seinem Verdacht vorsichtig annähern, beispielsweise mit der Frage: „Ich habe den Eindruck, dass hier etwas Wichtiges nicht zur Sprache kommt.“ Suizidale seien meist erleichtert, über ihre Suizidfantasien sprechen zu können. Die mögliche Angst, durch das Ansprechen einen Suizid erst recht auszulösen, hält Lindner dagegen für unbegründet. Eine rein medikamentöse Behandlung hält er für „gefährlich“. Ärzte sollten außerdem nicht nur bei depressiven Patienten Suizidgefahr vermuten. Suizidalität brauche nicht unbedingt eine psychische Erkrankung im Hintergrund, auch wenn das Risiko dann höher sei. Als Risikogruppen gelten auch Alkoholiker, Medikamenten- und Drogenabhängige, vereinsamte und alte Menschen.
Besonders bei Männern ab dem 60. Lebensjahr steigt die Suizidrate erheblich an. Aber auch jede zweite Frau, die sich suizidiert, ist über 60. Die Gründe hierfür sieht Dr. med. Axel Heinemann, Institut für Rechtsmedizin des UKE, zum einen in der zunehmenden Vereinsamung und Isolation alter Menschen. Größer werde auch die Belastung durch Krankheit; viele suizidgefährdete Ältere hätten chronische Erkrankungen und Krebs im Hintergrund. Heinemann vermutet als Grund jedoch auch den „Rückgang suizidhemmender Normen“, das heißt, Suizid als Ausweg im hohen Lebensalter werde gesellschaftlich eher akzeptiert. „Die Wirkung dessen auf alte Menschen darf nicht unterschätzt werden.“ Die hohe Suizidrate im Alter sei nicht zuletzt eine Folge der geringen gesellschaftlichen Wahrnehmung und Aufmerksamkeit, die alten Menschen entgegengebracht werden. Petra Bühring

Informationen im Internet unter: www.suicidology.de und www.suizidprophylaxe.de
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