ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2002Fortbildung: Update für die Arbeit

POLITIK

Fortbildung: Update für die Arbeit

Dtsch Arztebl 2002; 99(26): A-1797 / B-1520 / C-1418

Rabbata, Samir

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Sie plädiert für eine morbiditätsorientierte Pauschale im hausärztlichen Bereich: Ulla Schmidt Foto: H. Lüders, Berlin
Sie plädiert für eine morbiditätsorientierte Pauschale im hausärztlichen Bereich: Ulla Schmidt Foto: H. Lüders, Berlin
Eine umfassende und qualitätsgesicherte Fortbildung hat sich
der 51. Deutsche Ärztekongress auf seine Fahnen geschrieben.

Arzt, wer bist Du?“ Eine schwierige Frage, die der Berliner Ärztekammerpräsident, Dr. med. Günther Jonitz, den Besuchern des 51. Deutschen Ärztekongresses in Berlin stellte. Die Rolle des Arztes war nur eines von mehr als 60 meist medizinischen Themen, mit denen sich die Teilnehmer der Tagung beschäftigten. Von Atemwegserkrankungen über neue Osteoporosetherapien bis zum Grundkurs Hypnose reichte die Palette der Schulungsangebote. „Hier bekommen Ärzte das Update für ihre Arbeit“, fasste Jonitz das Ziel der Veranstaltung zusammen. Unmittelbar vor der nächsten großen Gesundheitsreform in der kommenden Legislaturperiode standen aber auch gesundheitspolitische Themen im Mittelpunkt des Kongresses.
Welche Anforderungen müssen Ärzte angesichts von Leitlinien-Medizin und verstärkter Patientenorientierung erfüllen, und wie unabhängig sind Ärzte bei ihrer Entscheidungsfindung im Alltag? Für Jonitz steht außer Frage: „Nicht nur das Gesundheitswesen ist im Umbruch, sondern auch der Arztberuf.“ Dabei stünden Ärzte häufig vor dem Dilemma, dass sie einerseits gute Ärzte sein wollen, ökonomische Zwänge es aber schwieriger machten, eine gute Medizin anzubieten.
Ein Problem, für das auch Prof. Dr. med. Friedrich Wilhelm Schwartz, Vorsitzender des Sachverständigenrates für die Konzertierte Aktion im Gesundheitswesen, keine adäquate Lösung hatte. Es sei richtig, dass der Sachverständigenrat eine größere Patientenorientierung in der Medizin empfiehlt. Allerdings ständen dem oftmals unzureichende finanzielle Ressourcen entgegen, räumte Schwartz ein. Ärztliche Anordnungen würden von Patienten häufig nicht befolgt. „Arzneimittel im Wert von rund fünf Milliarden Euro werden nicht eingenommen, sondern landen auf dem Müll oder werden zurückgegeben“, beklagte Schwartz. Dabei hätten Untersuchungen bewiesen: „Mehr Patientengespräche führen zu höherer Compliance.“ Dieses Mittel werde von Ärzten derzeit aber zu wenig genutzt.
Schmidt kündigt Reformen bei der Vergütung an
Nach Einschätzung von Prof. Dr. med. Johannes Köbberling, Wuppertal, müssten bei der Ursachenforschung Defizite in der Vergütung einbezogen werden. „Wie in anderen Berufsgruppen zählt auch bei Ärzten die Gewinnmaximierung zu den wichtigsten Anreizen. Wenn therapeutisches ,Nicht-Handeln‘ nicht vergütet wird, bleibt häufig nur der Weg in den Aktionismus“, gab Köbberling zu bedenken.
Dass Reformen im Gesundheitswesen nötig sind, steht auch für Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt außer Frage. In Übereinstimmung mit dem Ehrenpräsidenten der Bundes­ärzte­kammer, Prof. Dr. med. Karsten Vilmar, betonte Schmidt in ihrem Grußwort, dass vor allem in der Prävention und in der Gesund­heits­förder­ung Defizite bestünden. Unerlässlich sei außerdem eine Anpassung der Versorgungsstrukturen im Gesundheitswesen, so Vilmar.
Handlungsbedarf sieht Schmidt auch bei der Vergütung; sie spricht sich für die Abschaffung „floatender“ Punktwerte aus. Stattdessen sollte sich die Vergütung von Fachärzten an diagnoseorientierten Fallpauschalen ausrichten. Für den hausärztlichen Bereich müsse es künftig eine morbiditätsorientierte Pauschale geben.
Bei aller Kritik am Gesundheitswesen verwahrte sich Schmidt jedoch gegen den Vorwurf der Zweiklassenmedizin. „Damit werden diejenigen angegriffen, die tagtäglich im Gesundheitswesen arbeiten.“ Noch immer gelte für alle gesetzlich Versicherten das gleiche Leistungsangebot. Daran werde sich auch nach einer rot-grünen Gesundheitsreform nichts ändern. Schmidt: „Der Leistungskatalog wird auch in Zukunft alles medizinisch Notwendige enthalten.“
Vorschlägen für Grund- und Wahlleistungen sowie Selbstbehalten erteilte Schmidt eine Absage. Die Ministerin wies darauf hin, dass bei einer Beitragsrückerstattung, wie von der Opposition gefordert, den gesetzlichen Krankenkassen rund fünf Milliarden Euro entzogen würden – Geld, das in nahezu allen Bereichen des Gesundheitswesens dringend gebraucht werde. Samir Rabbata
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