ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2002Über modernen Heilmittelschwindel: In 15 Minuten eine Schönheit

VARIA: Feuilleton

Über modernen Heilmittelschwindel: In 15 Minuten eine Schönheit

Dtsch Arztebl 2002; 99(25): A-1772 / B-1498 / C-1396

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Der Autor dieses Textes aus dem Jahr 1910, Prof. Dr. H. Thoms, Berlin-Steglitz, war Direktor des Pharmazeutischen Instituts der Universität. Thoms hat unter anderem Bemerkenswertes zur Geschichte der Produktion von Pharmaka publiziert.


Mundus vult decipi, ergo decipiatur! Skrupellose Arzneimittelfabrikanten haben sich dieses Wortes in Bezug auf den Vertrieb neuer Arzneimittel und die Empfehlung neuer Heilmethoden des Öfteren bedient. Und wie ein Heuschreckenschwarm ergießt sich denn auch das Heer neuer „Heilmittel“ über das Volk. Nur wenig Brauchbares und die wissenschaftliche Erkenntnis Förderndes sind darunter, desto mehr aber allerlei zweckloses Anorganisches und Organisches aus dem Gebiet der Chemie. Wohl selten hat sich im Laufe der Jahrhunderte das Kurpfuschertum so breit gemacht wie heutzutage, aber selten wohl auch fand es ein so leichtgläubiges und aufnahmebereites Publikum wie das unserer Zeit. (...) Dem Laien fehlt natürlich das Augenmaß dafür, was reelle chemische Fabriken an einwandfreien Präparaten auf den Markt bringen und durch Ärzte befürworten lassen, oder was den Stempel des Schwindels auf der Stirn trägt.
Es gibt kein Leiden, keine Krankheit, kein Unbehagen, gegen welches moderne Heilmittelfabrikanten nicht ein Kräutlein hätten wachsen lassen oder ein Tablettlein geformt hätten. Gegen Tuberkulose, Magen- und Darmkrankheiten, Asthma, Bronchitis und Keuchhusten, gegen Migräne, Rheumatismus, Harn- und Blasenleiden, gegen Dyspepsie und rote Nasen, Flechten und Fettleibigkeit, Zuckerkrankheit und Epilepsie, gegen Hämorrhoiden und Furunkel und was der menschlichen Gebrechen mehr sind, finden sich in angesehenen Tageszeitungen zu Hunderten Anpreisungen von Mitteln, nach denen der Kranke oder der durch Krankheitsbeschreibungen ängstlich gemachte wie nach einem Hoffnungsanker greift. (...)
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Bedenken erregen die Anerbietungen von Mitteln zur Vergrößerung des weiblichen Busens. Anpreisungen dieser Art in unzähligen Varianten kann man in den gelesensten Tageszeitungen finden. Nährpulver werden empfohlen, um „üppigen Busen und volle Körperform“ zu erlangen. Nach dem Gebrauch von einem dieser Mittel heißt es: „Die Brust wölbt sich und schwillt zu vollendeter Rundung. Wie durch Feenhände hervorgebracht! In 15 Minuten eine Schönheit.“ Als „einzig sicher wirkende“ Mittel werden „japanische Busencreme und Busenwasser“ empfohlen. Büstenwasser, Busenbalsam, Busenrestaurator sind Grazinol, Büsteria – einige Namen für „Busenmittel“, für die es gewiss an Absatz nicht fehlt. Zu den betrügerischen Arzneimitteln gehören die stetig unter neuen Namen auftauchenden Mittel gegen die Trunksucht. Mir in letzter Zeit aus London zwecks Untersuchung zugesandte Präparate dieser Art bestanden im Wesentlichen aus Natriumbikarbonat, das mit etwas ätherischem Öl parfümiert war.
Man fragt sich erstaunt, wie es möglich ist, dass in unserem aufgeklärten naturwissenschaftlichen Zeitalter so ein starkes Überwuchern des Heilmittelschwindels eintreten konnte. Die Strafgesetze versagen vielfach und können dem rapid um sich greifenden Übel der Überflutung des Volkes mit „Heilmitteln“, durch deren Anpreisungen falsche Tatsachen vorgespiegelt werden, nicht steuern. Die Gesetzgebungsmaschine auf diesem Gebiet arbeitet langsam. Das für Deutschland vorgesehene, im Entwurf vorliegende Kurpfuschereigesetz, welches, wenn auch nur in bescheidenem Maß, Wandel zu schaffen verspricht, harrt noch seiner Durchberatung im Reichstag. Die warnenden Stimmen der Fachleute, besonders auch der Ärzte, verhallen wie im Wind. Ja, man kann nicht leugnen, dass die Ärzte die Abstellung der auf dem Heilmittelmarkt beobachteten Übelstände vielfach dadurch erschweren, dass die Vertreter der Schulmedizin ihre Ordinationen nicht mehr individuell gestalten, sondern sich nicht gar selten auch der fertig abgepackten Arzneiformen, der so genannten Spezialitäten, für die Krankenbehandlung bedienen. (...)
Der Arzt ist nun zwar in der Regel in der Lage, zwischen einem reellen Arzneimittel, auch wenn es sich in einer besonderen Zubereitung befindet, und einem Geheim- beziehungsweise Schwindelmittel zu unterscheiden, der Laie kann dies jedoch nicht. Es liegt daher im Interesse einer ordnungsgemäßen Arzneimittelversorgung des Vol-
kes, dass dieses den vielfach schwindelhaften Anpreisungen der Heilmittel in der Tagespresse nicht blindlings Glauben schenkt, sondern sich wieder mehr des Rates und der Hilfe der Schulmedizin, des Arztes, bedient. (...)


Dieser Text erschien in der „Naturwissenschaftlichen Wochenschrift“, Neue Folge, 9. Band, 1910, S. 11 f. Gesammelt wurde er von Hans-Joachim Maes.

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