ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2002Arzt-Patient-Beziehung aus christlicher Sicht: Nächstenliebe und Mitmenschlichkeit

THEMEN DER ZEIT

Arzt-Patient-Beziehung aus christlicher Sicht: Nächstenliebe und Mitmenschlichkeit

Dtsch Arztebl 2002; 99(25): A-1730 / B-1463 / C-1363

Nagel, Eckhard

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LNSLNS Arzt-Patient-Beziehung aus christlicher Sicht
Nächstenliebe und Mitmenschlichkeit
Das christliche Menschenbild ist geprägt von der Vorstellung, Kranksein
und Krankheit seien Teil eines Lebensvorganges. Das Heilen ist danach ein Akt, der dem Leben hilft, und nicht die Reparatur eines „Maschinendefektes“.

Auf ein christlich geprägtes Menschenbild geht die Gründung von Krankenhäusern, Betreuungsstationen, die Versorgung akut in Not Geratener, die Unterbrechung kriegerischer Handlungen zur Versorgung Verletzter und letztlich auch die tiefere Begründung für die Solidarität mit Kranken innerhalb einer Gesellschaft zurück. Das so genannte ärztliche Ethos bezieht sich auch heute noch gern auf seine hippokratische Tradition, die eine gewisse Rechtssicherheit im Vertragsverhältnis zwischen Arzt und Patient vermittelte und den medizinischen Handlungsauftrag mit der Pflicht verband, primär um das Wohl des Kranken bemüht zu sein und in jedem Fall für das Leben einzustehen. Der Gedanke der Hinwendung zum leidenden Menschen jedoch, der den Kranken nicht als Vertragspartner, den es sachgemäß und höflich zu behandeln gilt, sondern als Mitmenschen begreift, geht auf die christliche Tradition zurück.
Die Kernfrage nach der menschlichen Existenz lässt sich trotz aller wissenschaftlicher Fortschritte und aller intellektueller Fähigkeit nicht erkenntnistheoretisch erklären, stattdessen betrachtet man einen Ausschnitt. So dienen neue biologische Erkenntnisse als Mosaiksteine beim Ausfüllen der biochemischen und physiologischen Landkarte der Existenz. Sir John Eccles, Nobelpreisträger für Medizin und der wohl bekannteste Neurophysiologe des zurückliegenden Jahrhunderts, ist es zu verdanken, dass die Strukturen von Rückenmark, spinaler Ebene, Hirnstamm, Kleinhirn, Mittelhirn und Großhirnrinde heute ein funktionelles Bild ergeben, das viele Krankheiten im neurologischen Bereich besser erklären hilft. Eindrucksvoll ist sein Fazit nach fast 50-jähriger wissenschaftlicher Tätigkeit, in dem er feststellt, dass bei allen Erkenntnissen aus Experiment und Beobachtung, die Individualität des Einzelnen, der Kontext zwischen Geist und Psyche oder ein Hinweis für den Sitz der Seele im Körper nicht zu finden war. Auch 25 Jahre nach Eccles gibt es solche Hinweise nicht. Ebenso muss im Hinblick auf den Anfang und das Ende des menschlichen Lebens konstatiert werden, dass die Biologie nur einen Teilaspekt erklärt.
Mit dieser Feststellung ist keineswegs verneint, dass bestimmte Zeitpunkte in der Existenz des Menschen medizinisch definierbar sind. So ist ohne Frage die Bestimmung des Todeszeitpunktes aus naturwissenschaftlicher, erfahrungspsychologischer und letztlich gesellschaftlich konventioneller Begründung heraus möglich und heute auch mit dem eingetretenen Hirn- und Herztod festgelegt. Für die Frage nach dem Beginn des menschlichen Lebens ließe sich in Analogie die Verschmelzung von Ei und Samenzelle als Zeitpunkt benennen. Beide Zeitpunkte akzeptieren, dass sowohl vorher als auch nachher bestimmte biologische und darüber hinausgehende, nicht definierbare Prozesse stattfinden, die zum Anfang oder Ende des menschlichen Lebens gehören. Die Akzeptanz von spezifischen Zeitpunkten für das Ende oder den Anfang des Lebens bedeutet in sich nicht eine Biologiesierung oder Materialisierung der menschlichen Existenz.
Dennoch führt die zeitliche Fixierung des Lebensbeginns und des Lebensendes zu wichtigen Schlussfolgerungen für den Umgang mit dem Individuum. Besondere Beachtung ist der fraglichen Einheit oder Getrenntheit der geistigen beziehungsweise körperlichen Existenz entgegenzubringen. Wird beim Ausfall aller Hirnfunktionen von einem Auseinanderbrechen der körperlichen Koordination und geistigen Integration gesprochen und somit vom Ende des materiellen Lebens, bedeutet dies nicht, dass darin eine strenge Trennungslinie zwischen Körper und Geist zum Ausdruck kommt. Der Mensch ist aus christlicher Sicht ein von Gott geschaffener, eine geistlich leibliche, gewollte Daseinsform und verkörpert diese Einheit aus Geist und Materie. Gott steht der geistigen Dimension des Menschen in keiner Weise näher als der leiblichen. Der Schöpfungsglaube, davon überzeugt, dass alles, was Gott geschaffen hat, positiv bestimmt ist, konstituiert den Menschen als ein Individuum, das seinen Sinn in sich selbst trägt.
In diesem Sinne ist festzuhalten, dass das Leben eine langsame Geburt zum Leben darstellt. Das Leben entwickelt sich einem Ziel entgegen; alles ist dieser Prozesshaftigkeit unterworfen. Dass der Körper dabei ungeheure Potenziale des Ausgleichs und der Regeneration aufweist, gehört zum Wunder des Lebens: Aus der Vereinigung von Ei- und Samenzelle entsteht ein spezifisches Genom, in seiner Individualität einzigartig, zumindest in seiner endgültigen Ausprägung. Dieses Entwicklungspotenzial verlässt den Menschen in vielerlei Hinsicht nicht mehr und ist häufig die Grundlage therapeutischen Handelns, zum Beispiel im Hinblick auf die Regenerationsfähigkeit nach chirurgischen Eingriffen.
Während die Gesundheit heute Voraussetzung für das Bestehen in einer durch Konkurrenz gekennzeichneten sozialen Situation ist, kann das Verständnis dessen, was als Kranksein angesehen wird, sehr unterschiedlich ausfallen: In der kulturellen Vorstellung bedeutet Krankheit eine Störung übergreifender Art. Mit übergreifender Art ist gemeint, dass nicht nur die körperlichen Aspekte dazugehören, sondern, dass auch zum Beispiel seelische Momente eine wichtige Rolle spielen. Dass auch ökologische und soziale Faktoren krankheitsauslösend sein können, gehört schon zu den Erkenntnissen Rudolf Virchows. Der Hannoveraner Internist und Philosoph Fritz Hartmann unterscheidet zwischen dem homo patiens und homo compatiens. Als gesund charakterisiert er einen Menschen, der mit oder ohne nachweisbare Mängel seiner Leiblichkeit allein oder mithilfe anderer dazu fähig ist, seine persönlichen Anlagen und Lebensentwürfe so zu verwirklichen, dass er am Ende sagen kann: Dies war mein Leben, meine Krankheit, mein Sterben. Der homo compatiens – das Gegenüber in Pflege und Medizin – hat die Aufgabe, als Mitfühlender und Geduldiger dem Erleidenden und Erduldenden Hilfestellung zu geben.
So ist denn auch der erste Satz des Genfer Ärztegelöbnisses in Fortschreibung des hippokratischen Credos formuliert als: „Die Gesundheit des Patienten wird meine erste Sorge sein.“ Christus als Heilender, als derjenige, der sich den Entrechteten, den Hilflosen, den Kranken, Schwachen und Alten vordringlich zugewandt hat, hat dieses Prinzip neu begründet, hat aus dem Wohlwollenprinzip die Hinwendung zum leidenden Menschen geformt und damit ärztliches Handeln unveränderlich geprägt. Das begründende ethische Prinzip ist das der Nächstenliebe, so wie es sich in der Bergpredigt in der Formulierung findet: Alles nun, was Ihr wollt, dass Euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch! (Matthäus 7, 12). In der kritischen Philosophie Kants wird hieraus der kategorische Imperativ auch in der Formulierung dahingehend, dass man nach derjenigen Maxime handeln solle, von der man wolle, dass sie ein allgemeines Gesetz werde. Kant spricht von einer praktischen Notwendigkeit, die sich aus der Forderung der Vernunft ableitet. Sie ist Ausdruck der „Autonomie der praktischen Vernunft“ und zeigt die Freiheit des Einzelnen.
Nächstenliebe und Mitmenschlichkeit werden zu konstituierenden Elementen der menschlichen Existenz, zur Richtschnur medi-zinethischen Verhaltens und formen damit das Menschenbild in der Arzt-Patient-Beziehung. Die Medizin wird als Mittel, dem Nächsten zu dienen, gesehen. Ärztliche Therapiefreiheit im wohlverstandenen Sinne findet hier ihren Ursprung. Das Leben wird verstanden als ein Geschenk, nicht im Sinne eines einmaligen Aktes, sondern als ein sich immer wiederholender Prozess – wissend, dass naturgemäß der äußere Mensch verfällt, während, wie Paulus es beschreibt, der innere sich von Tag zu Tag erneuert: „Denn was sichtbar ist, dass ist vergänglich, das Unsichtbare ist ewig“ (2. Korinther 4,18).
Die Entwicklungen moderner Naturwissenschaften haben die Praxis des medizinischen Handelns bei Diagnose und Therapie grundsätzlich verändert. Die Frage aber stellt sich, ob sich dadurch der ärztliche Behandlungsauftrag oder gar das Bild des Patienten und des Arztes gewandelt haben. Die Diskussion um gentechnologische Entwicklungen, die Stammzellforschung oder die Präimplantationsdiagnostik stellen den vorläufigen Höhepunkt dieser Anfrage dar: Gibt es einen Wertewandel in den Rollen von Arzt und Patient?
Die so genannte Mechanisierung der ärztlichen Theorie und Praxis hat nicht mit Gentechnik und Stammzellforschung begonnen, aber sie steht in einem Zusammenhang mit dem engsten Forschritt medizinischer Wissenschaft und Technik: Was den Fortschritt getragen hat, hat auch die Gefährdung gebracht. Die Vorstellung, die Descartes nicht unwesentlich beeinflusst hat, nämlich, dass der Mensch als eine hoch differenzierte Apparatur zu verstehen sei, war und ist für das wissenschaftlich-medizinische Denken eine große Versuchung.
An den Grundprinzipien des Lebens verändert sich dadurch aber nichts. Die heute divergent diskutierten Darstellungen menschlichen Selbstverständnisses gehen auf eine andere Veränderung zurück: Francis Bacon und David Hume waren es, die eine zunehmend anthropozentrische Sichtweise des Denkens mit dem Empirismus einführten. Sie haben damit das bürgerliche Selbstverständnis und besonders auch das Selbstverständnis der angelsächsischen Wissenschaft nachhaltig geprägt. Die anthropozentrische Weltanschauung war die ideologische Selbstrechtfertigung des die Welt erobernden, die Natur ausbeutenden und sich selbst in eine Gott ähnliche Position befördernden europäischen Mannes des 19. und 20. Jahrhundert.
Dies gilt auch sicher für das kontinental europäische Denken und hat auch in den kirchlichen Überlegungen der damaligen Zeit bisweilen Rückhalt gefunden. Aber die Diskrepanz zu der Weltanschauung, die den Menschen nicht im Mittelpunkt, sondern als Teil eines Ganzen sieht, hat sich nachhaltig verfestigt. Danach hat jeder Mensch und auch jedes Lebewesen in der Natur sein Lebensrecht ganz unabhängig von seiner Tüchtigkeit, seiner Gesundheit und Konkurrenzfähigkeit. Das christliche Menschenbild ist geprägt durch die Vorstellung, Kranksein und Krankheit seien Teil eines Lebensvorganges und das Heilen ein Akt, der dem Leben hilft, nicht die Reparatur eines Maschinendefektes.
Es gehört wohl zu den tiefen evangelischen Einsichten, dass Gott selbst an der Geschöpflichkeit des Menschen leidet und dass sich seine Schöpferkraft in der Unerschöpflichkeit seiner Leidensfähigkeit zeigt. So paradox dies manchmal für Andersgläubige sein mag: Gottes Leidenskraft ist Zeichen seiner Stärke. Damit wird er wahrhaftig zum Ebenbild unserer Patientinnen und Patienten. Gott ist Schöpfer und Erlöser zugleich. Er ist frei und befähigt den Menschen zur Freiheit, er verpflichtet ihn dazu. Freiheit bedeutet nicht Autonomie, so wie Kant es in seiner kritischen Philosophie verstanden hat. Aber auch der autonome Mensch findet zu den göttlichen Geboten in der unbedingten Geltung der sittlichen Gesetze. Ohne eine moralische Identität, ohne die Befolgung des kategorischen Imperatives wäre Handlung gleich Mechanik. Die Freiheit und die Würde des Menschen setzen Grenzen für Handeln und Forschen. Diese Grenzen sind maßgeblich, weil sie den Menschen schützen und ihm gleichzeitig vollen Respekt entgegenbringen.
Das Neue Testament hat zu einer Überwindung der Opferrituale geführt. Es wird danach eine Form menschlicher Lebensbewältigung ermöglicht, die darauf verzichtet, Lebensgewinn und Angstreduktion durch Ausgrenzung und Ausnutzung anderer zu erlangen. Trotz schlimmer Grausamkeit der (Kirchen-)Geschichte ist dieses Grundverständnis doch wach geblieben. Frühformen des menschlichen Lebens zu nutzen, um potenzielle Heilungschancen zukünftiger Patienten zu verbessern, erscheint in diesem Kontext als ein Rückfall in ein Verständnis, das Opfer für die Bewältigung der Ängste für nötig erachtet. Dass dazu unter Umständen weder Eltern noch Vormünder, geschweige denn wissenschaftlich Interessierte berechtigt sind, hat der Göttinger Philosoph Günter Patzig formuliert: Es besteht die Pflicht, Interessen der Schutzbefohlenen wahrzunehmen, und es besteht ein Verbot, das anvertraute Leben aufzuopfern oder unter Gemeinschaftsinteressen aufzugeben. Deshalb sei es legitim, unter Umständen wissenschaftlichen Fortschritt einzuschränken, zumindest jedoch eine Verlangsamung des Fortschritts in Kauf zu nehmen.

zZitierweise dieses Beitrags:
Dtsch Arztebl 2002; 99: A 1730–1732 [Heft 25]

Anschrift des Verfassers:
Prof. Dr. med. Dr. phil. Eckhard Nagel
Direktor des Instituts für Medzinmanagement
und Gesundheitswissenschaften
Universität Bayreuth, 95440 Bayreuth
E-Mail: eckhard.nagel@uni-bayreuth.de

Leiter des Transplantationszentrums
Klinikum Augsburg, 86156 Augsburg
E-Mail: eckhard.nagel@klinikum-augsburg.de
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