ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2002Schwangerenberatung: Scharfe Kritik an BGH-Urteil

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Schwangerenberatung: Scharfe Kritik an BGH-Urteil

Dtsch Arztebl 2002; 99(26): A-1784 / B-1508 / C-1408

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Schelte für den BGH: Urteil propagiert den Menschen nach Maß. Foto: dpa
Schelte für den BGH: Urteil propagiert den Menschen nach Maß. Foto: dpa
Ärztin muss Unterhalt für schwerstbehindertes Kind zahlen.
Der Bundesgerichtshof (BGH) hat den Eltern eines körperlich schwerstbehinderten Jungen Schadenersatz wegen eines Diagnosefehlers der Gynäkologin in der Schwangerschaft zugebilligt. Der zwischen der Schwangeren und der Frauenärztin geschlossene Beratungsvertrag habe „auch die Pflicht zur Beratung über die erkennbare Gefahr einer Schädigung der Leibesfrucht mit umfasst,“ heißt es in dem Urteil vom 18. Juni. Die Eltern hatten geltend gemacht, dass die Gynäkologin in elf Ultraschalluntersuchungen bis zur 20. Schwangerschaftswoche die Fehlbildungen nicht erkannt habe. Bei Wissen um die Behinderung hätte die Mutter das Kind abtreiben können. Die in diesem Fall angewendete Regelung der medizinischen Indikation enthalte – anders als die frühere embryopathische Indikation – keine zeitliche Befristung. Die Mutter erhält neben Schadenersatz auch Schmerzensgeld in Höhe von 10 000 Euro, weil sie seit der Geburt des Sohnes an einer Depression leidet.
Behindertengruppen und die Bundes­ärzte­kammer (BÄK) haben das Urteil heftig kritisiert. BÄK-Präsident Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe sagte: „Durch die Entscheidung des BGH haben diejenigen Recht bekommen, die den Menschen nach Maß propagieren.“ Besonders bedenklich sei, dass gerade die Regelungen zum Schwangerschaftsabbruch, die geändert worden seien, um eine Selektion behinderten Lebens zu verhindern, nun als Instrument zur Aussonderung menschlichen Lebens missbraucht würden. Dieses Verständnis von Beliebigkeit menschlichen Lebens stehe im krassen Gegensatz zum ärztlichen Berufsethos und den Wertvorstellungen einer humanen Gesellschaft.
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