ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2002Thromboseprophylaxe: Fondaparinux-Natrium besitzt großes Potenzial

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Thromboseprophylaxe: Fondaparinux-Natrium besitzt großes Potenzial

Nickolaus, Barbara

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Beginn einer Thrombusbildung: Die Blutplättchen lagern sich als kugelige Partikel in ein Fibringerüst ein. Foto: Editiones Roche
Beginn einer Thrombusbildung: Die Blutplättchen lagern sich als kugelige Partikel in ein Fibringerüst ein. Foto: Editiones Roche
Rund eine Million chirurgische Eingriffe im Bereich der Kniegelenkendoprothetik, Hüftendoprothetik und Schenkelhalsfraktur erfolgen jährlich in Europa. Aufgrund des kontinuierlichen Anstiegs des Durchschnittsalters der Bevölkerung nimmt die Zahl dieser Operationen pro Jahr um bis zu vier Prozent zu. Gerade bei diesen unfallchirurgischen und orthopädischen Operationen ist das Risiko thromboembolischer Komplikationen hoch. Ohne Prophylaxe liegt es bei mehr als 80 Prozent. Patienten, die ein niedermolekulares Heparin als Prophylaxemaßnahme erhielten, entwickelten nach der chirurgischen Versorgung der Schenkelhalsfraktur in 24 Prozent und nach der Kniegelenkendoprothetik in 34 Prozent der Fälle eine tiefe Beinvenenthrombose. Tödliche Lungenembolien traten in circa ein Prozent auf.
Mit dem Wirkstoff Fondaparinux-Natrium (Arixtra®), den Sanofi-Synthelabo und Organon gemeinsam entwickelten, wird eine wesentliche Risikominimierung für Patienten nach Knie- und Hüftersatzoperationen sowie Eingriffen nach Schenkelhalsfraktur möglich sein. Auf dem Einführungs-Symposium in Berlin erklärte Dr. Rupert Bauersachs (Frankfurt/Main), mit Fondaparinux stehe erstmals ein selektiver Hemmstoff des Faktors Xa – dem zentralen Gerinnungsfaktor innerhalb der Gerinnungskaskade – zur Verfügung.
Eingriff in zentralen Punkt der Gerinnungskaskade
Dabei handelt es sich um eine vollsynthetische Verbindung (Pentasaccharid), die an Antithrombin bindet. Antithrombin gilt als wirksamster, im Blut zirkulierender, gegen Faktor Xa gerichteter Gerinnungshemmer. Diese natürliche Hemmung von Faktor Xa durch Antithrombin vermag Fondaparinux um den Faktor 300 zu steigern und greift somit selektiv und effektiv am zentralen Punkt der Gerinnungskaskade ein, um Thrombenbildung und -wachstum zu hemmen.
Bei dieser neuen Klasse von Antithrombotika gibt es durch die vollsynthetische Herstellung zusätzliche Vorteile, zum Beispiel verbesserte Standardisierbarkeit, hohe Chargenstabilität und – wegen des Fehlens eines tierischen Ursprungs – auch kein Risiko einer eventuellen Kontamination.
Das pharmakokinetische Profil von Arixtra – subkutan appliziert – erlaubt es erstmals, auf die in Europa übliche Praxis der präoperativen, venösen Thromboembolieprophylaxe zu verzichten. In den USA wird eine Prophylaxe mit niedermolekularem Heparin postoperativ zweimal täglich bei insgesamt höherer Tagesdosierung durchgeführt.
Arixtra ist zu 100 Prozent bioverfügbar. Die antithrombotische Wirkung setzt nach circa 25 Minuten ein und hält etwa 24 Stunden an. Insofern ist es ohne Risiko postoperativ, einmal täglich, für alle Patienten in einer Standarddosierung von 2,5 mg ohne eine individuelle Dosierungsanpassung (Alter, Körpergewicht, OP-Dauer), anwendbar.
In vier Phase-III-Studien wurden international mehr als 7 300 Patienten einbezogen. In der Ephesus-Studie (2 373 Patienten mit Hüftgelenkersatz) erhielten die Patienten Fondaparinux 2,5 mg postoperativ beziehungsweise das niedermolekulare Heparin Enoxaparin 40 mg bei präoperativem Start, erklärte der Unfallchirurg Prof. Hans-Georg Breyer (Berlin). Zur Kontrolle wurde bei jedem Patienten eine Phlebographie durchgeführt. 122 Patienten erfuhren bis zum elften Tag ein venöses Thromboembolieereignis (VTE), davon 37 Patienten (4,1 Prozent) in der Fondaparinux-Gruppe und 85 Patienten (9,2 Prozent) in der Enoxaparin-Gruppe.
Eine gleichermaßen hohe Effizienz der neuen Substanzklasse ergab sich auch aus der Penthifra-Studie (Fondaparinux versus Enoxaparin bei Patienten mit hüftgelenknahen Femurfrakturen, eine Kontroll-Phlebographie). Hier traten VTE-Ereignisse bis zum elften Tag in der Enoxaparin-Gruppe bei 119 Patienten (19,1 Prozent) beziehungsweise Fondaparinux-Gruppe bei 52 Patienten (8,3 Prozent) auf. Auch hier lag mit 56 Prozent die signifikante Überlegenheit von Fondaparinux in der Reduktion von venösen Thromboembolien bei Hüftfraktur vor. Die Verträglichkeit beider Substanzen war gleichartig gut.
Zu den beiden doppelblinden randomisierten Studien „Pentamaks und Pentathlon 2000“ erklärte der Orthopäde Dr. Stefan Habisreutinger (Frankfurt/Main), dass Patienten mit elektiver Knie- beziehungsweise Hüftoperation einbezogen wurden. Die untersuchten, phlebographisch kontrollierten Post-op-Gruppen erhielten 2,5 mg Fondaparinux einmal täglich beziehungsweise post-operativ 30 mg Enoxaparin zweimal täglich. Auch hier lag die Risikominderung thromboembolischer Ereignisse ebenfalls bei über 50 Prozent in der Fondaparinux-Gruppe
Dr. Wiebke Gogarten (Münster) ging auf das kontrovers diskutierte Thema des Einsatzes von Antithrombotika und spinaler beziehungsweise epiduraler Anästhesie oder Spinalpunktion ein. Zwar treten spinale/epidurale Hämatome sehr selten auf, seien aber bei Patienten, die zusätzlich mit Antikoagulanzien behandelt werden, nicht gänzlich auszuschließen. Eine engmaschige Kontrolle der Patienten müsse daher stets gewährleistet werden.
Potenzial nicht erschöpft
Prof. Harry Büller (Amsterdam) erläuterte, dass die derzeitig zugelassenen Indikationen für Fondaparinux das Potenzial dieser neuen Substanzklasse keineswegs erschöpften. Eine Indikationserweiterung sei absehbar, etwa bei der Initialbehandlung der akuten symptomatischen Lungenembolie, bei Hochrisikopatienten in der Abdominalchirurgie oder in der Kardiologie beim akuten Koronarsyndrom.
Dr. Barbara Nickolaus
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