ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2002Prävention: Nicht vom Lehrerpult

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Prävention: Nicht vom Lehrerpult

Dtsch Arztebl 2002; 99(26): A-1807 / B-1530 / C-1426

Dlubis-Mertens, Karin

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Aktivitäten sollten nach Ansicht von Experten gebündelt
werden. Abhilfe soll künftig ein Präventionsgesetz schaffen.

Man kann nicht Gesundheitsziele auf die Bevölkerung herabregnen lassen. Wenn man Pech hat, dann macht sie den Regenschirm auf“ – so veranschaulichte Prof. Dr. Rolf Rosenbrock, Professor für Gesundheitspolitik an der TU Berlin, die Problematik vieler gutgemeinter Präventionsansätze. Eine Gesundheitserziehung vom Lehrerpult aus bringe nichts, betonte der seit 30 Jahren mit diesem Themenkomplex vertraute Wissenschaftler auf dem Hauptstadtkongress „Medizin und Gesundheit“.
Schon seit 25 Jahren werde das schiefe Verhältnis von Behandlung und Vorbeugung beklagt, sagte Rolf Stuppardt, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbandes der Innungskrankenkassen. Zwar seien sich alle über Partei- und Institutionengrenzen hinweg einig, dass man verstärkt präventiv tätig werden müsse. Doch bestünde eine besondere Schwierigkeit in Deutschland darin, die Aktivitäten sämtlicher Entscheidungsträger zu bündeln. Diverse Allergie-, Rücken-, Herz-Kreislauf- und ähnliche Programme würden weitgehend ohne Koordination und Kooperation angeboten. Als rechtlicher Rahmen für eine verbesserte Zielausrichtung könnte ein Präventionsgesetz dienen. Wichtiger sei jedoch ein breiter gesellschaftlicher Konsens bezüglich der Präventionsschwerpunkte. !
Besonders gelungen sei die Aids- und HIV-Prävention in Deutschland, die internationale Anerkennung gefunden habe, sagte Dr. Klaus Theo Schröder, Staatssekretär im Bundesministerium für Gesundheit. Ebenfalls sehr erfolgreich sei die betriebliche Gesund­heits­förder­ung, mit deren Hilfe es zu einer Senkung der krankheitsbedingten Fehlzeiten um 30 Prozent gekommen sei. Zwei weitere notwendige Ansatzpunkte seien höhere Altersgruppen und die sozial bedingte Ungleichheit vor Krankheit und Tod. So hätten Abiturienten eine um fünf Jahre höhere Lebens-
erwartung als Jugendliche ohne derartige Bildungsressourcen, berichtete Rosenbrock.
Gezielte Ansätze nötig
Dem gegenüber steht, dass Angebote für Adipositas-, Asthma- oder Schlaganfall-Risikokandidaten eher von Mittelschichtsangehörigen in Anspruch genommen werden. Um sozial benachteiligte Bevölkerungsgruppen zu erreichen, sei eine Mischung aus Verhaltens- und Verhältnisprävention notwendig, erklärte Stuppardt. Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe, Präsident der Bundes­ärzte­kammer, machte deutlich, dass Ärzte den Patienten in der Regel erst nach „gescheiterter Prävention“ in ihrem Sprechzimmer sehen. Ihre Aufgabe bestünde vor allem in der individuellen Gesundheitsberatung und in der Mitwirkung an Gesundheitsprogrammen. Mit der Primärprävention müsse bereits im Kindes- und Jugendalter begonnen werden.
Damit im deutschen Gesundheitswesen die Prävention zur „vierten Säule“ neben Akutbehandlung, Rehabilitation und Pflege werden könne, seien neben nationalen Gesundheitszielen vor allem Umsetzungsstrategien nötig, erklärte Staatssekretär Schröder. An der Finanzierung müssten sich Krankenkassen wie auch Bund, Länder und Gemeinden beteiligen. Erste Schritte in Richtung Solidargemeinschaft sind in Sicht: Stuppardt kündigte ein gemeinsames Strategiepapier der GKV an, das noch in diesem Monat verabschiedet werden soll. Karin Dlubis-Mertens
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