ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2002Lebenssituation HIV-Infizierter: Große materielle Not

POLITIK

Lebenssituation HIV-Infizierter: Große materielle Not

Dtsch Arztebl 2002; 99(26): A-1804 / B-1527 / C-1423

Bühring, Petra

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LNSLNS Die soziale Situation von Aidskranken ist aufgrund der längeren Lebensdauer schwieriger geworden. Darauf wies die Deutsche Aids-Stiftung hin.

Begonnen hat die Deutsche Aids-Stiftung ihre Arbeit vor 15 Jahren in einer aufgeheizten gesellschaftlichen Stimmung, geprägt durch die Angst, sich mit HIV zu infizieren. Das Informationsdefizit der Bevölkerung war groß. Vermeintlichen Schutz versprach man sich durch Ausgrenzung der HIV-Infizierten, die hauptsächlich unter Homosexuellen und Drogenabhängigen gesucht wurden. „Das Engagement von Künstlern, Publizisten, Kirchen und Politikern hat viel zur Aufklärung, zur Überwindung der Aids-Hysterie beigetragen“, resümierte Prof. Dr. Rita Süssmuth, Vorsitzende des Kuratoriums der Deutschen Aids-Stiftung, bei der Jahrespressekonferenz am 18. Juni in Bonn. Ende der 80er-Jahre war die Zahl der Aidstoten sehr hoch. Dank verbesserter Therapien und wirksamer Medikamente leben Aidspatienten in den Industrienationen heute wesentlich länger.
Daraus ergeben sich andere Probleme: „Aids wird zunehmend eine Erkrankung der Armen – diejenigen, die erkrankt sind, werden immer ärmer“, stellt Rainer Jarchow, Aids-Seelsorger in Hamburg und Vorsitzender des Fachbeirats, fest. Der größte Teil der Spendengelder der Stiftung fließt daher in die Einzelfallhilfe: 16,5 Millionen Euro hat die Stiftung seit ihrer Gründung aufgebracht. Der größte Teil der Summe kam bei Benefiz-Projekten zusammen. Ein Grund für die materielle Not der Betroffenen: Die meisten sind auf Sozialhilfe angewiesen. Rentenansprüche bestehen meist nicht, denn fast 70 Prozent der Erkrankten sind jünger als 40 Jahre. Perspektiven gibt es für viele heute zwar durch eine partielle Rückkehr ins Berufsleben. Doch dies scheitere häufig an den Bedingungen des Arbeitsmarktes. Jarchow wünscht sich von den Arbeitgebern, Aidspatienten trotz ihrer Einschränkungen zu unterstützen. Die Deutsche Aids-Stiftung setzt bei der Förderung einen Schwerpunkt auf Projekte, die der Rückkehr in die Erwerbstätigkeit dienen.
Die materielle Not der betroffenen Frauen ist größer als die der Männer. Obwohl im Jahr 2001 nur rund zwölf Prozent der Infizierten weiblich waren, stellten sie 26 Prozent der Anträge an die Deutsche Aids-Stiftung. 70 Prozent der infizierten Frauen leben von Sozialhilfe. Ebenfalls 70 Prozent der antragstellenden Frauen mit Kindern im Haushalt waren zudem allein erziehend. Diese hohe Zahl verweise auf das häufige Zerbrechen familiärer Strukturen, wenn HIV diagnostiziert wird, betonte der geschäftsführende Vorstand Dr. Ulrich Heide. Überproportional häufig stellten neben den Frauen vor allem Jüngere und Drogenabhängige Anträge an die Stiftung. Mit mehr als 25 Prozent (von 4 380 Anträgen) wurden zudem Menschen und Projekte in Berlin unterstützt. 50 Prozent der HIV-Infizierten leben in Berlin, Hamburg, Düsseldorf, Köln, Frankfurt und München.
Probleme sieht Rita Süssmuth in der HIV-Prävention bei Migranten, die nur schwer zugänglich seien. Verstärkt will die Stiftung daher entsprechende Projekte fördern, zum Beispiel ein Projekt der Caritas in Essen, das schwarzafrikanische Migranten betreut. Ausgebaut werden soll auch das internationale Engagement, denn von den mehr als 30 Millionen Menschen mit HIV und Aids weltweit (Zahlen nach UNAIDS), leben allein 95 Prozent in Entwicklungsländern. Die Dramatik der Situation veranschaulichte Heide: „In Botswana und Sambia sterben jährlich mehr Lehrer an Aids als ausgebildet werden.“
Zahl der Neuinfektionen in USA und Großbritannien gestiegen
Die hohe HIV-Ausbreitung vor allem im südlichen Afrika hat durch die Globalisierung auch Auswirkungen auf die Industrienationen: Die Zahl der Neuinfektionen in den USA und in Großbritannien steigt wieder und auch für Deutschland meldet das Robert Koch-Institut einen Anstieg der Neuinfizierten. Beobachtet wird auch ein zunehmend leichtfertigeres Verhalten im Umgang mit sexuellen Kontakten bei Jugendlichen. Die Deutsche Aids-Stiftung setzt daher auf die Entwicklung eines Impfstoffes, der die Übertragung von HIV einschränkt. Durch die Zusammenarbeit mit der International Aids Vaccine Initiative (IAVI) will die Stiftung deutschen Instituten und Organisationen verstärkt ermöglichen, an der Impfstoffentwicklung teilzunehmen. Benötigt wird hierfür auch finanzielle und politische Unterstützung. Petra Bühring

Informationen:
Deutsche Aids-Stiftung, Markt 26, 53111 Bonn, Telefon: 02 28/60 46 90, Fax: 02 28/60 46 999, E-Mail: info@aids-stiftung.de, www.aids-stiftung.de

Spendenkonto: 4004, Westdeutsche Landesbank Köln,
Bankleitzahl: 370 500 00
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