ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2002Anonyme Geburten: Schutz vor Missbrauch

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Anonyme Geburten: Schutz vor Missbrauch

Richter, Eva A.

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LNSLNS Das Gesetz zur Regelung anonymer Geburten wird nicht mehr wie geplant in dieser Legislaturperiode verabschiedet. Und das ist auch gut so. Die Initiatoren des Entwurfs haben den interfraktionellen Antrag zurückgezogen. Zu groß war die Kritik; zu viele Änderungen hätten noch eilig eingebracht werden müssen.
Zweifellos, die Gesetzesinitiative ist gut gemeint. Doch es geht um mehr als den humanitären Wunsch, Babys das Leben zu retten, die ansonsten in Parks oder auf der Müllkippe „entsorgt“ werden, und Müttern eine anonyme Geburt unter hygienischen Bedingungen zu garantieren. Die Verabschiedung eines Gesetzes, das die anonyme Geburt in Deutschland legalisiert, ist eine Entscheidung über gesellschaftliche Werte.
Wenn die anonyme Geburt und die unwiderrufliche Trennung von Mutter und Kind gesetzlich legitim und gesellschaftlich gebilligt sind, wird auch die Hemmschwelle zu einem solchen Schritt sinken. Ob und wie viele Kinder durch ein solches Gesetz gerettet werden, ist nicht abzusehen. 40 Babys werden derzeit jährlich in Deutschland ausgesetzt, die Hälfte davon überlebt.
Leichtfertig wird sich keine Mutter von ihrem ausgetragenen Kind trennen. Es ist aber zu befürchten, dass die Zahl der Findelkinder zunimmt, weil Väter, Eltern oder auch Zuhälter stärkeren Druck auf die Frau ausüben, das Kind anonym abzugeben. Es besteht die Gefahr, dass der Kinderhandel von dem Gesetz profitiert, wenn dieses nicht strenge Kontrollen vorschreibt und die Rettungs- von den Adoptionsstellen trennt. Traumatisierend für Kinder wäre zudem die Unkenntnis der eigenen Abstammung, kritisieren Adoptionsexperten. Das Gesetz würde ein grundlegendes Recht eines Kindes aufheben.
Alternativen zur gesetzlichen Legitimierung der anonymen Geburten gibt es schon jetzt. Eine Frau, die sich nach der Geburt ihres Kindes überfordert fühlt, kann dieses zur Adoption freigeben – nach einer Beratung und einer angemessenen Bedenkfrist.
Dr. med. Eva A. Richter
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