ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2002HIV-Infektion: Bereits im akuten Stadium intensive Therapie

POLITIK: Medizinreport

HIV-Infektion: Bereits im akuten Stadium intensive Therapie

Dtsch Arztebl 2002; 99(26): A-1805 / B-1528 / C-1424

Jäger, Hans; Knechten, Heribert

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Blick durch das Elektronenmikroskop: Ein HI-Virus attackiert die Wirtszelle. Foto: Archiv
Blick durch das Elektronenmikroskop: Ein HI-Virus attackiert die Wirtszelle. Foto: Archiv
Eine antiretrovirale Behandlung im Frühstadium der Infektionserkrankung,
die wegen teilweise unspezifischer Symptome häufig zu selten erkannt wird, scheint den Patienten im weiteren Verlauf Vorteile zu bieten.

Auf der Grundlage der Zahlen des Robert Koch-Institutes ist jährlich bundesweit mit 2 000 neuen HIV-Infektionen zu rechnen. Eine US- Studie zeigt, dass vom Zeitpunkt des ersten Arztbesuches mehrere Wochen – in einigen Fällen bis zu zwei Monaten – vergehen, bis die richtige Diagnose gestellt wird. Mehr als die Hälfte der betroffenen Patienten muss dazu dreimal oder häufiger den Arzt aufsuchen.
Vor allem wegen unspezifischer Symptome wie Fieber, Nachtschweiß, Haut- und Schleimhautveränderungen, Müdigkeit, Lymphknotenschwellungen oder Leistungsschwäche ist die Diagnose der akuten HIV-Infektion schwer zu stellen. Auch ein weitgehend klinisch stummer Verlauf ist möglich. Partneruntersuchungen sind – selbstverständlich mit Einverständnis der Betroffenen – anzustreben.
Patienten mit den geschilderten Beschwerden finden sich außer in den Praxen von Allgemeinmedizinern und Internisten bei HNO-Ärzten, Dermatologen, in Krankenhaus-Ambulanzen sowie bei fast jeder anderen Fachgruppe. Sie gehören in Deutschland zu deutlich mehr als der Hälfte zur Gruppe homo/bisexueller Männer, berichten dies jedoch dem behandelnden Arzt oft nicht, was zu einer Verzögerung der Diagnose führen kann.
Das Standardtestverfahren, der HIV-Antikörpertest (ELISA plus Western-Blot-Bestätigung) spricht wegen des diagnostischen Fensters erst nach einigen Wochen an. Der in erster Linie zur Viruslastbestimmung und zum Therapiemonitoring benutzte PCR- oder bDNA-Test spricht etwa ab dem zwölften Tag nach dem Infektionszeitpunkt an. Häufig finden sich dann sehr hohe Virusbelastungen, meistens zwischen etwa einer halben bis mehreren Millionen (Medianwert 750 000, Range circa 9 000 bis 90 Millionen Kopien/ml). Wegen dieser häufig hohen Virusbelastung im Blut und in den Genitalsekreten (bei noch negativem HIV-Antikörpertest) ist von einer oft deutlich erhöhten Infektiosität dieser Patienten bei sexuellen Kontakten auszugehen, die in Modellberechnungen mit dem Zwanzigfachen der üblichen Infektiosität angegeben wird.
Zum Zeitpunkt der akuten HIV-Infektion ist bei den betroffenen Patienten von einer relativ homogenen Viruspopulation und einem noch gut erhaltenen immunologischen Repertoire auszugehen. Deshalb gilt für diese Gruppe die sonst im Rahmen der HIV-Infektion weitgehend außer Kraft gesetzte Maxime „hit hard and early“ in besonderer Weise. Die frühe und intensive Therapie kann dazu beitragen, das Immunrepertoire zu erhalten und die Viruslast schnell zu senken.
In dieser Gruppe, so zeigen erste Studien, ist der gezielte Einsatz von Therapiepausen aus immunologischen und virologischen Erwägungen (Autovakzine) sinnvoll und kann bei einigen Patienten dazu führen, dass etwa ein Jahr nach Behandlungsbeginn ein auch längerfristiges Absetzen der Therapie in Erwägung gezogen werden kann. Dies vor dem Hintergrund, dass es bei einem erheblichen Teil von Patienten in entsprechenden, bisher allerdings kleinen Studien, nicht zu einem nennenswerten Viruswiederanstieg nach Absetzen der Therapie gekommen ist.
Die Deutsche Arbeitsgemeinschaft niedergelassener Ärzte in der Versorgung HlV-Infizierter e.V. (DAGNÄ) hat Anfang 2002 ein bundesweites Projekt gestartet, in dem anonym die Daten von Patienten mit akuter HIV-Infektion gesammelt und ausgewertet werden. Vorgeschlagen werden verschiedene Therapierregime, in denen auch Pausen vorgesehen sind. Die Behandlung wird individualisiert durchgeführt. Nähere Informationen hierzu sowie zu spezialisierten Ärzten in der näheren Umgebung sind zu erhalten in der Geschäftsstelle der DAGNÄ in Aachen (Telefon: 02 41/2 67 99) oder beim Koordinationszentrum für das Projekt, MUC Research in München (Telefon: 0 89/59 98 93-3).
Dr. med. Hans Jäger, Dr. med. Heribert Knechten

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