ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2002Biogen Inc.: Munteres Marketing

POLITIK

Biogen Inc.: Munteres Marketing

Dtsch Arztebl 2002; 99(26): A-1802 / B-1523 / C-1421

Maes, Hans-Joachim

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Über das merkwürdige „Product Placement“ eines
Präparates zur Therapie der multiplen Sklerose

Etwa 300 000 US-Bürger leiden an multipler Sklerose (MS), 1,1 Millionen Menschen weltweit (1). Die Behandlung wird laut einer Beschreibung der „American Academy of Neurology“ in drei Kategorien versucht:
« symptomatisch
¬ während MS-Attacken und
­ den Verlauf der Erkrankung modifizierend („immunmodulatorische Stufentherapie der MS“) (2).
In letzterer Gruppe spielen Interferone die tragenden Rollen. 1993 wurde
in den USA mit Interferon beta-1b (Betaseron®) erstmals ein Interferon zur Behandlung von MS zugelassen; hinzugekommen sind Interferon beta-1a (Avonex®), Copolymer 1 (Copaxone®) und seit März 2002 Rebif® (3). Die Interferone haben erhebliche wirtschaftliche Bedeutung: Jeder neu gewonnene Patient beschert den Herstellern einen Umsatz von etwa
15 000 Euro jährlich.
Avonex ist in den USA nach dem „Orphan Drug Act“ (4) zugelassen. Das Gesetz soll Firmen ermuntern, Medikamente zur Behandlung „seltener Erkrankungen“ (definiert als solche, die weniger als 200 000 US-Bürger betreffen) zu entwickeln. Lohn dafür sind steuerliche Priviligien und ein sieben Jahre dauernder Schutz vor Nachahmerpräparaten („copy cats“) – es sei denn, der auch für die Zulassung von Orphan Drugs zuständigen Food and Drug Administration (FDA) könnte die Überlegenheit eines anderen Medikaments nachgewiesen werden (5).
Mit Schreiben vom 22. November 2000 wurde Avonex-Hersteller Biogen Inc. von der FDA wegen Verstöße gegen das Gesetz (6) angeschrieben (7); die FDA war zu dem Schluss gekommen, Aussagen von Biogen Inc. zu Avonex seien „falsch und/oder irreführend“ (8) gewesen. Die Feststellungen bezogen sich auf Werbeanzeigen, Briefe an Ärzte, Broschüren, Pressemitteilungen und Werbematerial, zum Beispiel:
- Die Erklärung, Avonex sei Kon-kurrenzpräparaten überlegen (FDA: „falsch und irreführend“) (9),
- Methodischer Mangel (FDA: Exakter Bezug zwischen MRI-Daten und dem klinischen Zustand der Patienten fehle) (10),
- Falsche Angabe zu Nebenwirkungen der Applikation (FDA: keine „seltenen“ Nebenwirkungen; Aussagen zur Injektion seien „weite Generalisierungen“ ohne jegliche klinische Daten, somit „irreführend“) (11),
- Falscher Kontext: Für eine Indikation, bei der Biogen Inc. Erfolge reklamierte, war Avonex gar nicht zugelassen (12),
- Falsche Bewertung: Die Aussage, Avonex sei das „in der Welt führende Medikament für MS“ und in seiner Wirksamkeit „unübertroffen“, sei „irreführend“, da es keine adäquaten Vergleichsstudien gebe (13),
- Irreführendes Eigenlob: Biogen Inc. hatte – beim Vergleich mit einem Konkurrenzprodukt – erklärt, die Zufriedenheit mit Avonex sei „sehr hoch“. FDA: Der dafür genannte p-Wert sei „nicht signifikant“ (14).
Rüffel von der FDA
Die FDA forderte die sofortige Abstellung dieser Mängel und bemerkte abschließend, dieses Schreiben sei keine „all-inclusive-list“ aller Mängel, die Biogen Inc. in der Werbung für Avonex unterlaufen seien (15). Das war Ende November 2000. Wie hat Biogen Inc. auf die FDA-Rüffel reagiert? Schlitzohrig, analysiert man aktuelle Aussagen des Unternehmens. Im Detail:
- Die Erklärung zu „seltenen Nebenwirkungen“ der Injektion wird nach wie vor verbreitet, jetzt sogar mit dem Zusatz: „Erwarten Sie geringe oder keine Reaktionen an der Injektionsstelle“ (16). Das sah übrigens der medizinische Direktor von Biogen Deutschland einmal gänzlich anders; injektionsbedingte Hautreaktionen habe man bei „52 Prozent der Patienten“ festgestellt (17).
- Zu Avonex-Nebenwirkungen macht Biogen Inc. widersprüchliche Aussagen. So heißt es in einem Papier über „Klinische Studienergebnisse mit Avonex“: „Denken Sie daran, dass Nebenwirkungen im Laufe der Zeit geringer werden.“ (18). Bezug sind hier alle Nebenwirkungen. Im Papier „Warum Avonex?“ wird formuliert: „Die meisten Nebenwirkungen sind handhabbar, voraussagbar und tendieren dazu, im Laufe der Zeit zu verschwinden.“ (19).
Exakt diese Formulierung findet sich im oben zitierten Papier über „Klinische Studienergebnisse“, nur ist der Bezug ein anderer. Biogen Inc. verweist nicht auf „side effects“ allgemein (die tendenziell geringer würden), sondern auf „diese“ Nebenwirkungen – gemeint sind hier Grippe-Symptome, die „in den ersten Stufen der Therapie“ auftreten könnten.
Variante im Text „Häufig gestellte Fragen“: „In den frühen Stadien der Therapie könnten Sie grippeähnliche Symptome, Muskelschmerzen, Fieber und Schüttelfrost bekommen. Diese verschwinden normalerweise innerhalb von 24 Stunden nach der Injektion. Die meisten Nebenwirkungen tendieren dazu, geringer zu werden, wenn Sie den Gebrauch von Avonex über die Zeit fortsetzen.“ (20) In diesem Text hat Biogen Inc. wiederum die Grippe-Symptome beschrieben, die Aussage aber auf alle Nebenwirkungen bezogen. In einer früheren Fassung dieses Textes hatte es geheißen: „In einer größeren klinischen Studie mit Avonex haben nur vier Prozent der Patienten die Therapie wegen Nebenwirkungen nicht fortgesetzt.“ (21). Die aktuelle Version (am 8. Juni 2002 von der Homepage von Biogen Inc. abgerufen) vermittelt jetzt einen neuen Inhalt: „In einer klinischen Studie mit Avonex hatten nur vier Prozent (sechs von 158) der Avonex-Empfänger Hautreaktionen an der Injektionsstelle.“ (21a).
- Ein Vergleich der für Laien/Patienten gedachten Nebenwirkungsangaben mit denen der „Kompletten Verschreibungsinformation“ (22): In der dortigen Tabelle 2 werden Placebo-Empfänger (n = 143) und Avonex-Empfänger verglichen (n = 158) (23). Nebenwirkungen bei Avonex-Empfängern liegen bei allen 45 Parametern höher als bei der Placebo-Gruppe. In Biogens Laien/Patienten-Text werden sieben Parameter herausgegriffen und nach einem unerklärten Schema als „Statistically Different Yes/No“ eingestuft. Ergebnis: viermal „yes“, dreimal „no“, wobei „yes“ bedeutet, die Nebenwirkung sei durch Avonex verursacht. Der Parameter „Anämie“, in der „kompletten“ Version ebenfalls mit „yes“ gewichtet, fehlt in der Patientenversion (24).
- Avonex wird nach wie vor als „weltweit führendes MS-Medikament“ angepriesen, sogar neu formuliert (Avonex werde „von mehr Menschen genommen als alle anderen MS-Therapien zusammen“) (25).
- Auch die – laut FDA irreführende – Angabe „Höchste Patientenzufriedenheit im Vergleich zu Betaseron und Copaxone“ findet sich noch (26).
Neues Messinstrument
In ihren „Research Highlights Summer/Fall 2000“ berichtete die „National MS Society“ (NMSS) über „MSFC“ (The Multiple Sclerosis Functional Composite), einem von einer „Task Force“ der Gesellschaft gemeinsam mit Biogen Inc. entwickelten Messinstrument (27). Damit könne eine Behinderung wesentlich besser vorausgesagt werden als mit bisherigen Mitteln – zum Beispiel der EDSS-Skala (28). Weiter hieß es, aktuell berichtete „klinische Erfahrungen“ – gemeint: Avonex-Studien – zeigten die Überlegenheit des MSFC. Um das Lob gewichtig zu machen, stellte die NMSS fest: „MSFC wurde seit seiner Einführung in nahezu jede größere klinische MS-Studie eingebaut; es wird benutzt als Messinstrument für das primäre Ergebnis bei der internationalen Avonex-Studie zu sekundär progressiver MS“ (29).
Diese Erklärung ist nur korrekt, was die Verwendung bei Avonex-Studien angeht. Nach einer aktuellen Medline-Abfrage tauchte MSFC in nur wenigen Studien auf (30); die wichtigen zu „MSFC als Instrument“ sind von Biogen Inc. beeinflusst: Autoren waren Angestellte von Biogen Inc., andere hatten Honorare und/oder Forschungsgelder von Biogen Inc. erhalten, wiederum andere waren indirekt über eine Klinik entlohnt worden (31). Entgegen der Ankündigung in Arch Neurol, 58, (S. 967) war bei der National MS Society Ende November 2001 nichts über MSFC zu erfahren.
Am 29. März 2001 ging ein „Warnschreiben“ der FDA an Biogen Inc. (32). Inhalt: Biogen Inc. habe gegen den „Federal Food, Drug, and Cosmetic Act“ und gegen den „Code of Federal Regulations“ verstoßen, mehrfach und fortgesetzt. Die FDA drohte diesmal harte Maßnahmen (Beschlagnahmung, richterliche Anordnungen, Verhängung von Strafen) an, falls Biogen Inc. nicht sofort gesetzeswidrige Handlungen einstelle.
Stein dieses Anstoßes war Biogens Pressemitteilung vom 16. Januar 2001, überschrieben: „Neue Studie mit Biogens Avonex zu sekundären progressiven MS erreicht primären Endpunkt“. „Falsch und irreführend“, so die FDA, sei die erneute Verwendung des Instruments MSFC durch Biogen Inc. Mehrfach (23. Juli 1998, 6. Dezember 1999,
8. März 2000) habe die FDA Biogen Inc. darauf hingewiesen. Feststellung der FDA:
- MSFC ist nicht validiert zur Messung klinischer Effizienz;
- Es war nicht zulässig, MSFC als primären Endpunkt in einer „Phase 3“-Studie einzusetzen;
- MSFC war auch nicht zur Dokumentation eines Nutzens bei „sekundärer MS“ verwendbar, kurzum:
„FDA hat festgestelllt, dass MSFC ein nicht zulässiger primärer Wirksamkeitsendpunkt ist. Daher ist jede Darstellung oder jeder Anspruch zum Nutzen des MSFC als primärem Endpunkt, basierend auf Daten aus dieser Studie, falsch und irreführend.“ (33). Biogen Inc. hat auf die Warnung der FDA reagiert und verwendet MSFC nicht mehr selbst.

Die Zahlen in Klammern beziehen sich auf das
Literaturverzeichnis, das beim Autor verfügbar ist
(www.wissdok.com/ms/ms start.html).

Anschrift des Verfassers:
Hans-Joachim Maes
Wissenschaft + Dokumentation GmbH
Saatwinkler Damm 42 a, 13627 Berlin
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema