ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2002Lebendorganspende: Brisante Forderung

POLITIK: Medizinreport

Lebendorganspende: Brisante Forderung

Dtsch Arztebl 2002; 99(25): A-1727 / B-1460 / C-1360

Zylka-Menhorn, Vera

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LNSLNS Einige Transplantationsmediziner befürworten eine Erweiterung der Lebendorganspende – aus unterschiedlichen Gründen. Ob Spender einen „Bonus“ erhalten sollten, bleibt auch in Fachkreisen umstritten.

Eine umfassendere gesellschaftliche Diskussion über die Lebendorganspende in Deutschland hat der Leiter der Klinik für Allgemein- und Transplantationschirurgie des Universitätsklinikums Essen, Prof. Dr. med. Christoph E. Broelsch, anlässlich eines internationalen Symposiums in Essen gefordert. „Viele nierenkranke Patienten versterben, bevor sie transplantiert werden können, da die Zahl der Organspenden von hirntoten Patienten in Deutschland stetig zurückgeht“, so Broelsch. Die Lebendorganspende sei daher eine Möglichkeit, die Zahl der für Transplantationen zur Verfügung stehenden Organe zu erhöhen.
Tatsächlich ist man in Deutschland weit entfernt von einer bedarfsgerechten Versorgung der schwer nierenkranken Patienten. Zwischen der Zahl der Patienten, die pro Jahr neu auf die Transplantations-Warteliste genommen werden, und der Zahl der jährlich durchgeführten Nierentranplantationen besteht jeweils eine Differenz von 500 Anwärtern. So stieg die Warteliste im Zeitraum von 1990 bis 2000 von 6 945 auf 11 973 Patienten (Grafik). Für den einzelnen Patienten bedeutet dies, dass er durchschnittlich fünf Jahre auf eine Spenderniere warten muss – eine Zeitspanne, die den Betroffenen körperlich und seelisch stark belastet. „Und die dem Gesundheitssystem enorme Kosten aufbürdet, die durch Lebendspenden vermieden werden könnten“, sagte Broelsch in Essen.
Die diabetische Nephropathie ist eine der Hauptindikationen für eine Nierentransplantation. Foto: Aventis (Schauer, Göttingen)
Die diabetische Nephropathie ist eine der Hauptindikationen für eine Nierentransplantation. Foto: Aventis (Schauer, Göttingen)
Nach seinen Angaben erfolgen in den USA bereits mehr als 50 Prozent der Nierentransplantationen aufgrund von Lebendorganspenden. Zum Vergleich: Nach der aktuellen Statistik der Deutschen Stiftung für Organtransplantation (DSO) – sie organisiert die Organentnahme als gemeinschaftliche Aufgabe der Transplantationszentren und der 1 400 Krankenhäuser mit lntensivstationen, die nach dem Gesetz verpflichtet sind, verstorbene mögliche Organspender zu melden – hat der Anteil der Lebendspenden bei Nierentransplantationen zwar auch in Deutschland zugenommen, ist mit 15,6 Prozent aber noch weit von den amerikanischen Zahlen entfernt. Im Jahr 2000 wurden 346 Nierentransplantationen nach Lebendspende durchgeführt. Die Zahl der Lebendspenden für das vergangene Jahr liegt noch nicht vor, wird laut DSO aber etwa 400 Spenden erreichen.
Da in Deutschland eine Lebendorganspende nach dem Transplantationsgesetz nur zwischen direkten Verwandten und Verheirateten sowie zwischen Personen mit besonderer emotionaler Bindung zulässig ist (Textkasten), regt
Broelsch in Deutschland eine gesellschaftliche Diskussion über erweiterte Möglichkeiten der Lebendorganspende an, das gesamte Transplantationsgesetz will er jedoch nicht infrage stellen: „Aber“, so Broelsch, „dieses Gesetz kann man eng auslegen oder weiter.“ Broelsch befürwortet daher auch einen neuen Ansatz der Stiftung Eurotransplant (Leiden), die als zentrale Organvermittlungsstelle für Deutschland, Österreich, die Niederlande, Belgien, Luxemburg und Slowenien tätig ist.
Eurotransplant plant einen Organpool für Fälle, in denen die Bereitschaft zur Lebendspende innerhalb einer Familie (beispielsweise von der Mutter auf die Tochter) besteht, diese aber nicht infrage kommt wegen unterschiedlicher Blutgruppen, oder weil eine Abstoßung des Organs wahrscheinlich wäre. In diesem Fall würde die Mutter ihre Organspende dem Eurotransplant-Organpool überlassen. Im Gegenzug würde Eurotransplant der Tochter das nächste kompatible Organ aus dem Pool für eine Transplantation zur Verfügung stellen. Diese „Cross-over-Spende“ ist nach der deutschen Rechtsprechung nicht möglich.
Aus der „ökonomischen“ Sicht des Nobelpreisträgers für Wirtschaftswissenschaften von 1992, Prof. Gary S. Becker, fördert die Kluft zwischen Organangebot und -nachfrage die Entwicklung von Schwarzmärkten und Grauzonen. Es stelle sich daher die Frage, so Becker auf dem Essener Symposium, ob solchen Auswüchsen nicht gegengesteuert werden könnte. In den USA diskutiere man daher über die Möglichkeiten der Organspende zwischen nicht verwandten Spendern mit der Aussicht auf finanzielle Aufwandsentschädigungen.
Auch Broelsch kann sich durchaus vorstellen, Organspendern einen „Bonus“ zu gewähren, damit die Organspendezahlen wieder ansteigen. „Mit der Hoffnung auf Altruismus allein schaffen wir es nicht mehr, die Situation zu verbessern. Ich plädiere dafür, dass ein Organspender eine Anerkennung erhält. In welcher Form – darüber soll-
te die Gesellschaft diskutieren.“ Er schlägt zum Beispiel vor, dass jede Person, die eine Organspenderkarte unterschreibt, diese als Kopie dem Finanzamt einreichen könnte, um steuerliche Vergünstigungen geltend zu machen. Broelsch wehrt sich gegen Angriffe, mit dem Vorschlag indirekt den Organhandel zu fördern. „Ich will nur einen Denkanstoß geben“, sagte Broelsch dem Deutschen Ärzteblatt.
Für Prof. Dr. med. Martin Molzahn, Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Stiftung Organtransplantation, kommt dieser Vorstoß zum falschen Zeitpunkt. Für die Einführung einer „Bonusregelung“ müsse das Transplantationsgesetz geändert werden, das erst wenige Jahre in Kraft sei und sich in vielen Bereichen bereits jetzt als effektiv erweise. „Um Strukturen nachhaltig zu verbessern, brauchen wir Stabilität. Wer jetzt eine Novellierung des Transplantationsgesetzes betreibt, wird Schiffbruch erleiden“, sagte Molzahn.
„Wir leben vom Vertrauen . . .“
Kontroverse Themen der Transplantationsmedizin sollten zunächst in den geeigneten Gremien (zum Beispiel in der Bundes­ärzte­kammer und den Fachgesellschaften) erörtert werden und nicht in den Medien. „Es ist notwendig, dass wir auf diesem sensiblen Feld mit einer Stimme sprechen.Wir leben vom Vertrauen in den Krankenhäuser und der Bevölkerung. Beide müssen davon ausgehen können, dass in der Transplantationsmedizin alles mit rechten Dingen zugeht.“ Auch deshalb habe das Deutsche Rote Kreuz beispielsweise darauf verzichtet, Blutspendern Geld zu zahlen.
Prof. Dr. med. Walter Land, Leiter des Transplantationszentrums der Universität München, sieht medizinische und soziale Aspekte, weshalb die Lebendspende stärker diskutiert werden müsse: „Je kürzer die Zeit der Dialyse, desto besser sind die Langzeitergebnisse der Transplantation, und desto eher vermeidet man den Ausstieg des Patienten aus der Erwerbsfähigkeit.“
Zudem seien die Langzeitergebnisse der Nierentransplantation bei Lebendspende besser als bei postmortaler Spende: 85 Prozent der Nierentransplantate vom lebenden Spender sind auch nach fünf Jahren noch funktionstüchtig, bei der postmortalen Spende sind es 70 Prozent. Nach Aussage von Land sind in bisherigen Langzeitstudien keine Spätfolgen bei Nierenspendern beobachtet worden.
Auch das Transplantationszentrum in Düsseldorf sieht aufgrund positiver amerikanischer Publikationen eine Chance in der intensiven Förderung der Lebendnierentransplantation, vor allem bei Nicht-Verwandten. Diese Form der Lebendspende müsse jedoch besonders streng kontrolliert werden, da sie – wie die Erfahrungen im Ausland gezeigt haben – zum Organhandel missbraucht wird (www.blick-in-den-op.de). Danach gehen Experten davon aus, dass es gefälschte Bescheinigungen über Verwandtschaft gibt, wenn diese Voraussetzung zur Organspende ist.
Formal sind Lebendspender in Deutschland durch das Transplantationsgesetz abgesichert, doch fehlt in vielen Bereichen die praktische Umsetzung. Die Nachsorge der Spender ist nicht standardisiert und somit nach Ansicht von Experten unzureichend. Hier möchte die vor wenigen Monaten gegründete „Stiftung Lebendspende“ ansetzen, die sich für die Rechte und die Gesundheit von Menschen einsetzt, die eine Niere oder einen Teil ihrer Leber gespendet haben. Dr. med. Vera Zylka-Menhorn

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