ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2002Betriebliche Gesundheitspolitik: Die Qualität der Arbeit verbessern

POLITIK

Betriebliche Gesundheitspolitik: Die Qualität der Arbeit verbessern

Dtsch Arztebl 2002; 99(26): A-1794 / B-1518 / C-1416

Rabbata, Samir

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Physisch und psychisch oft extrem belastet: Fernfahrer mit überlangen Lenkzeiten Foto: BilderBox
Physisch und psychisch oft extrem belastet: Fernfahrer mit überlangen Lenkzeiten Foto: BilderBox
Ungesunde Arbeitsbedingungen demotivieren Mitarbeiter und führen zu Kosten in Milliardenhöhe. Mit einer breit angelegten Initiative soll diesem Problem begegnet werden.

Das Bündnis für Arbeit tritt auf der Stelle, beim Bau und im Dienstleistungssektor stehen die Zeichen auf Streik, und die Arbeitslosenquote in Deutschland liegt bei 9,5 Prozent. Kurzum: Bundesarbeitsminister Walter Riester (SPD) hat rund drei Monate vor den Bundestagswahlen am 22. September alle Hände voll zu tun.
Wenig Zeit bleibt da für so genannte weiche arbeitsmarktpolitische Themen wie der Etablierung menschengerechter und gesunder Arbeitsplätze. Dabei steht außer Frage: Ungesunde Arbeitsbedingungen führen zu Produktionsausfällen. Sie belasten die sozialen Sicherungssysteme durch geringere Einnahmen und vermeidbare Gesundheitsleistungen. Die vermeintlich „weichen“ Politikbereiche können Kosten in Milliardenhöhe verursachen. Konservative Schätzungen gehen von einer Belastung für die Volkswirtschaft von jährlich rund 28 Milliarden Euro aus. Dies hat auch die Politik erkannt und noch rechtzeitig zur Wahl mit der „Initiative Neue Qualität der Arbeit“ (inqa) reagiert.
In diesem Jahr werden 25 Projekte gefördert, die sich mit innovativen Verbesserungen auf dem Feld der Sicherheit und des Gesundheitsschutzes beschäftigen. Das Motto der von der Bertelsmann- und der Hans-Böckler-Stiftung unterstützten Initiative: „Gemeinsames Handeln – jeder in seiner Verantwortung.“ Beteiligt sind Bund, Länder und Sozialversicherungsträger sowie Sozialpartner und Unternehmen. Verfolgt werden drei strategische Ansätze:
- Initiierung einer breiten gesellschaftlichen Debatte
- Formulierung von Vereinbarungen zu praxisrelevanten branchenbezogenen Aktivitäten
- Realisierung branchenübergreifender Aktivitäten zur Gestaltung der Arbeit.
„Gerade wenn wir langfristig und nachhaltig unseren Arbeitsmarkt in Ordnung bringen und unsere sozialen Sicherungssysteme erhalten wollen, brauchen wir moderne, qualitativ hochwertige und wettbewerbsfähige Arbeitsplätze“, sagte Riester bei der Vorstellung der Initiative in Berlin. In einer ersten Phase liegt das Schwergewicht der Aktivitäten im Bereich „Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit“. Riester wies darauf hin, dass der Bedarf an Förderprojekten enorm groß sei. Projektanträge von Gewerkschaften und Unternehmen zu „psychischen Fehlbelastungen in Metallbetrieben“ gingen nach den Worten des Ministers ebenso ein wie Projektanträge von Universitäten zur „physischen Beanspruchung im Bereich Pflege“. Besonders Einzelbetriebe zeigten sich interessiert, wie sie von dem kooperativen Charakter der Initiative profitieren könnten, erläuterte Riester.
„Die Zeit drängt“, warnte Dr. h.c. Hermann Rappe (SPD), Vorsitzender der gemeinsamen Expertenkommission von Bertelsmann- und Hans-Böckler-Stiftung. Der ehemalige Vorsitzende der IG-Chemie betonte, dass es nicht nur darum gehe, sich Gedanken zu diesem Thema zu machen und „diese dann in Goldrand gebunden wegzuschließen“. Vielmehr müsse jetzt gehandelt werden: „Wir müssen es hinbekommen, dass der Fernfahrer seine Lenkzeit einhalten kann, damit er nicht länger von arbeitsbedingten psychischen und physischen Belastungen bedroht ist.“ Leistungsdruck führe nur vordergründig zu guten Betriebsergebnissen. Auf Dauer wachse aber die Leistungskraft im Unternehmen nur, wenn die Beschäftigten gesund und zufrieden seien. „Gesundheitskultur muss zur Unternehmenskultur werden, mit gleichwertiger Priorität wie die wirtschaftlichen Unternehmensziele“, so Rappe. Ein großer Erfolg der inqa wäre es, wenn künftig in Vorstandssitzungen großer Unternehmen genauso selbstverständlich über betriebliche Gesundheitspolitik diskutiert würde wie über Umsätze und Bilanzen.
Der Handlungsspielraum des Gesetzgebers sei dagegen relativ gering, räumte Rappe ein. Vielmehr müsse bei den Unternehmen die Bereitschaft für Reformen erzeugt werden. Auch der Betriebsrat könne Druck ausüben. „Warum nicht auf Betriebsversammlungen über gesundheitliche Fragen diskutieren? Wünschenswert wäre auch die Etablierung betrieblicher Gesundheitsausschüsse“, so Rappe.
Die Expertenkommission beider Stiftungen erarbeitet derzeit Vorschläge für eine Verbesserung der betrieblichen Gesundheitspolitik. Mit einer ersten Zwischenbilanz wird im Oktober gerechnet. Für Ende nächsten Jahres kündigten die Experten ihren Abschlussbericht an.
Samir Rabbata
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