ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2002Anti-Reflux-Kampagne war und ist ein großer Erfolg: Kommentar aus der Sicht des Pathologen Manfred Stolte

MEDIZIN: Editorial

Anti-Reflux-Kampagne war und ist ein großer Erfolg: Kommentar aus der Sicht des Pathologen Manfred Stolte

Dtsch Arztebl 2002; 99(25): A-1748 / B-1481 / C-1379

Stolte, Manfred

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LNSLNS Die Anti-Reflux-Kampagne hat in Deutschland nicht zu einer „erheblichen Verunsicherung der Bevölkerung“ geführt, wie Eckardt berichtet. Im Gegenteil: Durch diese Kampagne ist es zu einer erheblichen Verbesserung der Qualität der Diagnostik und Therapie gekommen. Daraus resultieren nicht „Verängstigung“ oder „Verunsicherung“, sondern mehr Sicherheit und mehr Lebensqualität.
Steigende Rate diagnostizierter Barett-Frühkarzinome
Noch vor zehn Jahren haben Pathologen die Barrett-Karzinome fast ausschließlich in fortgeschrittenen Stadien diagnostiziert. Die 5-Jahres-Überlebensrate dieser Patienten war deshalb mit 7 bis 20 Prozent sehr schlecht. In den letzten Jahren hat sich – auch und besonders durch die Anti-Reflux-Kampagne – die endoskopisch bioptische Frühdiagnostik der Neoplasien im Barrett-Ösophagus aber erheblich verbessert. Wohl auf keinem anderen Gebiet der Gastroenterologie haben die endoskopierenden Kollegen eine derartig positive „Lernkurve“ erzielt.
Während noch vor wenigen Jahren bei der gastroösophagealen Refluxkrankheit kaum biopsiert wurde, auch wenn endoskopisch Barrett-Zungen vorlagen, wird diese Region des Gastrointestinaltrakts jetzt viel aufmerksamer untersucht und biopsiert. Und während noch vor wenigen Jahren sehr selten Vorsorgeuntersuchungen bei Patienten mit Barrett-Ösophagus durchgeführt wurden (2), ist in den letzten drei Jahren ein deutlicher Anstieg dieser Untersuchungen zu verzeichnen.
Im Gegensatz zu relativ schlechten Ergebnissen der endoskopisch bioptischen Diagnostik des Barrett-Ösophagus Ende der 90er-Jahre (5) entdecken die endoskopierenden Ärzten mit den verbesserten Methoden der hochauflösenden Videoendoskopie, Chromoendoskopie und Vergrößerungsendoskopie immer mehr suspekte Minimalveränderungen (4) die gezielt biopsiert werden. Dies ist der Grund dafür, dass die Rate der diagnostizierten Frühkarzinome unter allen Barrett-Karzinomen im Untersuchungskollektiv des Autors von Jahr zu Jahr gestiegen ist und im Augenblick bei circa 50 Prozent liegt.
Daraus resultiert ein weiterer erheblicher Fortschritt: die endoskopische Therapie dieser frühen Neoplasien ohne „große Operation“ mit ihrer relativ
hohen Letalität und Morbidität. So hat die eigene Arbeitsgruppe bisher schon mehr als 500 endoskopische Mukosaresektate mit frühen Barrett-Neoplasien aus mehreren deutschen gastroenterologischen Zentren untersucht. Zurzeit werden der Bayreuther Arbeitsgruppe am Institut für Pathologie täglich 3 bis 6 endoskopische Mukosaresektate von frühen Neoplasien im Barrett-Ösophagus übersandt. Auf dem Gebiet der Frühdiagnostik und -therapie der Barrett-Neoplasien ist Deutschland derzeit weltweit mit großem Abstand führend. Die im nächsten Jahr zu erwartenden Publikationen über die 5-Jahres-Ergebnisse der endoskopischen Therapie werden zeigen, dass diese Behandlung in Zukunft die Therapie der Wahl bei den intraepithelialen Neoplasien und den auf die Mukosa beschränkten Barrett-Frühkarzinomen werden wird.
Richtig ist, dass die Barrett-Karzinome im Vergleich zu anderen Karzinomen noch relativ selten sind. Der Anstieg der Häufigkeit dieser Karzinome ist aber beängstigend. In den USA ist dieses Karzinom mittlerweile häufiger als das Magenkarzinom. Auch in eigenen Untersuchungen werden an manchen Tagen mehr Barrett-Karzinome diagnostiziert als Magenkarzinome, deren Häufigkeit in den letzten Jahren kontinuierlich abnimmt. Ob die von Eckardt als relativ gering eingestufte Karzinomgefährdung bei Patienten mit Barrett-Ösophagus für Deutschland gilt, ist zu bezweifeln. Im eigenen Register mit mehr als
6 000 Barrett-Patienten liegt die Karzinomhäufigkeit bei 10 Prozent. Selbst beim Short-Barrett-Ösophagus hat die eigene Arbeitsgruppe in einer gerade abgeschlossenen 5-Jahres-Follow-up-Studie bei 6,9 Prozent von 246 Patienten die Entwicklung eines Barrett-Karzinoms nach durchschnittlich 45,7 Monaten gefunden.
Screening und Vorsorge verbessert Überlebensrate
Warum soll man warten, bis die Zahl der Barrett-Karzinome so hoch ist wie die der Kolonkarzinome, bevor man über Screening und Vorsorge nachdenkt? Im Gegensatz zum Kolonkarzinom und Mammakarzinom kann man von einem Leitsymptom – dem Sodbrennen – ausgehen, den Patienten mit den von Eckardt zitierten Daten nicht „verängstigen“, sondern beruhigen, ihn aber endoskopisch bioptisch untersuchen. Nur die relativ kleine Gruppe mit dadurch entdecktem Barrett-Ösophagus wäre dann in ein Vorsorgeprogramm aufzunehmen. Dass derartige Programme auch zu einer verbesserten Überlebensrate von Barrett-Karzinom-Patienten führen können, ist kürzlich erst wieder in einer amerikanischen Studie gezeigt worden (1).
Zwei Kasuistiken der letzten Wochen zeigen, was richtig und was falsch ist. Bei einem Patienten wurde 1993 ein Barrett-Ösophagus diagnostiziert und eine regelmäßige endoskopisch bioptische Vorsorgeuntersuchung empfohlen. Diese Empfehlung ist nicht eingehalten worden, jetzt hat der Patient ein fortgeschrittenes inoperables Barrett-Karzinom. Die andere Kasuistik betrifft den Autor selbst. Vor Jahren trat gelegentliches Sodbrennen auf. Anlässlich einer Vorsorge-Koloskopie wurde deshalb auch der obere Gastrointestinaltrakt untersucht. Dabei wurden drei bis maximal 1,5 cm lange Barrett-Zungen diagnostiziert und biopsiert. Histologisch wurde in einem von 8 Biopsiepartikeln eine geringgradige intraepitheliale Neoplasie diagnostiziert. In Kürze ist daher die endoskopische Mukosaresektion dieses Herdes mit anschließender Argon-Plasma-Koagulation der restlichen Barrettschleimhaut (3) vorgesehen.
Schon die Helicobacter-Kampagne, die von Eckardt seinerzeit ebenfalls stark kritisiert wurde, hat zu historischen Fortschritten in der Medizin geführt. Gleiches zeichnet sich bei der Anti-Reflux-Kampagne ab. Die Verbesserung der endoskopisch bioptischen Frühdiagnostik im Barrett-Ösophagus ist jedoch begeisternd. Nicht Verunsicherung, Verängstigung und Resignation („das Glas ist halbleer“) sondern positiver Optimismus („das Glas ist halbvoll“) sind angezeigt, wie bei der Anti-Helicobacter-Kampagne jetzt auch bei der Anti-Reflux-Kampagne.

Manuskript eingereicht: 22. 4. 2002, angenommen: 23. 4. 2002

zZitierweise dieses Beitrags:
Dtsch Arztebl 2002; 99: A 1748–1750 [Heft 25]
Literatur
1. Corley DA, Levin TR, Habe LA, Weiss NS, Buffler PA: Surveillance and survival in Barrett’s adenocarcinomas: a population-bases study. Gastroenterology 2002; 122: 633–640.
2. Grunewald M, Vieth M, Kreibich H, Bethke B, Stolte M: The status of diagnosis of Barrett’s esophagus. An analysis of 1000 histologically diagnoses cases. Dtsch Med Wochenschr 1997; 122: 427–431.
3. Schulz H, Miehlke S, Anto D, Schentke KU, Vieth M, Stolte M, Bayerdörffer E: Ablation of Barrett’s epithelium by endoscopic argon plasma coagulation in combination with high-dose omeprazole. Gastrointest Endos 2000; 53: 259–262.
4. Stolte M, Vieth M: Fondement histopathologique des modifications de la muqueuse oesophagienne. Ce que l’endoscopiste peut (et doit) voir. Acta Endoscopica 2001; 31: 125–129.
5. Vieth M, Stolte M: Barrett’s mucosa. Barrett’s dysplasia and Barrett’s carcinoma: diagnostic endoscopy without biopsy-taking does not suffice. Dis Esophagus 2000; 13: 24–27.

Anschrift für die Verfasser:
Prof. Dr. med. Manfred Stolte
Institut für Pathologie
Klinikum Bayreuth
Preuschwitzer Straße 101
96445 Bayreuth
E-Mail: pathologie.klinikum-bayreuth@t-online.de

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