ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2002Kunst und Psyche: Verehrer der Frauen

VARIA: Feuilleton

Kunst und Psyche: Verehrer der Frauen

Dtsch Arztebl 2002; 99(25): A-1773 / B-1499 / C-1397

Kraft, Hartmut

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LNSLNS Mit ihrer zarten Strichelung, die eine lebendige, manchmal auch unruhige Flächenstruktur ergibt, zeigen die Bilder von Josef T. bereits auf den ersten Blick einen eigenen Stil. Unverwechselbar waren auch seine Themen. Stets zeichnete er sorgfältig bis aufwendig gekleidete Damen. Auf seinen Bildern erscheinen sie geschminkt und tadellos frisiert. Ohrringe und Halsketten, die manchmal an wertvolle Colliers erinnern, durften nicht fehlen. Als Josef T. einmal eine Zeichnung mit mehreren Engeln anfertigte, waren auch diese eindeutig weiblichen Geschlechts – und barbusig. Frauen, oder die Beziehung zum weiblichen Geschlecht, waren sein Thema.
Mit seinen 85 Jahren war der pensionierte Beamte ein gern gesehener Gast in der Beschäftigungstherapie. Er war stets freundlich und zuvorkommend in den Umgangsformen. Sein Allgemeinzustand war altersentsprechend gut, psychische Auffälligkeiten bestanden nicht – es sei denn, man wollte in seinem Interesse an Frauen eine Minderung der Selbstkritik oder eine beginnende Enthemmung sehen. Die stationäre Aufnahme in die psychiatrische Klinik war aus sozialen Gründen erfolgt, da seine Ehefrau behandlungsbedürftig geworden war und er den Haushalt nicht alleine führen konnte oder wollte.
„ohne Titel“, Bleistift und Filzstifte auf Papier, 29,5 cm x 42 cm, unsigniert, undatiert (1982). Foto: Eberhard Hahne
„ohne Titel“, Bleistift und Filzstifte auf Papier, 29,5 cm x 42 cm, unsigniert, undatiert (1982). Foto: Eberhard Hahne
Herr T. begann erstmalig mit 85 Jahren in der Beschäftigungstherapie zu zeichnen. Er fertigte relativ rasch eine größere Zahl von Zeichnungen an, die er – mit Missbilligung seiner Ehefrau – an Mitarbeiterinnen der Klinik verschenkte. So ist auf der abgebildeten Zeichnung das übergroße Ohr der linken Dame am ehesten als dasjenige der aufmerksam lauschenden Ehefrau zu interpretieren. Freundliche Blicke und vor allem seine Versuche, sich mit einer der Therapeutinnen zu verabreden, wurden von seiner Frau unterbunden. Allerdings gelang es ihm, das Konvolut seiner Zeichnungen zum Abschluss des stationären Aufenthalts der verehrten Therapeutin zu schenken.
Zu Recht kann angesichts der Bilder die Vermutung geäußert werden, dass bei entsprechender eigener Motivation ein ästhetisch beachtenswertes Alterswerk hätte entstehen können. Für den lebenslustigen Josef T. schienen derartige Sublimierungen jedoch nur von untergeordneter Bedeutung zu sein. Hartmut Kraft
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